Glauben

Die Kirche muss die Menschen verstärkt abholen

Martin Treichel, Johann Christian Grote, Karsten Malz, Andreas Vesper, Michael Neubauer und Ulrich Gröne schreiben für die Kolumne "Mein Gott". Redakteur Klaus Görzel macht sich beim Gespräch in der Redaktion Notizen (von links).

Martin Treichel, Johann Christian Grote, Karsten Malz, Andreas Vesper, Michael Neubauer und Ulrich Gröne schreiben für die Kolumne "Mein Gott". Redakteur Klaus Görzel macht sich beim Gespräch in der Redaktion Notizen (von links).

Foto: Yvonne Held

Wetter/Herdecke.   Autoren der Samstagskolumne „Mein Gott“ waren zu Gast in der Lokalredaktion. Was haben sie für Antworten auf den Wandel der Gesellschaft?

Der normale Sonntagsgottesdienst reicht nicht mehr, um die Menschen in einer sich wandelnden Gesellschaft angemessen anzusprechen. Davon ist Karsten Malz überzeugt. Er ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Alt-Wetter und Autor der Samstagskolumne „Mein Gott“. Mit anderen Verfasserinnen und Verfassern der Rubrik war er jetzt in die Redaktion eingeladen. Thema unter anderem: die Lage der Gemeinden in Wetter und Herdecke.

Malz sucht nach neuen Formen und nimmt dabei einzelne Zielgruppen in den Blick. Familien spricht er an oder die Jugend. „Denn jüngere Menschen kommen durchaus. Nur eher punktuell“. Martin Treichel, lange Jahre sein Kollege in der Gemeinde in Wengern und jetzt beim Institut für Kirche und Gesellschaft beschäftigt, sieht eine „massive Ausdifferenzierung“. Die Gesellschaft ist „bunt und vielfältig geworden“, stellt er fest. Dazu gehöre, dass immer weniger Menschen etwas mit Jesus Christus, dem Begriff der Sünde oder dem Glaubensbekenntnis verbinden könnten. Gerade deshalb ist für ihn die Kolumne „Mein Gott“ so hilfreich: „Sie ist ein Vorschein dessen, was wir auch in den Kirchengemeinden erleben werden“ – dass weniger vorausgesetzt werden kann und mehr herangeführt, übersetzt werden muss.

„Wir haben da vieles verpennt“

Ulrich Gröne, katholischer Pastor im Pastoralverbund an den Ruhrseen, sieht die Kirchen „mitten im Wandel“. Ja, sagt er, die Zahl der Gottesdienstbesucher ist rückläufig. Und doch ist sie es wieder nicht. Beim jüngsten Familiengottesdienst war die Kirche voll. Überhaupt: Das Lebensgefühl der Menschen habe sich verändert. Dazu zähle auch, dass viele sonntags gerne ausschlafen wollten. Die Kirche aber habe nicht einmal gesehen, „dass sich das Leben verändert hat. Wir haben da vieles verpennt“, räumt er ein.

Bewusster übersetzen, die Menschen mehr abholen will auch Andreas Vesper. Der Diakon hat sich für die Arbeit und das Leben mit Menschen mit Behinderungen entschieden. Daher weiß er auch, dass oft schon die Sprache ein Hindernis ist. Helfen kann das Konzept der „Leichten Sprache“, das konkret und einfach die Dinge benennt. Beim klassischen Wort-Gottesdienst sieht aber auch er Grenzen: „Es wird immer schwerer, Gemeinde im Alltag greifbar zu machen.“ Für Ulrich Gröne kann das gelingen, wenn die Menschen „den Glauben nicht nur für den Sonntag ausgegliedert haben“, sondern ihn beispielsweise mit in ihre Arbeitswelt nehmen. Für Karsten Malz ist das Leben mit der Gemeinde besonders wichtig. Der Pfarrer will „Ansprechpartner sein“.

Online-Kommentare zum Gottesdienst

Welche Rolle spielt Technik bei dem Versuch, Brücken zu Menschen zu schlagen, die nicht mehr in die Kirchen kommen wollen oder können? „Wir sind ja eine noch junge Kirche, gerade mal 150 Jahre alt“, sagt Michael Neubauer von der Neuapostolischen Gemeinde in Wetter. Und deshalb seien Menschen in seiner Gemeinde auch „sehr technik-affin“. Noch in diesem Jahr soll jedes Gemeindemitglied sich übers Internet einwählen und dann den Gottesdienst hören können. Während die evangelische Kirchengemeinde in der Lutherkirche momentan technisch sogar eher auf dem Rückzug ist, auch wegen der neuen Datenschutzvorgaben, möchte Martin Treichel schon bald einen Versuch wagen. Er bereitet einen „Facebook-Gottesdienst“ vor. Während der Gottesdienst läuft, können sich die online-Besucher schon mit Kommentaren zu Wort melden.

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