Alter

Deutschlands älteste Frau wird 112: „Nicht aufgeben, was immer kommt“

Mathilde Mange (112) umrahmt von ihrer Tochter Ingeborg Weituschat (83, rechts) und ihrer Enkelin Angela Haering (55).

Mathilde Mange (112) umrahmt von ihrer Tochter Ingeborg Weituschat (83, rechts) und ihrer Enkelin Angela Haering (55).

Foto: MATTHIAS GRABEN

Wetter.   Deutschlands älteste Einwohnerin wird am Freitag 112 Jahre alt. Mathilde Mange lebt in Volmarstein und hat immer positiv gedacht.

Auf ihren Rollator gestützt, geht Mathilde Mange schnellen Schrittes vom Aufenthaltsraum in ihr Zimmer. Sie hat heute Geburtstag, ein besonderer Tag. „Das soll’s geben“, sagt die Bewohnerin der Seniorenresidenz Volmarstein. Das gibt es eben nicht häufig, dass ein Mensch 112 Jahre alt wird. Mathilde Mange macht kein Aufhebens darum, dass sie die älteste Frau Deutschlands ist. Sagt aber: „Ich bin so dankbar und glücklich.“

Simone Schwanke-Jenderny hat den Besuch in Mathilde Manges Zimmer begleitet. „Sie ist so fit, ausgleichend, herzerfrischend und unkompliziert“, lobt die Residenzleiterin, „sie sitzt so gerne im Café und spielt mit anderen Bewohnern ,Mensch ärgere Dich nicht’“.

Älteste Frau: "Ich bin die ewige Mathilde"

Sich möglichst wenig zu ärgern, war immer eine Lebenseinstellung für Mathilde Mange. Sie habe immer viel gelacht, sagt sie, das Leben mit viel Humor gemeistert. Als der Fotograf sie nach ihrem Vornamen fragt, strahlt Mathilde Mange über beide Wangen: „Ich bin die ewige Mathilde.“

Ihre Tochter Ingeborg Weituschat („ich habe eine Woche nach Mami Geburtstag und werde 84“) und Enkelin Angela Haering sind zu Besuch. Die 55-Jährige hat eine Sonnenblume mitgebracht - die Lieblingsblume ihrer „Omi“. „Die passt zu ihr, sie hat solch ein sonniges Gemüt.“ Und sie ist der Sonnenschein der Familie, der den großen Kreis von zwei Kindern, fünf Enkelkindern, neun Urenkeln und einem in wenigen Tagen ein Jahr alten Ururenkel zusammenhält. An einer Wand ihres Zimmers hängen Bilder ihrer Lieben. „Sieht wunderschön aus, nicht wahr?“ sagt sie und findet Zustimmung. Auf einem Bild steht: „Die beste Ur-Oma der Welt.“ Die so gelobte lächelt: „Das wichtigste im Leben ist die Familie.“

Kein Problem mit der Hitzewelle

Ihren 112. Geburtstag feiert Mathilde Mange nur im kleinen Kreis. An den Tagen danach kommt die weitere Verwandtschaft. Nach und nach. „Meine Mutter will von allen etwas haben“, so Ingeborg Weituschat.

Schaut man sich die drei Damen in Mathilde Manges Zimmer an, möchte man meinen, dass in der Familie ein Vitalitäts-Gen vorhanden sein muss. Die Hitzewelle der vergangenen Tage mit Temperaturen bis zu 40 Grad hat Mathilde Mange problemlos weggesteckt. „40 Grad? Das ist eben so. Ich sag dann immer: Das schaffen wir schon.“

Umzug von Sprockhövel nach Volmarstein

Positiv denken - eines der Rezepte für ein langes und erfülltes Leben. „Es ist aber nicht so, dass meine Oma Wahrheiten verdrängt hat“, sagt Angela Haering, „aber sie versucht aus allen Situationen das Beste zu machen.“

Denn es gab nicht nur positive Ereignisse in Mathilde Manges ­Leben. Im Ersten Weltkrieg ließ ihr Vater sein Leben, ihr Ehemann kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück. Plötzlich stand sie ­alleine mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in der Nähe von Aachen da. „Weil wir wegen der nächt­lichen Bombenangriffe Angst um unser Leben hatten“, erzählt Tochter Ingeborg Weituschat, „zogen wir in die Heimat meiner Mutter, in den Hunsrück.“ In einem Dorf baute Mathilde Mange ein Haus für die Familie. Sie hat immer sehr pragmatisch gedacht und gehandelt: „Nicht aufgeben, was immer kommt. Das hat für mich eine ganz besondere Bedeutung.“

Mathilde Mange lebt seit einigen Monaten in der Seniorenresidenz in Wetter-Volmarstein, vorher wohnte sie bei der Familie ihrer Tochter in Sprockhövel. Der Hunsrück ist ihre Heimat geblieben. Hier wuchs sie mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof auf, hier lernte sie die Natur schätzen. „Die Natur gibt einem Kraft für das Leben“, sagt sie und mahnt. „Die jungen Leute haben es nicht mehr so sehr mit der Natur. Das ist nicht gut.“

Spezieller Wunsch zum Ehrentag

Von ihrem Zimmer aus genießt sie den Blick auf einen Baum im Garten des Senioren-Wohnheims. „Wenn die Natur gesund ist, ist auch der Mensch gesund“, sagt die gläubige Frau, die zeitlebens von Krankheiten verschont geblieben ist. Bis heute muss sie keine Medikamente nehmen.

Mathilde Mange macht einen sehr zufriedenen Eindruck. Sie hat viel erlebt in ihrem Leben, ob als ­Familienmittelpunkt oder als zwischenzeitliche Hauswirtschafterin bei einem Arzt. „Ich könnte ein Buch schreiben“, sagt sie und schwärmt, „die Welt kann so schön sein.“

Die älteste Frau Deutschlands wird heute 112 Jahre alt. Hat sie einen Wunsch an ihrem Ehrentag? Mathilde Mange muss nicht lange überlegen: „Dass die Menschen sich vertragen. Es muss immer ein Miteinander geben.“

Mathilde Mange bleibt in ihrem Sessel sitzen, als sich der Reporter nach einem höchst anregenden Gespräch verabschiedet. „Denken Sie daran“, ruft sie ihm hinterher, „nicht aufgeben. Wer aufgibt, hat verloren.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben