Mutmacher

„Der Engländer“ – sein steiniger Weg bis zum Pub in Herdecke

Nathaniel Stott, der in Herdecke als „der Engländer" bekannt ist, führt seit 2015 in der Fußgängerzone den Pub „The Shakespeare“. 

Nathaniel Stott, der in Herdecke als „der Engländer" bekannt ist, führt seit 2015 in der Fußgängerzone den Pub „The Shakespeare“. 

Foto: Corinna Ten-Cate

Herdecke.  Ein besonderer Weg bis zur Pub-Gründung: Rückschläge kennt Nathaniel Stott, in Herdecke als „der Engländer“ bekannt, zur Genüge.

Wer Nathaniel Stott hinter der Theke des „The Shakespeare“ in Herdecke erlebt, spürt schnell: Dieser Mann ist angekommen. Der Brite aus Totnes (Grafschaft Devon) hat das historische Fachwerkhaus – vielen bekannt als frühere Kneipe mit dem markanten Namen „Tante Alma“ – in einen traditionellen, gemütlichen Pub verwandelt, braut und zapft Craft Beer und veranstaltet Konzerte und kleine Kulturevents, die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt sind. „Ich bin genau dort, wo ich sein möchte“, erklärt der Wahl-Herdecker. Doch sein Weg dorthin war von Rückschlägen geprägt – und hat viel Mut gekostet.

„Jeder Schritt ist mit Mut verbunden“, sagt der 50-Jährige mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Entscheidungen zu hinterfragen, Neues zu wagen und immer wieder von vorne zu beginnen: All das gehört schon früh zu seiner Biographie, die alles andere als linear verläuft. 1992 kommt der gebürtige Brite mit einem abgeschlossenen Biochemie-Bachelor-Studium ohne Deutschkenntnisse in die Bundesrepublik. Ursprünglich, um an der Uni Witten/Herdecke Medizin zu studieren. „Aber mein Weg hat mich anders geführt“, so Stott schmunzelnd.

Er zieht nach Stuttgart ins Priesterseminar. „Ich wollte Theologie studieren. Auch das Ziel, Priester zu werden, hatte ich vor Augen.“ Doch es kommt anders. Stott bleibt nur für zwei Semester. „Das war doch nicht das Richtige für mich“, weiß er heute. Er stellt die Weichen seines Lebenswegs ein weiteres Mal neu, geht zurück in die Stadt an der Ruhr.

Schritt in die Selbstständigkeit

In Herdecke trifft Nathaniel Stott seine zukünftige Frau. 1994 heiraten sie, ziehen 1995 nach Den Haag, bekommen drei Kinder, darunter Zwillinge. Nathaniel Stott macht seinen Master of Business Administration (MBA), lernt Niederländisch. „Das hat etwas länger gedauert als Deutsch“, sagt er und lacht. Nach einem Jahr Privatkurs spricht er die dritte Sprache fließend und hat eine feste Anstellung in der IT-Branche. Doch die geregelte Arbeit engt ihn ein. „Ich passe eben in keine Schublade und musste einfach raus“, erklärt Stott. Er wagt den Schritt in die Selbstständigkeit, arbeitet für Start-up- und Internet-Firmen. „Als Vater von drei kleinen Kindern den Job aufzugeben, war sicherlich auch mutig“, sagt der heutige Kneipenwirt rückblickend.

Dann folgt der „Tiefpunkt“, wie Nathaniel Stott es nennt. Die Familie lebt wieder in Deutschland, als die Ehe in die Brüche geht. „Plötzlich stand ich da. Als alleinerziehender Vater von drei Kindern, der Selbstständigkeit und Familie unter einen Hut bringen musste“, blickt der 50-Jährige zurück. Hat ihn in dieser Situation sein Mut verlassen? Nathaniel Stott überlegt kurz: „Es gab einen Moment. Da habe ich gedacht: Ist Australien weit genug weg?“ Aber er bleibt. „Das war für mich eine Lebensaufgabe. Alles andere war egal. Ich war Papa.“

Auch beruflich läuft es nicht rund. Nathaniel Scott muss sich umorientieren, wagt etwas ganz Neues und macht sein Hobby Kochen zum Beruf: In Herdecke übernimmt er die Freibad-Gastronomie am Bleichstein. „Mit Live-Musik und ersten Bier-Tastings“, erzählt der Kneipenwirt. Es läuft gut an – aber nicht lange. Die Stadt kündigt ihm fristgemäß den Pachtvertrag. „Im Leben passieren eben Dinge, die man nicht erwartet“, sagt „der Engländer“, wie er in Herdecke genannt wird.

Aber er gibt nicht auf. Als die Traditionskneipe „Tante Alma“ in der Fußgängerzone leer steht, ist Stott als neuer Betreiber im Gespräch. Kurz vor der Vertragsunterzeichnung stürzt er vom Fahrrad, zertrümmert sich die Schulter, muss den Traum vom English Pub verschieben. „Aber es kam für mich nie in Frage, nicht weiterzumachen“, betont Stott. „Das ist einfach so bei mir. Wenn man fällt, steht man wieder auf. Auch wenn es weh tut.“ Geholfen haben ihm dabei auch Familie und Freunde: „Wenn ich mal richtig unten war, gab es immer Menschen, die für mich da waren. Und dann ging es wieder weiter.“

Neues Leben mit „Tante Alma“

2015 zieht „der Engländer“ dann als Pächter in die ehemalige „Tante Alma“ ein, verleiht der alten Kneipe einen neuen Anstrich und einen neuen Namen: The Shakespeare. „Ich wollte einfach etwas anderes machen“, erklärt Nathaniel Stott, der seinen Pub Stück für Stück in eine Anlaufstelle für das Herdecker Kulturleben und ein kleines Craft-Beer-Zentrum verwandelt hat. „Wir waren regional eine der ersten Kneipen, die überhaupt Craft Beer angeboten haben“, betont Stott, der – vieler Zweifler zum Trotz – auf eine ausgefallene Biervielfalt setzte.

Heute lagern 20 verschiedene Biere immer im Keller, zwölf Zapfhähne sorgen für Abwechslung im urigen Pub-Ambiente. Mittlerweile ist Nathaniel Stott selbst auch Sommelier, bietet Beer-, Whisky-, Gin-Tastings und Braukurse an. Im „The Shakespeare“ hat er nach manchem Umweg seine berufliche Heimat, in Herdecke sein Zuhause gefunden: „Sicherlich braucht es immer auch Mut, seine Ziele zu verfolgen. Aber ich habe nie Zweifel gehabt, dass der Pub funktioniert.“

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