Geschichte(n)

Die Ruhr im Fackelschein - Liebesgrüße nach Berlin

Mit Hinweis für die Geliebte in Berlin: Die historische Postkarte mit Kähnen auf der Ruhr, noch bevor diese zum See gestaut wurde.

Mit Hinweis für die Geliebte in Berlin: Die historische Postkarte mit Kähnen auf der Ruhr, noch bevor diese zum See gestaut wurde.

Foto: Archiv Uli Weishaupt / WP

Wetter.  Eine alte Postkarte erinnert an idyllische Fackel-Fahrten auf dem Fluss. 100 Jahre nach ihrer ersten Reise kommt die Karte zurück nach Wetter

Auch fern von Berlin hat der Postkartenschreiber seine Angebetete vor Augen: „Mein liebstes Gretchen!“, hat er mit Bleistift gut leserlich geschrieben. „Du weißt, dass ich immer an Dich denke, so auch in dieser Nacht, in der ich im Kahn sitze beim Fackellicht.“ Der Kahn dümpelte auf der Ruhr, wohl da, wo heute bei Klute am Ufer des Harkortsees Minigolf gespielt wird. Den See aber gab es noch gar nicht, als die Karte kurz nach Ende des 1. Weltkriegs auf ihre erste Reise geschickt wurde. Jetzt ist sie wieder zurück ins Ruhrtal gekommen.

Wenig Licht, viel Stimmung

Heute donnern auch zu später Stunde Autos über die Obergrabenbrücke und dann die Ruhr. Wie anders muss das ein Jahrhundert zuvor gewesen. „Es ist heute eine so wundervolle Nacht. Kein Lüftchen regt sich, kein Vogel singt, nur die Frösche und die Glühwürmchen sind wach“ - und natürlich Walter, der diese Zeilen schreibt und sein Bordkumpel Emil. An der Spitze des Bootes wird der Stift geführt: „Unsere Fackeln leuchten idyllisch!! 30 Stück sind vorhanden. Ich kann zwar wenig sehen, aber ich schreibe Dir.“

Damals war der See noch nicht gestaut, weiß Uli Weishaupt. Es muss Lampion-Feste oder auch Fackel-Fahrten auf dem Fluss gegeben haben, mutmaßt der Herdecker. Uli Weishaupt hat die Karte von Marita Janzing aus Wetter bekommen. Und die wiederum wurde vom Sohn ihres verstorbenen Mannes aus Erfurt bedacht, dem die historische Postkarte in die Finger gefallen war. Sein Vater hat gerne Postkarten gesammelt. Marita Janzing suchte Rat bei Uli Weishaupt, der nicht nur Historisches zur Kino-Geschichte in der Region sammelt. Oft schon gingen Karten von der Freiheit in Wetter an die neue Bachstraße in Herdecke.

Walter hat auf der kleinen Karten noch genügend Platz, um den schönen Laubwald am Ufer und die saftigen Wiesen zu beschreiben. In die Wiener Straße in der Hauptstadt Berlin schickt er voller Sehnsucht: „Grete, wenn Du hier wärst, fühltest Du Dich sicherlich glücklich, denn Du bist auch ein großer Naturfreund!!“ (Die zwei Ausrufezeichen sind wieder original). Bevor er sich gänzlich die Augen verdirbt, und auch weil kaum ein Fleckchen auf der Karte mehr frei ist, geht‘s dem postalischen Ende zu. Erst kürzt er ab, dann lässt er aus – ein echter Könner des vor neugierigen Briefträgerblicken Sagbaren: „Sei jetzt tausendmal gegr. und gek… von Deinem Walter.“

Und noch ein Sammlerstück!

Wer den nächsten Postkartengruß auf den Weg gebracht hat, kann Marita Janzing noch nicht sagen. Über Handy hat Michael Janzing seinen neuesten Fund aber bereits mit der Vorderseite ins Elternhaus geschickt. Das Motiv zeigt den Harkortsee im Bau. Und auch diese Karte wird wohl wieder den Postweg die Ruhr hinauf nach Herdecke zum Sammler Uli Weishaupt finden.

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