Lohnverzicht

Bei Belegschaft von Bleistahl Wengern bangen viele um Jobs

Angst wegen angedrohten Stellenabbaus und Unruhe in der Belegschaft von Bleistahl: Betriebsratsvorsitzender Kadir Ögüt hat seine Kolleginnen und Kollegen bei Betriebsversammlungen in der Elbschehalle Wengern darin bestärkt, die Forderung von zehn Prozent Lohnkürzung abzulehnen.

Angst wegen angedrohten Stellenabbaus und Unruhe in der Belegschaft von Bleistahl: Betriebsratsvorsitzender Kadir Ögüt hat seine Kolleginnen und Kollegen bei Betriebsversammlungen in der Elbschehalle Wengern darin bestärkt, die Forderung von zehn Prozent Lohnkürzung abzulehnen.

Foto: Steffen Gerber

Wengern.  Bei Bleistahl in Wengern kann dank guter Auftragslage die Kurzarbeit im Oktober enden. Zuvor lehnten verärgerte Mitarbeiter Lohnverzicht ab.

Satte neun Betriebsversammlungen an einem Tag. Das zeigt einerseits, wie Corona Abläufe in Unternehmen bestimmt und Abstandswahrung auch bei solchen Treffen im Vordergrund steht. Andererseits verdeutlicht diese Anzahl auch den Ernst der Lage. Denn die Belegschaft von Bleistahl in Wengern ist verärgert und verunsichert. Das ließ sich nun in der Elbschehalle klar feststellen, nachdem sowohl der Betriebsrat als auch Jens Mütze als 1. Bevollmächtigter der hiesigen IG Metall mehrfach vermeintliche Missstände benannt hatten.

Grob gesagt, geht es um Ängste bezüglich der Arbeitsplätze und das Thema Lohn. 484 Angestellte beschäftigt die familiengeführte Bleistahl-Gruppe in Wengern. Im März gab es zu Beginn der Pandemie wegen Auftragsrückgängen flächendeckende Kurzarbeit als vorübergehende Maßnahme. Die Krise wirke sich auch hier bei einem der weltweit führenden Automobilzulieferer für Ventilsitzringe und -führungen aus, von 30 Prozent Umsatzeinbußen war die Rede. Daher wollte die Geschäftsführung im Werk an der Osterfeldstraße 140 Stellen abbauen und der Belegschaft einen zehnprozentigen Gehaltsverzicht auf der Grundlage des Haustarifs abverlangen. Die lehnte das ab.

„Es folgten kontroverse Gespräche mit der Geschäftsführung“, sagt Betriebsratsvorsitzender Kadir Ögüt. Sein Stellvertreter Gjoke Bardhaj ergänzt, dass dies angesichts oft wechselnder Ansprechpartner auf dieser Führungsebene in den vergangenen Monaten kein leichtes Unterfangen gewesen sei. Jens Mütze ergänzt, dass „die Probleme bei Bleistahl nicht nur im Zusammenhang mit Corona zu sehen sind, vieles ist auch hausgemacht.“

Maßnahmenpaket seit März

Dabei habe sich zuletzt die Lage für den Automobilzulieferer in Wengern so sehr gebessert, dass jetzt die Kurzarbeit im Oktober enden könne. Und den Betriebsrat erst recht an den Entlassungs-Plänen zweifeln lasse. Obendrein habe die Personalleitung Anfang September gesagt, Leiharbeiter einstellen zu wollen. „Was sollen jene 140 Kollegen denken, deren Jobs gefährdet sind?“, fragt Kadir Ögüt und berichtet von einem Vertrauensverlust. Den habe es im Laufe der Gespräche über Umstrukturierungen bei Bleistahl gegeben, ehe die Geschäftsführung Mitte des Monats den Dialog abgebrochen habe. Strittig sei auch die Gründung der neuen Gesellschaft „FunQtion“, der Betriebsrat sei dabei ungenügend eingebunden worden. Mütze nennt das Verhalten der Geschäftsführung sehr oft „respektlos“ und zugleich undurchsichtig.

Einzelne Punkte der Kritik wollte die Geschäftsführung auf Anfrage nicht beantworten. In einer schriftlichen Mitteilung hieß es: „Die Verantwortlichen sind weiterhin fest überzeugt, dass der eingeschlagene Kurs, die Gruppe organisatorisch für die Zukunft neu aufzustellen, zu einer nachhaltigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Bleistahl führen wird.“ Trotz negativen Jahresergebnisses 2020 soll es aus heutiger Sicht keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und: „Die Inhaberfamilie Köhler ist sich bewusst, dass der Standort Wengern ein wichtiger Baustein der Bleistahl-Gruppe ist und bleiben wird.“

Wortlaut der Bleistahl-Erklärung

Die Erklärung von Unternehmensseite im Wortlaut: „Als einer der weltweit führenden Automobilzulieferer von Ventilsitzringen und Ventilführungen hat es die familiengeführte Bleistahl Gruppe geschafft, ab diesem Monat die Kurzarbeit zu beenden. Die Gruppe hält an ihrem Ziel fest, in die Standorte in Deutschland, insbesondere an ihrem Stammsitz in Wetter-Wengern, in die Zukunftsfähigkeit zu investieren. Aus heutiger Sicht und trotz der extremen Herausforderungen im Zuge der Corona-Pandemie kann auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden.

Mit dem Ziel, die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu minimieren, hat Bleistahl bereits Mitte März 2020 gehandelt und ein umfangreiches Maßnahmenpaket initiiert. Dazu gehörten unter anderem schnelle Kostensenkungen sowie das Aussetzen geplanter Investitionen. Parallel wurde Mitte März flächendeckende Kurzarbeit als vorübergehende Maßnahme zur Arbeitsplatzsicherung eingeführt.

Erfreulicherweise hat sich der Markt zuletzt schnell und deutlich erholt, sodass die Kurzarbeit bereits in den vergangenen Monaten in Teilen reduziert werden konnte. Aktuell steigen die Abrufmengen der Kunden unerwartet sukzessive weiter an. Trotz dieser positiven Entwicklung wird die BLEISTAHL Gruppe ihre ursprünglichen Ziele für 2020 nicht erreichen können und das laufende Geschäftsjahr mit einem negativen Ergebnis beenden müssen.

Die Verantwortlichen sind weiterhin fest überzeugt, dass der eingeschlagene Kurs, die Gruppe organisatorisch für die Zukunft neu aufzustellen, zu einer nachhaltigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von BLEISTAHL führen wird. Hierzu dient insbesondere die Bündelung globaler und übergeordneter Aufgaben für die gesamte Gruppe in der Gesellschaft „BLEISTAHL FunQtion“.

Die Inhaberfamilie Köhler ist sich bewusst, dass der Standort Wengern ein wichtiger Baustein der BLEISTAHL Gruppe ist und bleiben wird. Die Familie bedankt sich bei allen Mitarbeiter*innen für deren Unterstützung in den letzten Monaten.“

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