Ein Reichsfreiherr an der Schwelle zur Moderne

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Wetter. Heinrich Friedrich Carl Reichsfreiherr vom und zum Stein muss einen Schock erlitten haben, als er 1784 vom turbulenten Berlin in die Kleinstadt Wetter an der Ruhr zog. "Willkommen in der Provinz", mag er sich gedacht haben. Seiner neuen Heimatstad

Für den Heimatforscher Dr. Klaus Becker jedenfalls gibt es keinen Zweifel: "Er war die bedeutendste historische Persönlichkeit, die jemals einen Fuß auf das Stadtgebiet Wetters gesetzt hat". Ein Gespräch mit Becker macht deutlich, dass die Geschichte an vielen Orten in Wetter Spuren hinterlassen hat.

Die Wohnstube Des Freiherrn erstes Domizil war ein kleines, schiefergedecktes Haus in der Freiheit. Begeistert war der Neubürger nicht von seiner neuen Heimat. "In Wetter hat er sich nicht wirklich wohlgefühlt", verrät Klaus Becker. Tatsächlich bezeichnete der Freiherr die Stadt zunächst als "ein Loch im dunkelsten Winkel von Westfalen."

Die Milde des Alters tauchte die Vergangenheit später in ein wärmeres Licht: "In seinen Erinnerungen wurde Wetter plötzlich zu der schönen Stadt, in der er seine Jugend verbrachte", so Klaus Becker. Tatsächlich antwortete der Freiherr einem Bischof auf die Frage, wo in der Welt es ihm am besten gefallen habe: "In Wetter. Da habe ich in einer schönen Gegend die Seligkeit der Einsamkeit genossen. Ein Stachel der Sehnsucht dahin ist mir geblieben, ich hänge daran mit Liebe."

Wetter war eine wichtige Station in der Karriere des Freiherrn. Im zarten Alter von 25 Jahren hatte er bereits 1 200 Menschen zu führen - von Arbeitern über Beamte bis hin zu Schiffskapitänen. Daheim in Nassau war er devotes Entgegenkommen gewohnt. Über die Sturheit des Westfalen staunte er: "Wenn ich hier meinen geringsten Nachbarn nicht grüße, so grüßt er mich auch nicht." Ein Schreibtischtäter war vom und zum Stein durchaus nicht. Er ließ es sich nicht nehmen, sich von den Gruben ein Bild zu machen, hießen sie St. Peter, Freier Vogel oder Dachs. Die Leitung des Bergbauamtes Wetter war keine kleine Sache: 1792 wurde das Amt zum Westfälischen Oberbergamt erhoben. Damit wurden ihm andere Reviere, nämlich Blankenstein, Hörde und Bochum, zugeordnet.

Der Erbstollen Der Bergbau war zu jener Zeit noch die reinste Plackerei für die Arbeiter. Maschinen, die ihnen die Arbeit erleichtert hätten, gab es kaum. Der Freiherr entwickelte zum Teil revolutionäre Ideen: "Harkort lebte noch gar nicht, da hat der Freiherr schon an die Verlegung von Schienen gedacht!", betont Becker. England, die Wiege der Industrialisierung, war damals der Maßstab. Auch der Freiherr unternahm 1887 eine "mineralologische und technologische Reise" auf die Insel. Enttäuscht kehrte er in die Harkortstadt zurück: "Die Engländer hielten ihn für einen Spion. Vom Stein hatte gehofft, er könnte Zeichnungen der neuen Maschinen mitnehmen", sagt Klaus Becker. Doch auch ohne Industrie-Spionage brachte der Freiherr das Ruhrtal nach vorn. Von der Zeit des Fortschritts zeugt noch der Schlebuscher Erbstollen in Wengern. Nun, da er für den Bergbau keine Bedeutung mehr hat, gibt es skurrile Diskussionen: Manche, munkelt man, wollen ihm das Wasser abgraben, damit in der Elbsche wieder gefischt werden kann.

Die Denkmale Dass der Freiherr vom Stein aus Stein am Wetterschen Rathaus steht, ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist der Vom-Stein-Turm in Hagen-Vorhalle. Kein geringerer als Friedrich Harkort hatte sich maßgeblich für die Errichtung des Turmes eingesetzt. Die beiden großen Bürger Wetters kannten sich gut. Wenige Jahre vor seinem Tod besuchte Freiherr vom und zum Stein noch einmal die Harkortstadt. Staunend besichtigte er die Harkort'schen Fabriken. Es war der Freiherr, der in England die erste Dampfmaschine für den Ruhrkohlebergbau bestellt hatte. Hier in Wetter konnte er sehen: Das Zeitalter der Maschinen hatte begonnen.

Den "Freiherr-vom-und-zum-Stein-Wanderweg" eröffnen der Verein für Stadtmarketing und der Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier" am morgigen Freitag um 11 Uhr am Rathaus Wetter.

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