Interview

Erzbischöfin Antje Jackelén sieht Gott als Vater und Mutter

Antje Jackelén stammt aus Herdecke, ging in Wetter zur Schule und sorgt als Erzbischöfin der evangelischen Kirche in Schweden dafür, dass Gott geschlechtsneutraler gesehen wird.

Foto: Oliver Mengedoht

Antje Jackelén stammt aus Herdecke, ging in Wetter zur Schule und sorgt als Erzbischöfin der evangelischen Kirche in Schweden dafür, dass Gott geschlechtsneutraler gesehen wird.

Herdecke/Chicago.   Die aus Herdecke stammende Antje Jackelén (62), seit vier Jahren Erzbischöfin der Kirche Schwedens, setzt auf eine geschlechtsneutrale Sprache.

Vom bunten Kirchenfenster strahlt er als alter Mann mit Rauschebart. Gott wird als Vater, Herr und Hirte dargestellt, als männlich. Zu männlich, findet die evangelisch-lutherische Kirche Schwedens. Seit Kurzem benutzt sie ein neues Gottesdiensthandbuch – mit geschlechtsneutraler Sprache. Aus Gott, dem Mann, wird mitunter die Mutter, die Quelle oder das Licht. Mitverantwortlich für die Entscheidung ist Antje Jackelén, seit 2013 Erzbischöfin der schwedischen Kirche (die erste Frau in diesem Amt).

Die 1955 als Antje Zöllner geborene Herdeckerin hat dazu beigetragen, dass das neue Gottesdiensthandbuch ihrer Kirche sprachlich anders daherkommt. Die 62-Jährige freut sich über die neue Wortwahl. In einem Telefoninterview – beim Zwischenstopp auf dem Flughafen Chicagos – hat sie erklärt, warum der heilige Geist nicht immer nur Bartträger ist.

Frau Jackelén, was ist anders im neuen Gottesdiensthandbuch?

Antje Jackelén: Es geht um Gottesdienste zum Beispiel für die Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung. Bereits beim Vorgänger 1986 hat man sich gefragt, wie die Sprache dafür inklusiver gestaltet werden kann. Das Bestreben ist also nicht neu. Jetzt haben wir uns aber zum Beispiel auch gefragt, wie Kinder gut miteinbezogen werden können und mehr kinderfreundlichere Musik eingebaut. Es geht daher um viel mehr als nur die Frage: Wie reden wir über Gott? Leider gab es eine Menge Falschmeldungen zu dem Thema.

Der englische Guardian schrieb zum Beispiel: „Schweden wollen Gott nicht mehr Herr nennen.“ Stimmt das so?

Nein. Die traditionellen Elemente der Liturgie sind erhalten geblieben. Ganz selbstverständlich also das Vater Unser oder der Kyrie-Ruf. Aber: Wir haben an anderen Stellen Formulierungen gesucht, die Gott nicht unbedingt als männlich bezeichnen, sondern die offener sind. Und das ist ganz im Sinne der Bibel.

In der Bibel wird Gott aber als Vater bezeichnet...

Nicht nur. Jesus lehrt uns, zu Gott als Vater zu beten. Deswegen hat das Bild eine besondere Bedeutung im Christentum. Aber schon beim Propheten Jesaja im Alten Testament steht deutlich, dass Gott sagt: „Ich bin Gott und kein Mensch”. Daher ist er natürlich jenseits unserer geschlechtsspezifischen, menschlichen Sprache. Außerdem hat die Bibel viele verschiedene Bilder von Gott, nicht nur männliche. Es gibt weibliche Bilder, zum Beispiel: „Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.” Es gibt auch natürliche Bilder: die Zuflucht, Quelle des Lebens oder der Weisheit.

Warum reden wir gerade jetzt über einen geschlechtsneutralen Gott?

Christliche Denker haben im Grunde immer schon betont, dass wir viele Bilder von Gott brauchen, um nicht ein spezielles zum Abgott zu machen. Viele Theologen arbeiten seit Jahrzehnten mit diesen Fragen. Aber wir wissen natürlich auch, dass patriarchale Strukturen die Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen und Kindern heute immer noch behindern. Nicht für jeden Menschen ist das Wort Vater positiv besetzt. Von daher ist die Kritik an einer patriarchal geprägten Sprache zulässig. Aber uns geht es nicht darum, populistisch zu sein oder sich anzupassen. Wir wollen glaubhafte Theologie betreiben, um sie in der Liturgie umzusetzen.

Was erhofft die schwedische Kirche sich durch das neue Handbuch?

Wir wollen eine Sprache finden, die funktioniert und anspricht. Das Wichtige ist, zum Vertrauen einzuladen und eine nahe Beziehung zu Gott zu entwickeln. Der Vater ist da nur ein Element von vielen.

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