Wirtschaft

Dem Handwerk geht es so gut wie selten

Das Handwerk ist längst kein reiner Männerberuf mehr.

Das Handwerk ist längst kein reiner Männerberuf mehr.

Foto: dpa/Alexander Bernhard/CHROMORANGE

Wetter/Ennepe-Ruhr.   Udo Vaupel ist Botschafter der Kreishandwerkerschaft. Er hat im Interview Fragen zu Chancen, Risiken und Zukunftsaussichten beantwortet.

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Udo Vaupel ist von der hiesigen Kreishandwerkerschaft zum Handwerksbotschafter ernannt worden. Sein Job ist es, Ansprechpartner und Bindeglied des Handwerks zu Industrie, Dienstleistern und Politik zu sein sowie Werbung für das Handwerk zu machen. Herr Vaupel, wie sieht es bei den Handwerkern im EN-Kreis aus? Udo Vaupel: Die Auftragslage und Auslastung, vor allem in den Bauund Ausbau-Gewerken, sind sehr gut, und die Firmen könnten sogar noch mehr leisten, wenn sie mehr qualifizierte Fachkräfte hätten. Zur Branche gehören zum Beispiel: Rohbauer, Zimmermänner, Dachdecker, Klempner, Elektriker und Straßenbauer. Die Wartezeiten für die Kunden, vor allem bei kleinen Reparaturen und Umbaumaßnahmen, sind länger geworden, weil die Firmen nicht hinterher kommen. Gute Mitarbeiter zu finden, ist jedoch sehr schwer. Das gilt für alle Branchen, im Bau-Gewerbe ist dieses Problem aber besonders deutlich zu spüren.


Warum ist das so?
Speziell im Baugewerbe hat das auch mit der Entwicklung ab den neunziger Jahren zu tun. Damals war die Nachfrage gering, es gab einen starken Auftragsrückgang, und überall wurden Kapazitäten abgebaut. Außerdem drückten immer mehr ausländische Firmen auf den deutschen Markt. Die Folge war, dass sich die Handwerksunternehmen verkleinerten. Damals zählte die Branche noch 1,5 Millionen Mitarbeiter in Deutschland, danach waren es nur noch 600 000, und jetzt nähern wir uns wieder den 750 000.


Seit wann geht es wieder bergauf? 2014 und 2015 deutete es sich erst nur an, seit 2016 ist der Aufschwung spürbar, und wir sind noch nicht an der Spitze. Aber wir dürfen uns nichts vormachen, irgendwann nimmt die Nachfrage auch wieder ab. Das können wir gar nicht verhindern. Die Entwicklung verläuft immer in Sinuswellen, nach jedem Aufstieg kommt eine Talfahrt. Eine Phase kann zehn bis 15 Jahre dauern. Wichtig ist, dass jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden, um den Anstieg zu verlängern. Vor allem die Politik ist in der Pflicht. Wichtig wäre zum Beispiel, den geförderten Wohnungsbau zu stärken und die Abschreibungsmöglichkeiten zu verbessern. Das wäre nicht nur gut für das Handwerk sondern auch für Investoren und die Menschen. Sozialen Wohnungsbau gibt es in ländlichen Regionen nicht, was die Landflucht nur noch mehr verstärkt. Hier muss die Politik ansetzen. Und auch in den Städten selbst fehlt Wohnraum.


Wie reagieren die Handwerksbetriebe auf den gestiegenen Bedarf an Fachkräften?
Sie bilden noch stärker aus. Das wird auch mit Blick auf die Statistik der Handwerkskammer Dortmund deutlich. Im ersten Halbjahr 2018 sind 235 neue Ausbildungsverträge im EN-Kreis unterschrieben worden. Die größte Steigerung zum Vorjahr gibt es beim Bau- und Ausbauhandwerk, 30,28 Prozent - von 327 auf 426 Verträge. Diese Zahl bezieht sich zwar auf den gesamten Kammerbezirk spiegelt aber auch die Entwicklung im Kreis wider. Insgesamt wurden bis zum 31. Juli 2596 neue Ausbildungsverhältnisse geschlossen. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 2461.


Auch wenn die Zahl der Azubis im Handwerk steigt, warum bleiben trotzdem noch Lehrstellen unbesetzt?
Dafür gibt es viele Gründe. Ein Problem ist leider das negative Image des Handwerks. Stattdessen gilt aber heute wieder ein alter Spruch: Handwerk hat goldenen Boden. Das wissen viele Berufsanfänger nicht und studieren lieber oder machen eine Ausbildung in traditionellen Bereichen. Dann wählen Frauen den Einzelhandel, bei jungen Männern stehen Dienstleister hoch im Kurs. Handwerkskammer, Kreishandwerkschaft und Innungen setzen deshalb verstärkt auf Werbung. Sie gehen in die Schulen, auch die Ausbildungsmesse im Herbst spielt eine große Rolle. Es gibt viel mehr Ausbildungsberufe als die Jugendlichen kennen. Auch da muss das Handwerk ansetzen und informieren. Unser duales Ausbildungssystem bietet Möglichkeiten, um die uns viele Länder beneiden: Gesellen- und Meisterprüfung sowie Weiterqualifizierungen. Im Handwerk kann man viel erreichen, und wo sonst kann ein Auszubildender im 3. Lehrjahr schon fast 1500 Euro verdienen? Ein großes Problem ist aber auch, dass es an geeigneten Bewerbern fehlt.


Was muss ein guter Azubi mitbringen?
Kein Einser-Abitur. Ein cleverer Azubi setzt auf Möglichkeiten des dualen Ausbildungssystems, sollte jedoch eine Grundkompetenz in Mathematik und der deutschen Sprache haben. Er muss aber vor allem Spaß daran habe, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen. Es gibt keinen Beruf, der Männern vorbehalten ist. Es kommt nur auf die richtige Einstellung an.

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