Herdecke. Subtiler Wortwitz ohne Schenkelklopfer, Premiere für Komödie Letztes Geleit: In Herdecke wird Bühne zur Bühne für einen schlechten Schauspieler.

Er spielt Shakespeare vor leeren Rängen in der Provinz, friert in kalten Künstlergarderoben, bringt das Geld seiner Freundin durch und hält sich doch für den Größten: Maximilian Mücke (Paul Schlenga) kam „als Schauspieler zur Welt“ und will nie wieder sein Talent zum Beispiel in einem Werbespot für Apfelsaft verschleudern. Selbst für die Miete würde er keine 17 Gläser mehr davon trinken.

Redner für Bestattungsverein

Mit Theodor Schübels „Letztes Geleit“ bringt das Stiftsplatz-Theater die Bühne auf die Bühne. Der erfolglose Mime Maximilian bekommt vom Bestattungsverein „Voltaire“ das Angebot, als Trauerredner zu arbeiten. Die Gage ist gut, zu gut, als dass er ablehnen kann. Mücke wie auch die Vereinsvertreter Dr. Bockelmann (Jürgen Mühl) und Dr. Sabrina Streu (Klara Bischof) ersetzen die Wahrheit jedoch durch Illusion: Mücke gibt gegenüber seiner Freundin Erna (Anja Pentling) vor, auf Tournee zu gehen, die Vereinsvertreter verbieten dem Mimen seine wahre Profession zu verraten. Stattdessen macht er als „ehemaliger Theologiestudent und Religionslehrer, der seinen Glauben verloren hat“, seinem Trauerredner-Vorgänger Otto Bierbaum (Frank Korneffel) den Job streitig.

Emotionslos und bieder

Und das mit Erfolg. Bierbaums Talent als Grabredner erschöpft sich in emotionslos geleierten Gedichten – von Frank Korneffel mit der wunderbaren Biederkeit eines Ober(die Betonung liegt auf Ober)studienrates im Ruhestand gespielt. Maximilian Mücke dagegen erobert die Herzen der Trauernden – die der Witwen ganz besonders. Und das nicht nur mit seinem rhetorischen Können – auch als Mann wandelt sich der abgewrackte Mime vom ungepflegten Schluffi zum geschniegelten Anzugträger. Und dabei ist es nicht allein der Wechsel von Trenchcoat und Cordhose zu Sakko und Krawatte, der diese Wandlung zeigt. Mit Körperhaltung und Stimme unterstreicht Paul Schlenga, was Theater sein kann: eine vollkommene Illusion.

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Theodor Schübel nimmt dabei die eigene Branche auch in seinem Text immer wieder aufs Korn. „Ein Schauspieler muss nicht gescheit sein, er muss nur einen Gescheiten darstellen können“, wehrt Dr. Bockelmann alle Kritik seiner Vereinskollegin ab, dass man mit einem „Komödianten“ als Trauerredner dem Ansehen des Vereins schaden könne. Eine Meinung, die die etwas spröde Dr. Streu – von Klara Bischof überzeugend dargestellt – schnell ändert. Nicht nur der Erfolg des Trauerredners lässt die anfängliche Skepsis weichen, der Mann an sich weckt ihr Interesse. Und nicht nur ihres. Auch Inge (Merle Meyring), Tochter von Tierarzt Dr. Bockelmann und Partnerin in der Praxis, verliebt sich in Maximilian. Mit Leidenschaft versucht Inge den vermeintlichen Religionslehrer wieder zu bekehren – Schauspieler (!) solle er werden und nicht als ungläubiger Trauerredner den Pfarrern eine unwürdige Konkurrenz machen.

Termine und Tickets

„Letztes Geleit“ ist noch zu sehen am 3., 8., 17. Dezember, 9., 16., 21. Januar, 4., 7., 10., 13., 16., 18. und 27. Februar.

Regieassistenz und Soufflage: Claudia Neumann, Plakat/Programmheft: Karl Hartmann und Ulla Biermann, Kostüme: Erika Uffelmann.

Es gibt noch einen weiteren Vorverkaufstermin am Samstag, 16. Dezember, von 11 bis 12 Uhr im Theater am Stiftsplatz. Tickets sind zudem über die Internetseite (https://theater-am-stiftsplatz.de) erhältlich. Restkarten sind auch noch für die Silvestervorstellung und die Audrey-Hepburn-Hommage vorhanden.

Eine Komödie – das ist „Letztes Geleit“ trotz des allgegenwärtigen Themas Tod ganz sicher. Und eine feine: subtiler Wortwitz statt Schenkelklopfer, mit feinem Strich gezeichnete Charaktere statt derber Figuren. Es ist ein Spiel mit der Illusion, das Regisseurin Rosi Reiß mit dem von ihr gestalteten Bühnenbild (von Hans Marock und Wolfgang Hannich in bewährter Weise technisch umgesetzt) noch einmal verstärkt: Der Umbau zwischen den Szenen wird zum eigenen Spiel – für die Tischerücker Korneffel und Mühl gibt es sogar Szenenapplaus. Am Ende steht der verdiente Applaus für das gesamte Ensemble. Und die Erkenntnis, dass Theater in der Provinz mehr sein kann als leere Ränge und kalte Garderoben.