Kultur

Flucht ist nicht nur ein Thema der Gegenwart

Cathrin Zeller, Edda Sichelschmidt, Manuela Pavlovskis und Dr. Hagen Zeller (v. l.) basteln noch an den Details für die Ausstellung, die am Samstag im Stadtsaal gezeigt wird. 

Cathrin Zeller, Edda Sichelschmidt, Manuela Pavlovskis und Dr. Hagen Zeller (v. l.) basteln noch an den Details für die Ausstellung, die am Samstag im Stadtsaal gezeigt wird. 

Foto: Yvonne Held

Wetter.   Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, hat es schon immer gegeben. Am Sonntag zeigt eine Ausstellung wie sie die Flucht erlebt haben.

Es sind Geschichten, die unter die Haut gehen, obwohl sie zum Teil schon viele Jahrzehnte alt sind. Für die Ausstellung „Flucht im Laufe der Zeit“, haben Cathrin Zeller, Edda Sichelschmidt und Manuela Pavlovskis mit 13 Menschen gesprochen, die geflohen sind, um zu zeigen, dass Flucht kein neuartiges Thema ist, sondern schon immer da war.

Eines haben alle Geschichten gemeinsam, egal ob sie während des Zweiten Weltkriegs, Mitte der 70er-Jahre, in den 90er-Jahren oder heute spielen. „Niemand geht je freiwillig aus seiner Heimat weg“, weiß Edda Sichelschmidt. „Viele Ältere sind bei den Erzählungen in Tränen ausgebrochen. Das Erlebte ist immer noch präsent“, berichtet Cathrin Zeller. Einige Zeitzeugen hatten sogar noch alte Unterlagen von ihrer Flucht, die sie den Interviewerinnen zeigten. Wie beispielsweise Bruno S.. Der heute 86-Jährige wurde im Alter von 13 Jahren durch die NSDAP gezwungen, seine Heimat in Ostpreußen zu verlassen.

Beschwerliche Reise

Bei Minus 20 Grad und jeder Menge Schnee machte sich die Familie auf die beschwerliche Reise über das Haff. Teils zu Fuß oder mit dem Traktor ging es über das Eis, vorbei an zugefrorenen Pferdeköpfen, die aus dem Boden ragten. Bombadiert von russischer und deutscher Seite. Bruno S. erinnert sich: „Überall lagen Verwundete auf den Straßen und riefen um Hilfe und baten um Wasser. Einige konnten wir versorgen, viele starben.“ Für Bruno S. war das jedoch nicht der letzte Schrecken der Flucht. Von seiner Mutter und Schwester getrennt, arbeitete er und erkrankte, wie viele andere zu der Zeit am Hungertyphus. Trotzdem schaffte er es und machte seinen Weg. Seinen Flüchtlingsausweis besitzt er immer noch, und manchmal stellt er sich die Frage: „Was bin ich denn nun, vertrieben oder geflohen?“

Unter Beschuss

Lieselotte W. lässt keinen Zweifel daran, dass sie mit ihrer Familie aus Hinterpommern, dem heutigen Polen, geflohen ist. Schon viele Wochen spürten sie den Druck. Immer mehr Familien aus dem Umkreis verschwanden. Unter dem Beschuss russischer Flieger schafften sie es letztlich zu einem Zug und setzten sich dicht an dicht mit anderen Menschen in einen Viehwaggon. Einer der Nachbarn sang auf der Fahrt immer wieder „Nun ade, du mein lieb Heimatland“.

Nicht weiterentwickelt

Doch auch das Leben in Deutschland war weder für die Geflüchteten damals, noch für die Hilfesuchenden heute einfach. „Der Zweite Weltkrieg ist schon so lange her. Doch damals wie heute werden diese Menschen oft noch als Flüchtlingspack bezeichnet. Wir haben uns nicht weiterentwickelt“, meint Cathrin Zeller traurig. Dennoch gebe es zwei große Unterschiede zwischen der damaligen Welle der Geflüchteten und der heutigen. „Die Menschen damals kamen zumindest noch aus dem gleichen Kulturkreis. Das ist heute oft anders. Und sie sind inzwischen angekommen. Das kann von den Geflüchteten heute nicht behauptet werden. Bei vielen ist beispielsweise der Status noch ungeklärt, und sie leben in ständiger Angst, doch wieder ausgewiesen zu werden“, berichtet Edda Sichelschmidt. Das Gefühl, nicht gewollt zu sein, spielt in allen Geschichten eine große Rolle.

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