Judenverfolgung

Familie Grünewald erlitt tragisches Schicksal in Herdecke

Diese Kennkarte, ausgestellt von der Stadt Herdecke am 18. April 1939, mit eingraviertem „J“ für „Jude“ und dem zusätzlich verordneten Vornamen „Israel“ wurde Heinz Grünewald an der belgischen Grenze bei Aachen bei der Ausreise aus dem Deutschen Reich abgenommen.

Diese Kennkarte, ausgestellt von der Stadt Herdecke am 18. April 1939, mit eingraviertem „J“ für „Jude“ und dem zusätzlich verordneten Vornamen „Israel“ wurde Heinz Grünewald an der belgischen Grenze bei Aachen bei der Ausreise aus dem Deutschen Reich abgenommen.

Foto: WP

Herdecke.   Die antisemitische Hetze machte jüdischen Familien Ende 1938 auch in Herdecke das Leben schwer. Im März 1939 lebten schließlich nur noch die Grünewalds in der Ruhrstadt. Die Familie erhielt von keinem Staat eine Einreiseerlaubnis.

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Nach der „Reichspogromnacht“ am 9. /10. 11. 1938, der Festnahme der jüdischen Männer und der anschließenden sechswöchigen Inhaftierung im Lager Sachsenhausen hielten es die letzten jüdischen Familien nicht mehr in Herdecke aus. Die antisemitische Hetze machte ihnen das Leben in der Kleinstadt unerträglich. „Hoffentlich wird in Bälde auch Herdecke judenfrei sein“, forderte beispielsweise die „Rote Erde“, die Zeitung der NSDAP im Gau Westfalen, in ihrer Ausgabe vom 20. März 1939. Zu diesem Zeitpunkt wohnten nur noch die Grünewalds in Herdecke.

Die Familien Neuhaus und Speyer hatten relativ schnell Möglichkeiten zur Emigration gefunden. Familie Grünewald aber musste in Deutschland bleiben. Sie erhielt von keinem Staat eine Einreiseerlaubnis. Dies hatte mit der schwierigen finanziellen Lage der Familie zu tun. Sie verfügte über keine Vermögenswerte, um die von den Nazis bei Emigration abverlangte „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können. Aber man wollte auf jeden Fall Herdecke verlassen, wo jedermann die Grünewalds kannte und sie mit ständiger Drangsalierung rechnen mussten.

Umzug ins anonymere Köln

Am 24. April 1939 zog die Familie Grünewald in die anonymere Großstadt Köln. Dort wohnte sie zur Untermiete bei Familie Stern am Deutschen Ring, Hausnummer 54. Kurz vor Kriegsbeginn konnte der Sohn Heinz Deutschland verlassen. Er überschritt am 5. August 1939 die Grenze bei Aachen, wie die ihm bei dieser Gelegenheit abgenommene und an die Stadtverwaltung Herdecke geschickte „Kennkarte“ mit dem „J“ für „Jude“ belegt.

Die Eheleute Grünewald zogen in Köln noch einmal um in die Hardefuststraße 8, in ein so genanntes Judenhaus. Das Haus gehörte einem Kölner Juden. Auf Verlangen der Stadtverwaltung musste der Eigentümer weitere Juden als Mieter oder Untermieter aufnehmen. Sally Grünewald arbeitete nun laut Deportationsliste als „Arbeiter“; wo, ist allerdings nicht mehr festzustellen.

Ende Oktober 1941 begannen die Massendeportationen aus Köln, zuerst nach Lodz, dann nach Riga. Paula und Sally Grünewald gehörten zu den 1000 Kölner Juden, die mit der ersten Deportation am 7. Dezember 1941 nach Riga geschafft wurden. Zurück ließen sie ihr Vermögen im Wert von 539,54 Reichsmark, wie auf der Deportationsliste penibel vermerkt wurde.

Der Historiker Horst Matzerath, lange Jahre Leiter des NS-Dokumentationszentrums in Köln, fasst die Erkenntnisse über diesen Transport so zusammen: „Am 7. Dezember 1941, um vier Uhr morgens, brachte SS die für das Ghetto in Riga vorgesehenen Juden zum Bahnhof Deutz-Tief. Hier bestiegen sie alte Personenwagen 3. Klasse. ... Vermutlich kam der Zug drei Tage später, am 10. Dezember 1941, auf dem Güterbahnhof Skirotava an. Dort wurden die Insassen von lettischer SS mit Gewalt aus den Waggons getrieben und mussten bei Glatteis den Marsch in das Rigaer Ghetto antreten. ... Unmittelbar vor ihrem Eintreffen hatte SS über 25 000 lettische Juden ermordet. Die ankommenden Kölner stießen in Straßen und Unterkünften auf die Spuren dieses Massenmordes.“

Spur verliert sich nach Transport

Die Berichte über den Transport nach und die Ankunft in Riga sind die letzten Informationen über das Schicksal von Paula und Sally Grünewald, auch wenn sie darin nicht namentlich erwähnt werden. Danach gibt es keine Lebenszeichen mehr von ihnen. In einem „Gedenk-blatt“ von Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, wird von einem Überlebenden des Ghettos in Riga, Alex Salm, als Todesort für Sally Grünewald „Riga“ angegeben. Unter der Rubrik „Todesumstände“ ist dort „Holocaust“ notiert.

Auch im Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ wird den Herdeckern Paula und Sally Grünewald gedacht. Die Stadt Herdecke hat 1987 in Erinnerung an die Grünewalds eine Straße in der Innenstadt „Sally-Grünewald-Straße“ genannt.

Während seine Eltern deportiert und ermordet wurden, glückte es dem Sohn Heinz, ein Land zu finden, das ihm Asyl gewährte. Er konnte sich nach England in Sicherheit bringen. Nach dem Krieg zog er zu Hedwig und Julius Fischbach, einem Bruder seiner Mutter, nach New York. Richtig Fuß fassen konnte er in den USA allerdings nicht mehr. Während des KZ-Aufenthaltes im November/Dezember 1938 waren ihm die Fingerkuppen gefroren. Daher konnte er in den USA nicht in seinem gelernten Beruf als Schneider arbeiten, sondern nur als einfacher Bote, wie seine Cousine Eve Lee in einem Brief 1990 berichtete. Heinz Grünewald starb bereits am 2. Mai 1954, nur 34 Jahre alt.

Stolpersteine als Erinnerung

Gymnasiasten der Friedrich-Harkort-Schule haben sich dafür engagiert, dass der Künstler Gunter Demnig im September 2006 zwischen den Bürgersteigplatten vor dem Haus Hauptstraße 72 für Paula, Sally und Heinz Grünewald drei so genannte Stolpersteine verlegen konnte. Diese Steine sollen an die Familie Grünewald erinnern, die in diesem Haus ihren letzten Wohnsitz in Herdecke hatte.

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