Kultur

Arnulf Rating zu Gast in der „Kulturhauptstadt Europas“

Arnulf Rating präsentiert dem Publikum im Stadtsaal seine persönliche Jahrespresseschau.

Arnulf Rating präsentiert dem Publikum im Stadtsaal seine persönliche Jahrespresseschau.

Foto: Jessica Börner

Wetter.  Dieser Abend mit Kabarettist Arnulf Rating dürfte bei manchem Zuschauer Spuren hinterlassen haben: Muskelkater und Gedankenspiele.

Seit Jahrzehnten ist Arnulf Rating mit seinem Kabarett am Puls der Zeit. Am Sonntag Abend macht er mit seiner Jahrespresseschau 2019 in Wetter Station. Stets sucht er den lokalen Bezug. „Lichtburg? Und alle Leute sitzen im Dunkeln? Das kann nur technisches Problem sein…“. Das Publikum tobt. Zur Hauptsendezeit des Tatorts zieht er im Stadtsaal Bilanz über die großen Entwicklungen der letzten 20 Jahre. Einiges in der Politik hat gut funktioniert. Vieles nicht. Hierfür orientiert sich Rating an den Schlagzeilen der BILD-Zeitung sowie der (über-) regionalen Presse, die wie ein roter Faden durch die Veranstaltung führen. Diese setzt er in direkten Bezug zur lokalen Zeitung. Aus der Berichterstattung zieht er seine eigenen Schlüsse.

Kuriositätenkabinett des Mediendschungels

Zum Jahresende packt er seine gesammelten Machwerke zusammen und serviert erlesene Köstlichkeiten aus dem Kuriositätenkabinett des Mediendschungels. Mit geschliffenen Worten und großem Vergnügen wird der Mief aus medialen Filterblasen abgelassen. Ein pointierter Blick zurück auf prominente Peinlichkeiten. Und das, was wirklich schiefgelaufen ist. Die ultimative Presserückschau. Zum Lachen. Zum Weinen. Zum Wundern. Befreiend. Erfrischend.

Top-Thema des Abends waren unter anderem die Folgen der permanent fortschreitenden Digitalisierung und die Folgen für die neue Generation: Was macht die papierlose, digitale Generation eigentlich auf dem WC? Darüber möchte Rating lieber nicht weiter nachdenken – und widmet sich daher seinem bevorzugten Forschungsobjekt in diesem Kontext: Beziehungskiller Smartphone? Wie wirkt sich das Smartphone eigentlich auf die Partnerschaft aus? Dieser Punkt interessiert Rating besonders. Schließlich macht er sich große Sorgen um die neue Generation. Selbstverständlich sind seine Thesen allesamt wissenschaftlich untermauert. „Studien belegen: Jeden Tag wird das Smartphone ganze 172 Meter geswiped und `gestreichelt‘ – sogar im Bett. Da kommt der menschliche Partner gar nicht mit. Wir reden mit dem Smartphone – und es antwortet. Ein Feature, das in manchen Männern gar nicht eingebaut wurde. Wenn mir die Stimme nicht passt, kann ich sie wechseln. Auch wenn ich mich verfahre, wird die Route einfach neu berechnet. Mit dem menschlichen Partner resultiert ein vergessenes Abbiegen schnell im Ehestreit.“

Klimaschutz durch Ehekrise

Doch Rating bleibt positiv: So ein Streit in der Beziehung sei durchaus förderlich für`s Welt-Klima und den bedenklichen CO2-Ausstoß. So entstehen wenigstens keine neuen Kinder – sehr förderlich für den CO2-Ausstoß. „Die Jungen sind doch das Problem. Die Älteren liegen bald im Sarg. Da wird nicht mehr geheizt. Also entsteht kein CO2!“

Auf der Leinwand erscheint Greta. Auch sie erinnert an die Zeitbombe des Klimawandels. Ihr Blick sagt alles: Wir müssen in den nächsten 12 Jahren alles tun für das Klima und die neue Generation. Sonst sind die Folgen für diese Erde nicht mehr aufzuhalten. Rating unterstützt Gretas Impuls und fordert auch die Erwachsenen zur Handlung auf: „Schauen Sie sich an, was junge Menschen erreichen, wenn sie einen Tag pro Woche an die frische Luft gehen und nicht in die Schule – Sie werden direkt weltberühmt. Alles, was Sie brauchen, ist ein analoges Schild. Wir Erwachsenen sollten auch weniger arbeiten und uns für eine Sache engagieren: ein Schritt weg vom Burnout, ein Schritt hin zu mehr Achtsamkeit für sich selbst und die Umwelt“.

Auch hält Rating das Publikum an, nicht länger zu warten und gibt konkrete Impulse, endlich etwas zu ändern – dazu solle jeder bei sich selbst anfangen. „Über 20 Kilo Plastik wurden dieses Jahr im Magen eines Wals gefunden. Stellen Sie sich das vor. Können Sie nicht? Dann nehmen Sie Ihre Küchenwaagen und Plastiktüten. Und dann schauen Sie, wieviel Plastik Sie drauflegen müssen, bis Sie 20 kg erreichen – da kommen Sie in Ihre Küche nicht mehr rein…“

Was hat die Deutsche Rentenversicherung eigentlich mit dem Klimawandel zu tun? Der Klimawandel lässt ihn einfach nicht los. Und so öffnet er seinen silbernen Aktenkoffer und vergleicht fassungslos die Schlagzeilen der BILD-Zeitung über die letzten Jahre – dann zieht er seine eigenen Schlüsse: „Seniorin stirbt bei Bad in der Ostsee…, Rentner wird von Eisberg erschlagen, daneben stets die fallenden Bananenpreise von Penny… ich könnte ewig so weitermachen.

Rating gibt Denkanstöße

In der Lokalausgabe von Wetter und Herdecke kann ich leider keine eindeutigen Informationen hierzu finden. Aber fällt Ihnen etwas auf? Es sind immer die Älteren, denen etwas zustößt. Ob beim Klimawandel nicht doch die Deutsche Rentenversicherung ihre Finger im Spiel hat… man weiß es nicht…“. Die finale Meinungsbildung überlässt Rating dem Publikum. Schließlich gibt er nur Denkanstöße – humoristische Gesellschaftskritik, stets gepaart mit einer Prise Sarkasmus.

In der Pause diskutieren die Zuschauer im Foyer die Themen des Abends. Denkanstöße haben sie gerade genug bekommen – Zeit haben sie schließlich auch genug, während sie in der Schlange auf Bier und Bionade warten. Die Emotionen lassen so manchen Wein überschwappen beim Gedanken an die Welt. Vielleicht kann man ja doch etwas tun. Vielleicht hat er recht. Öfter mal nichts tun. Öfter Pause machen. Viele Zuschauer kann der erfahrene Kabarettist schon in der ersten Hälfte des Programms zum Nachdenken animieren. Rating gilt als einer der wortgewaltigsten, originellsten und schlagfertigsten Politkabarettisten Deutschlands. Er ist mit den wichtigsten Kabarettpreisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Bayerischen Kabarettpreis für sein Lebenswerk. In allen einschlägigen Kabarettsendungen des deutschen Fernsehens ist er zu sehen, am liebsten treibt es ihn in die „Anstalt” vom ZDF. Doch live vor Publikum aufzutreten ist seine Leidenschaft. Da ist er unschlagbar in seinem Element.

Autogramme und Antworten

Seine 68 Jahre merkt ihm auf der Bühne niemand an. Und am Ende ist es wie so oft bei seinen Vorstellungen. Man ist als Zuschauer nahezu erschlagen von der Geschwindigkeit des Gedankenspiels, der Informationsdichte, der Gedankenführung und den kleinen sprachlichen Boshaftigkeiten und Schlussfolgerungen – durch seine 68-jährige Lebenserfahrung. Rating ist jung geblieben im Geiste und im Herzen. Und er schätzt die Nähe zu seinem, Publikum. Von der Bühne führt sein Weg direkt ins Foyer des Stadtsaals. Dort steht Rating den Wetteranern im Anschluss an die Show als Gesprächspartner zur Verfügung, signiert Autogrammkarten und beantwortet gern jegliche Fragen. Bis zum Ende des Jahres ist er noch mit seiner Jahrespresseshow unterwegs. Ein unvergesslicher Abend, ein unvergesslicher Mensch, der garantiert in Erinnerung bleiben wird.

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