Ökonomie

Firmen denken auch an Gemeinwohl und nicht nur an Profit

Auf dem Gelände der Steinbildhauerei Vincent erklärten Unternehmen aus Wetter und der Umgebung, was sie sich von einer Gemeinwohl-Bilanz versprechen und wieso sie ihren Betrieb nach Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie analysieren

Auf dem Gelände der Steinbildhauerei Vincent erklärten Unternehmen aus Wetter und der Umgebung, was sie sich von einer Gemeinwohl-Bilanz versprechen und wieso sie ihren Betrieb nach Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie analysieren

Foto: Steffen Gerber

Wetter/Ennepe-Ruhr.   Die Steinbildhauerei Vincent aus Wetter und die Bäckerei Niemand erstellten ihre erste Geschäfts-Bilanz unter Gemeinwohl-Ökonomie-Aspekten.

Wer die Formulierung „Geschäfte machen“ genauer analysiert, landet immer wieder mal bei Turbo-Kapitalisten oder Heuschrecken-Firmen. Legitim ist, dass Unternehmer Geld verdienen wollen. Das muss aber nicht um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste erfolgen. Meint die Initiative Gemeinwohl-Ökonomie. Die will aufzeigen, dass Verantwortliche über verschiedene Kriterien einen Betrieb auch nach menschlichen und ökologischen Aspekten führen können.

Wie das funktioniert, veranschaulichte die Regionalgruppe Ennepe, Ruhr und Wupper nun bei einem Termin in Wetters Remestraße. Die dortige Steinbildhauerei um Inhaber Timothy Vincent hat eine Bilanz unter Gemeinwohl-Ökonomie-Aspekten erstellt. Also nicht nur einen Blick in die Kasse geworfen und Euro-Beträge addiert, sondern auch umweltverträgliche und soziale Faktoren bewertet. „Das ist mit Aufwand verbunden und kostet zunächst Geld, soll sich aber langfristig lohnen und durch das Testat Vorteile bringen“, sagt Rolf Weber als Koordinator der hiesigen Initiative, die er mit seiner Stellvertreterin Beate Petersen weiter bekannt machen will. „Wichtig ist für die Unternehmen, dass sie sich auf den Weg machen und sich selbst Verbesserungspotenziale aufzeigen“, so Petersen.

Zum Beispiel die Steinbildhauerei Vincent. Von 1000 möglichen Punkten kam der Betrieb auf 473. Und zwar nach einem Wertesystem, in dem es um die Themenfelder Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Miteinscheidung geht. Zu untersuchen ist, inwieweit diese Faktoren über Lieferanten, Finanz-Partner, Mitarbeiter, Kunden und dem gesellschaftlichen Umfeld abzudecken sind. Vincent: „Die erste Bilanz ist eine Standortbestimmung und eine Art Fundament, auf das sich aufbauen lässt.“

Konkret: „In Sachen Menschenwürde wollen wir hier Mitarbeitern und auch Praktikanten auf Augenhöhe begegnen“, erzählt Timothy Vincent. „Wir beziehen kein Material aus menschenunwürdiger Produktion, sondern achten auf regionales Gestein und setzen auch schon mal auf Grabmal-Recycling, also wiederverwertbare Steine.“

Den Ball nahm Beate Petersen auf und erläuterte, dass soziale Aspekte wie zum Beispiel der Umgang mit Arbeitnehmern oder das Ansehen des Lieferanten von Bedeutung seien. Ethische Finanzfragen seien ebenso wichtig. „Geht es nur um kurzfristigen Gewinn oder stecken dahinter langfristige Zukunftsaufgaben?“, fragte sie mit Blick auf die hiesige Bürger-Energie-Genossenschaft, die Solaranlage ausbauen und somit transparent Investoren anlocken möchte.

Regional und nachhaltig denken

Die Hagener Vollkornbäckerei Niemand, die u.a. am Kirchender Dorfweg in Herdecke einen Bioladen betreibt, hat bei der Gemeinwohl-Bilanz 417 Punkte erreicht und will in den nächsten zwei Jahren einiges verbessern. „Wir bemühen uns, bei regionalen Lieferanten einzukaufen, dabei stoßen wir aber manchmal an Grenzen, zum Beispiel angesichts der benötigten Menge bei Dinkel“, so Leonie Schmitz als geschäftsführende Inhaberin.

Die Bäckerei setze auf eine sinnvolle Resteverwertung und biete daraus Hasen- oder Hühnerfutter für Kunden an. „Wir haben durch die Gemeinwohl-Initiative manches neu beleuchtet“, sagt Schmitz und steht damit sinnbildlich für einen Prozess, in dem nicht alles nach sozialen und ökologischen Werten schon perfekt laufe.

Quartett macht mit

Während mit der Steinbildhauerei Vincent und der Bäckerei Niemand zwei Firmen ihre Gemeinwohl-Bilanzen erstellt haben, streben drei weitere Firmen und ein Verein ebenfalls den dazugehörigen „360-Grad-Blick“, so Beate Petersen von der Regionalgruppe, bei ihrer Analyse des Vorgehens an.

So zum Beispiel PCH Fischer aus Wetter. Das Traditionsunternehmen habe beim Blick auf die Werte der Gemeinwohl-Matrix festgestellt, dass es „da viele Schnittpunkte zu unserer Firmen-DNA gibt“, sagt Torben Putsch von der Geschäftsführung. Er repariere lieber eine Bohrmaschine und kaufe nicht gleich ein neues Modell. Anfang 2019 will der Fachhandel seine Bilanz vorstellen, wobei die Berichte allesamt öffentlich im Internet zu lesen sind.

Teresa Bouecke als Gemeinwohl-Beauftragte der Diabetes- und Stoffwechselpraxis Schleyer in Wetter räumt unumwunden ein, „dass wir in verschiedenen Kategorien Nachholbedarf haben“.

Auch das Ingenieurbüro Heymer aus der Harkortstadt erstellt derzeit eine entsprechende Bilanz. „Aspekte wie Ressourcen zu schonen oder die Menschenwürde zu achten, damit können wir uns identifizieren“, so Nicole Heymer.

Das bestätigt auch Dirk Drögekamp vom Verein Integra. Dieser soziale Dienstleister kümmert sich seit der Gründung vor 15 Jahren in Wetter um Menschen mit psychischen oder Sucht-Problemen. „Wir machen uns im Sinne des Gemeinwohls Gedanken, wie wir die Hausbesuche mit unseren Fahrzeugen ökologischer gestalten können“, berichtet Dirk Drögekamp, der Integra-Geschäftsführer für Eingliederungshilfen.

Weitere Informationen im Internet: www.ecogood.org

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