Gericht

Laden selbst angesteckt - Händler täuschte die ganze Stadt

Bei dem Brand in dem Lebensmittelladen rückt die Feuerwehr mit einem Großaufgebot aus. In dem Haus befinden sich damals noch Bewohner.

Bei dem Brand in dem Lebensmittelladen rückt die Feuerwehr mit einem Großaufgebot aus. In dem Haus befinden sich damals noch Bewohner.

Foto: Elisabeth Semme

Wetter/Hagen.  Die Welle der Hilfsbereitschaft damals war groß, als der Lebensmittelladen abbrannte. Nun kam heraus, dass der Inhaber alle getäuscht hat.

Die Geschichte des orientalischen Lebensmittelladens, der Mitte Mai 2018 in Alt-Wetter aus angeblicher Fremdenfeindlichkeit in Brand gesteckt worden sein soll, muss jetzt neu geschrieben werden: Der syrische Ladenbetreiber hat aus Geldgier sein Geschäft selbst angesteckt - befand das Schöffengericht Hagen und verhängte drei Jahre Gefängnis. Ganz Wetter hatte sich seinerzeit für die siebenköpfige Familie engagiert.

Der Brand

In der Nacht des 14. Mai 2018 geht um 2.23 Uhr bei der Feuerwehr ein Notruf ein: an der unteren Königstraße sei im „Wetter Market“ ein Brand ausgebrochen. Anrufer ist ein Anwohner, der über dem orientalischen Lebensmittelgeschäft wohnt. Sofort wird Großalarm ausgelöst - ein Dutzend Fahrzeuge mit 60 Einsatzkräften, auch von der Freiwilligen Feuerwehr, rücken mit Blaulicht nach Alt-Wetter aus. Eine Drehleiter wird in Stellung gebracht, auf die Flammen im brennenden Laden ein C-Rohr ausgerichtet. In dem viergeschossigen Wohnhaus befinden sich in dieser Nacht neun Bewohner, darunter drei Kinder. In der ersten Etage werden eine Mutter (39) und ihre elfjährige Tochter durch das schrille Piepen von Rauchmeldern aus dem Schlaf gerissen. Ein Trupp Feuerwehrmänner unter Atemschutz kämpft sich durch giftige schwarze Wolken zu ihnen vor. Mutter und Tochter kommen mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus. Gegen 4.30 Uhr ist der Einsatz beendet.

Das fremdenfeindliche Motiv

Den kleinen Laden hatte Mohammad Moussa A. (35) erst wenige Wochen zuvor eröffnet. Doch der Syrer, der 2015 aus seiner von Krieg gebeutelten Heimat geflüchtet war und mit Frau und fünf Kindern in Wetter lebt, äußert sofort öffentlich den Verdacht, dass es sich um einen Brandanschlag aufgrund von Fremdenfeindlichkeit handeln könnte. Zwei Drohbriefe, so behauptet er, seien nach Eröffnung des Geschäfts bei ihm eingegangen. Tenor: „Wir brauchen in Wetter keinen orientalischen Laden“. Auch hatten Unbekannte auf einer damals neu aufgestellten Infotafel für Ortsunkundige, die direkt vor seinem Geschäft stand, das Wort „Islamisierung“ eingetragen, mit einem Pfeil, der in Richtung seines Ladens zeigte. Die Stadt Wetter erstattet daraufhin eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung und Volksverhetzung.

Die Solidarität und Hilfe

Der mutmaßlich fremdenfeindliche Brandanschlag erschüttert die Menschen in Wetter und löst eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft aus. „Die Betroffenheit unter den Bürgern ist sehr groß“, zeigt sich Edda Sichelschmidt vom Verein „Wir in Wetter“ beeindruckt. Geschäfts- und Privatleute, Kinder, Vereine und Kirchengemeinden spenden Geld zur Versorgung der siebenköpfigen Familie aus Syrien. Die Schüler des Werner-Richard-Berufskollegs übergeben 1000 Euro, die Jungen und Mädchen der katholischen St. Rafael-Grundschule sammeln Geld unter dem Motto: „Wir wollen helfen wie St. Martin“. Am 17. Mai 2018 unterbricht der Rat der Stadt Wetter seine Sitzung und zieht geschlossen zu dem Lebensmittelladen, um seine Solidarität zu bekunden.

Der Fallersleben-Bund

In einem Post auf Facebook hatte sich ein gewisser „Fallersleben-Bund“ zu der Aktion mit der Infotafel bekannt. Deshalb übernahm die Staatsschutzabteilung im Polizeipräsidium Hagen den Fall. Von dort konnten „fünf, sechs männliche Personen der bis dahin unbekannten Gruppierung über die IP-Adresse ihres Computers ausfindig gemacht werden“, berichtet ein 40-jähriger Hauptkommissar, „die Männer hatten konservative Texte zum Thema ,Einwanderung und Flüchtlingspolitik’ verfasst.“ Es kam zu Durchsuchungen beim Fallersleben-Bund, bei denen Handys, Rechner und Festplatten sichergestellt wurden. Doch die Auswertungen hätten ergeben, „dass der ,Personenkreis Fallersleben’ nicht mit dem Brandanschlag in Verbindung steht. Der Hauptkommissar: „Die äußerst umfangreichen und aufwendigen Ermittlungen wurden in Abstimmung mit der Bundesanwaltschaft durchgeführt und mussten gegen die enttarnten Mitglieder mangels Tatnachweis eingestellt werden.“ (Az. 500 Js 371/18).

Die Rauschgift-Ermittlungen

Aufgrund eines anonymen Briefes gab es gezielte Hinweise, dass in dem orientalischen Lebensmittelladen auch mit Rauschgift gehandelt worden sein könnte. Weitere Ermittlungen der Kripo gegen mehrere Beschuldigte aus dem Drogenmilieu bestätigten das. Schließlich konnte sogar der anonyme Briefschreiber gefunden werden, Telefonüberwachungen und Durchsuchungen waren erfolgreich: eine Angestellte des „Wetter-Market“ verkaufte offenbar Rauschgift im Geschäft. Die zahlreichen Vorwürfe sind inzwischen beim Landgericht Hagen angeklagt, doch ein Zusammenhang zu dem Brandanschlag konnte nicht festgestellt werden.

Zwielichtiger Ladenbetreiber

Schon bald darauf gerät Ladeninhaber Mohammad Moussa A. selbst in den Fokus der Ermittler. Es häufen sich die Verdachtsmomente, dass er sein Geschäft selbst angezündet haben könnte, um die hohe Versicherungssumme kassieren zu können. Zur Tatzeit, gegen 2.20 Uhr nachts, will er mit dem Auto auf dem Weg zum Großmarkt nach Gelsenkirchen gewesen sein. Tatsächlich ist er aber noch vor der Feuerwehr am Tatort und trägt Propangasflaschen aus seinem brennenden Laden. In der ersten Vernehmung behauptet er, an seinem Laden vorbeigefahren zu sein und dort nichts bemerkt zu haben. In einer weiteren Vernehmung verstrickt er sich in Lügen:

Die Gutachten des Landeskriminalamts hatte ergeben, dass an vier unterschiedlichen Stellen im Geschäft Ottokraftstoff (Benzin) ausgekippt und angezündet worden war. Dadurch entstand starker schwarzer Rauch, der sämtliche Lebensmittel ungenießbar machte. Die Versicherung zahlte dem offenbar arg gebeutelten Ladeninhaber aufgrund der öffentlichkeitswirksamen Brandstiftung umgehend 32.600 Euro aus und stellte weitere 24.000 Euro als Reserve für ihn zurück.

Die Finanzen

Intensive Ermittlungen von Staatsanwalt Jörn Kleimann brachten jedoch finanzielle Ungereimtheiten ans Tageslicht. So hatte der syrische Geschäftsinhaber beim EN-Jobcenter über Monate einen Sozialleistungsbetrügereien begangen und für die siebenköpfige Familie 42.300 Euro zu Unrecht kassiert, die mittlerweile zurückgefordert werden. Zudem hatte er mehrfach hohe Bargeldsummen in den Libanon und nach Syrien verschickt. Staatsanwalt Kleimann: „Wobei er von der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckte, um Spuren zu verwischen und Zeugen zum Schweigen zu bringen.“ Mehrere Landsleute hätten sich gerichtlich gegen ihn zur Wehr setzen müssen. Nachdem die Spenden der Wetteraner Bevölkerung bei Mohammad Moussa A. eingegangen waren, verkaufte er seinen Laden für 21.000 Euro an einen Landsmann und legte sich bei einem Autohändler ein teures Fahrzeug zu. Bei der Ratenfinanzierung gab er wahrheitswidrig an, dass er über ein monatliches Netto-Einkommen von 5.500 Euro verfüge. Tatsächlich arbeitete er jedoch als Mini-Jobber auf 550-Euro-Basis. Weitere Ermittlungen ergaben: In der Tatnacht waren kurz vor dem Brandausbruch die Sicherungen im Sicherungskasten, der sich außerhalb des Geschäftslokals befindet, herausgedreht worden. Dadurch war der Laden, der sonst jede Nacht hell erleuchtet war, stockfinster, als gezündelt wurde. Auch ist gezielt an der Videoanlage manipuliert worden, sodass die Überwachungskamera keine Bilder von der Brandlegung aufzeichnete.

Das Urteil

Vortäuschen einer Straftat, Betrug, einfache und gefährliche Körperverletzung. Das Schöffengericht hält Mohammad Moussa A. für schuldig, diese Straftaten begangen zu haben. Er hat das Feuer selbst gelegt und monatelang eine ganze Stadt an der Nase herumgeführt. Davon zeigt sich das Gericht überzeugt. Richter Christian Dembowski spricht von einer „selbstsüchtigen Motivlage“. Der Mann, der inzwischen in einer anderen Stadt im EN-Kreis lebt, wird für drei Jahre hinter Gitter geschickt.

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