Ausstand

Bäcker aus Herdecke kann nach 42 Jahren endlich ausschlafen

Ausstand für ein Urgestein der Bäckerei Hagenkötter: Karl Wilhelm (vorne links) und Robin Hagenkötter (vorne rechts) verabschieden im Beisein weiterer Mitarbeiter nach 42 Jahren ihren Bäcker Jürgen Brune (Mitte) aus Herdecke.

Ausstand für ein Urgestein der Bäckerei Hagenkötter: Karl Wilhelm (vorne links) und Robin Hagenkötter (vorne rechts) verabschieden im Beisein weiterer Mitarbeiter nach 42 Jahren ihren Bäcker Jürgen Brune (Mitte) aus Herdecke.

Foto: Steffen Gerber

Herdecke.   Jürgen Brune hat 42 Jahre ununterbrochen in der Bäckerei Hagenkötter gearbeitet. Für den Ruhestand hat er viele Pläne.

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Sein ganzes Berufsleben lang ist Jürgen Brune früh aufgestanden. Meist um 1.15 Uhr in der Nacht. Seit einiger Zeit könnte der Herdecker, der seit Ewigkeiten am Semberg wohnt, ausschlafen. Doch die Umstellung des inneren Weckers bzw. des Bio-Rhythmus fällt dem Bäcker nicht so leicht, auch wenn er seit einigen Tagen im Ruhestand ist. Und das nach 42 Jahren, die er ununterbrochen für die Bäckerei Hagenkötter gearbeitet hat. Die feierte nun mit weiteren Mitarbeitern den Ausstand ihres Urgesteins im Haus Overhoff.

42 Jahre für einen Arbeitgeber – da entstehen besondere berufliche Bindungen zwischen einem Angestellten und einer Firma, zumal Brune sprichwörtlich seine Brötchen auch noch bei einem Familienbetrieb verdiente. Dabei reichen die Beziehungen des 63-Jährigen zu der Herdecker Traditions-Bäckerei noch weiter zurück: Mit Senior-Chef Karl Wilhelm Hagenkötter ging er gemeinsam in die damalige Volksschule am Schraberg. „Unser Lehrer war der spätere Bürgermeister Hugo Knauer, der hat uns beide geprägt“, sagt das Duo, das jahrzehntelang gemeinsam in der Hagenkötter-Backstube am Ahlenberg stand. „Ich bin schon so eine Art Familienmitglied geworden“, sagt Jürgen Brune.

Erster Arbeitstag am 2. Oktober ‘74

Das Handwerk erlernte der Mann vom Semberg ab dem 1. Juli 1968 in der früheren Bäckerei von Hubert Tiaden in Herdecke. Auf den Abschluss nach drei Jahren folgten 15 Monate bei der Bundeswehr und ein Jahr in einer Konditorei in Dortmund. „Eines Tages rief mich dann meine Mama an und sagte, dass Hagenkötters einen Bäcker suchen.“ Er bekam den Zuschlag. Sein erster Arbeitstag: der 2. Oktober 1974. „Am Monats-Ersten fing man damals aus Aberglauben nicht an“, erzählt Karl Wilhelm Hagenkötter. Beide erinnern sich auch noch, dass zu jener Zeit ein Nacht-Back-Verbot galt. „Vor 4 Uhr durften wir nicht loslegen.“

Zunächst standen die Beiden alleine an den Öfen, nach einigen Monaten kam mit Egon Janfrüchte der dritte Bäcker hinzu, ehe der erste Auszubildende folgte. Heute gehören mehr als ein Dutzend Bäcker plus zahlreiche Angestellte im Verkauf zur Firma. „Ich habe also hautnah mitverfolgen können, wie der Betrieb immer weiter wuchs und wie die Filialen hinzukamen“, berichtet Brune.

Technischer Fortschritt größte Veränderung

Die größten Veränderungen zu früheren Zeiten sieht er in dem technischen Fortschritt und in der Vielfalt der heute hergestellten Produkte. Natürlich habe es in der langen Zeit auch mal blöde Arbeitstage gegeben, aber „generell hatten wir viel Spaß in der Backstube“. Gerne erinnert er sich auch an gemeinsame Kneipenerlebnisse an Rosenmontag. Es gab auch mal Angebote von anderen Arbeitgebern, doch angesichts des guten Verhältnisses zur Familie Hagenkötter habe er nie ernsthaft über einen beruflichen Wechsel nachgedacht. „Ich konnte den Betrieb mit einem guten Gefühl verlassen und bin stolz, da gearbeitet zu haben.“

Sein letzter Arbeitstag liegt schon einige Tage zurück. An jenem Morgen sei er mit einem mulmigen Gefühl aufgestanden. „Man weiß zwar, dass es jetzt so weit ist, aber es fühlt sich doch seltsam an.“ Einerseits könne er auf eine schöne Zeit zurückblicken, zudem falle der Stress ab. Andererseits beschlich ihn auch viel Wehmut. Als Rentner kann er sich nun intensiver um den Garten kümmern, mehr Rad fahren und häufiger bei seinem Schützenverein in Hagen-Boele vorbeischauen. „Ich mache auch mehr im Haushalt“, sagt Brune, woraufhin seine langjährigen Kollegen beim gemütlichen Beisammensein lauthals loslachen.

Buch zum Abschied

Karl Wilhelm und sein Sohn Robin Hagenkötter blicken „mit einem lachenden und weinenden Auge“ auf den Abschied ihres verdienten Mitarbeiters, dem sie beim Treffen im Haus Overhoff ein Buch mit vielen Erinnerungs-Fotos schenkten. „Er war die Zuverlässigkeit in Person, er hat in all den Jahren nur einmal verschlafen“, so der Senior-Chef. „Mir werden seine bissigen Kommentare fehlen. Sein Ausspruch ‘Oh Herrol’ kam etwa, wenn Ware zu spät eintraf, zugleich war dieser Ruf universell einsetzbar.“

In dieser Woche hat Brune mal wieder selbst ein Brot hergestellt. Ohne Backmischung, wie er den grinsenden Hagenkötter-Kollegen erzählt. „Das dauerte zwar etwas länger, aber dafür konnte ich zweimal die Zeitung lesen.“ Was in all seinen Worten herauszuhören ist, betont er abschließend: „Ich habe meinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt, sonst hätte ich das nicht so lange machen können.“

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