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Gehört die Zukunft dem Elektroauto?

Oliver Flüshöh (CDU-Fraktionsvorsitzender Schwelm), posiert am 26. Januar 2018 vor einer Wasserstoff-Tanksäule.

Oliver Flüshöh (CDU-Fraktionsvorsitzender Schwelm), posiert am 26. Januar 2018 vor einer Wasserstoff-Tanksäule.

Foto: Patrick Friedland

Herdecke/Schwelm.  Lokalpolitiker aus Schwelm und Herdecke äußern sich zu zehn verschiedenen Thesen. Die Meinungen gehen weit auseinander.

Ihr Absatz steigt enorm. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 54 492 Elektrofahrzeuge (plus 117 Prozent im Vergleich zu 2016) verkauft werden. Zeit für die Lokalredaktion, das Phänomen im Rahmen unserer Mobilitätsserie einmal genauer zu beleuchten.

Als Gesprächspartner fungieren Peter Gerigk, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Herdecke, sowie Oliver Flüshöh, Fraktionsvorsitzender der CDU in Schwelm. Beide bekamen zehn Thesen zum Thema Elektroauto vorgelegt – die Reaktionen fielen meist unterschiedlich aus.

2 Das E-Auto schafft mehr Arbeitsplätze als es kostet.

Gerigk: Da wäre ich vorsichtig. Das Hauptproblem ist, dass die deutsche Autoindustrie den Wechsel schon verschlafen hat. Wenn die Produktion von Diesel- und Benzinfahrzeugen zurückgeht, könnte zum Beispiel auch die Zulieferindustrie Probleme bekommen. Manche Zulieferer stellen ihre Produktion aber zurzeit schon auf Teile für Elektroautos um.

Flüshöh: Da bin ich skeptisch. Wenn Sie mal bei den Automobilherstellern und Gewerkschaften reinhorchen, sagen die ganz deutlich: Es wird ein Teil, womöglich ein größerer Teil der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wegfallen, wenn wir einen umfassenden Umstieg auf die E-Mobilität haben. Die große Frage ist: Wo entstehen zusätzliche Arbeitsplätze?

3 Das Elektroauto sorgt für mehr Fahrspaß, weil es vom Start weg mit hoher Drehzahl fährt.

Gerigk: Ja, zu 100 Prozent. Schön ist natürlich auch die absolute Ruhe. Im Prinzip fährt sich so ein Ding wie ein Autoscooter auf der Kirmes. Sie geben Gas – und ab geht’s.

Flüshöh:Das wird jeder anders empfinden. Da gibt es auch Vorzüge beim Benzin, beim Diesel, bei Autos mit großen oder mit kleinen Motoren. Ich habe von anderen gehört, dass es Spaß macht, aber entscheiden muss das jeder für sich selber.

4 Das Elektroauto reduziert die Lärmbelastung erheblich, gefährdet deshalb aber auch Behinderte und Senioren im täglichen Verkehr.

Gerigk: Stimmt. Ich muss als E-Autofahrer doppelt aufpassen. Besonders, wenn ich langsam fahre. In einer verkehrsberuhigten Zone passiert es mir unheimlich oft, dass Leute einfach vor das Auto laufen. Die verlassen sich auf das Geräusch, was nicht mehr da ist. Am Schlimmsten sind die meist jungen Menschen mit den Stöpseln im Ohr, die einfach drauf los laufen. Die Älteren gucken sich ja meist um.

Flüshöh: Sicherlich ist das E-Auto sehr leise. Ich sehe die Gefährdung aber bei allen Verkehrsteilnehmern, das betrifft auch Kinder und alle anderen Erwachsenen. Wir erfahren das jedes mal, wenn unsere Nachbarin mit dem E-Auto um die Ecke fährt. Wir haben schon häufiger darüber gesprochen, dass die Hersteller daran auch nochmal arbeiten müssten.

5 Das Elektroauto sorgt auch zukünftig für spürbare Steuerersparnisse, bzw. Subventionen.

Gerigk: Tatsache. Ich habe zehn Jahre lang Steuerbefreiung und jetzt schon einen Steuerbescheid für 2027, das sind ein paar Euro. Kein Vergleich mit anderen Autos, vor allem Diesel.

Flüshöh: Kann sein. Da würde ich meine Hand aber nicht für ins Feuer legen. Die Subventionierung einer neuen Antriebs- oder Energieart wird irgendwann wieder verschwinden, so ist es zumindest üblich.

6 Das Elektroauto ist außerhalb des Stadtverkehrs unbrauchbar, weil sich lange Strecken nicht oder nur sehr umständlich zurücklegen lassen.

Gerigk: Falsch. Man muss natürlich sagen, dass Tesla da aktuell eine Sonderstellung einnimmt. Durch die Supercharger (120 kWh pro Stunde!) kann ich mich mit relativ kurzen Ladepausen (i.d.R. eine knappe halbe Stunde) in ganz Europa problemlos bewegen. Es gibt inzwischen aber auch kleinere Autos wie den Renault Zoe, mit denen man längere Strecken schafft. Die deutschen E-Autos haben bislang diese Schnellladefunktion meist noch nicht, so etwas ist dünn gesät.

Flüshöh: Ich glaube, dass das Elektroauto seinen Markt finden wird, vor allem als Zweit- oder Drittauto – und auch im Wesentlichen im Stadtverkehr. Für den ÖPNV, den Gütertransport, Geschäftsfahrten oder sonstige lange Strecken wird es auch in Zukunft nicht die Antriebsart sein. Ich habe gelesen, dass Dudenhöffer (Ferdinand, Lehrstuhlinhaber an der Uni Duisburg-Essen für Automobilwirtschaft, d. Red.) überzeugt ist, dass wir bis 2025 Schnellladesysteme entwickeln, die es ermöglichen, Fahrzeuge mit einer Reichweite von 500 Kilometer in einem Zeitfenster von 10 bis 20 Minuten zu betanken. Ich glaube kaum, dass die Bereitschaft, sich 20 Minuten an eine Zapfsäule zu stellen, bei den Menschen gegeben ist. Ich würde es auch nicht tun.

7 Auch in zehn Jahren werden sich Geringverdiener kein Elektroauto leisten können.

Gerigk: Sicherlich falsch. Es gibt jetzt schon recht preiswerte E-Autos, ab 149 Euro im Monat ohne Anzahlung. Wobei man beachten muss, dass sich diese Autos bislang nur als Zweitwagen eignen. Als Erstwagen kommt bisher sicher nur ein Tesla in Frage, so ehrlich muss ich sein. Und Teslas sind preismäßig natürlich heute noch was anderes. Ich erwarte aber, die deutsche Autoindustrie in zwei Jahren so weit sein wird, preisgünstige und alltagstaugliche Autos anzubieten.

Flüshöh: Das würde ich so nicht sehen. Ich glaube, dass die Preise sicherlich sinken werden. Das ist eine Frage der Größe und des Nutzens und die Frage, ob Sie sich das leisten wollen. Es ist ein Luxusprodukt.

8 Insbesondere im ländlichen Raum stehen Elektroauto-Fahrer vor Problemen, weil es dort nicht genug E-Zapfsäulen gibt.

Gerigk: Stimmt nicht. Die gibt es überall, mittlerweile flächendeckend. Das Problem ist eher, dass aufgrund der Zunahme von fahrenden E-Autos viele Ladestationen immer häufiger belegt sind. Die Ladeinfrastruktur muss schnellstens ausgebaut werden. Zudem besteht ja auch immer die Möglichkeit, zuhause zu laden.

Flüshöh: Ich sehe fast größere Hürden, den Umstieg auf E-Mobilität in den Ballungszentren zu schaffen, als die Ausstattung des ländlichen Raumes, wo man sich in einer Scheune, in Garagen oder an Häusern noch einen Ladeanschluss legen kann. Eine andere Frage werden wir uns stellen müssen: Ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, für Ladesäulen zu sorgen? Tankstellen sind nie öffentlich gewesen, wir reden aber wie selbstverständlich darüber, dass die öffentliche Hand Ladesäulen errichten muss. Wo kommt diese Selbstverständlichkeit her?

9 Das Elektroauto kostet wertvolle Zeit, da das Laden zu lange dauert.

Gerigk:Das kann man das hervorragend gestalten. Zum einen kann man probelemlos zuhause laden. Und: Ich habe mehr Pausen und komme eindeutig entspannter am Ziel an. Zugegeben, auf Langstrecken benötige ich natürlich ein, zwei Stunden länger. Aber das ist keine verlorene Lebenszeit, das ist gewonnene Entspannungszeit.

Flüshöh: Ich kenne keine Studie, die besagt, dass wir E-Fahrzeuge irgendwann in der gleichen Geschwindigkeit betanken können wie das heute mit Benzin oder Diesel der Fall ist. Wenn sie alternative Antriebsformen, etwa Verbrennungsmotoren mit synthetischen Kraftstoffen sehen – sie können Wasserstoff genau so tanken wie Benzin, in der gleichen Geschwindigkeit. Dann haben Sie letztlich die gleichen Abläufe mit einem synthetischen Kraftstoff, der umweltschonend ist.

10 Die Zukunft des Automobils ist elektrisch.

Gerigk: Ganz klar. Es hat Vorteile, die man nicht von der Hand weisen kann. Wartungskosten tendieren gegen Null, auf die Batterie gibt es acht Jahre Garantie. Es gibt keine Stickoxide, kein CO2 im Betrieb und weniger Lärm. Für Ladungen zahle ich momentan meist gar nichts, die Tesla – Supercharger sind umsonst, viele Ladesäulen z.Zt. auch noch.

Flüshöh: Ich würde sagen: Nicht vollkommen, sondern zum Teil. Es wird nicht der einzige Antrieb sein, eher ein ergänzender. Vielleicht zu einem Drittel, vielleicht zu einem Viertel, das ist jetzt noch schwer zu prognostizieren. Ich glaube, dass sich andere Antriebsformen auf lange Sicht eher durchsetzen.

>>>Ein Gastbeitrag von Peter Bökenkötter (Geschäftsführer VER)

„Eine sehr aufwändige Technologie“

„Alle sprechen davon. Wir haben Hybrid-Fahrzeuge, die Erfahrung damit ist – um es vorsichtig auszudrücken – durchwachsen. Es ist eine Brückentechnologie, die uns nicht wirklich nach vorne bringt. Die Batteriekapazitäten sind noch nicht entsprechend da.

E-Busse können sich nur Städte mit einer bestimmten Infrastruktur leisten. Die Ladestruktur auf den Strecken müsste ausgebaut werden, die Fahrzeuge sind sehr, sehr teuer. Es ist eine sehr aufwändige Fahrzeugtechnologie, die wir als VER uns gar nicht leisten können.

Was meine persönliche Meinung betrifft: Solange der Strom aus Braun- und Steinkohle produziert wird, findet die Umweltverschmutzung nur an anderer Stelle statt. Wir halten uns zunächst zurück, die Technik ist für unser recht bergiges Gebiet noch nicht ausgereift genug. Betrachten wir alleine nur mal die Heizung und das Entlüften. Wenn das 22 Kilowatt zieht, ist die Batterie ruckzuck leer.

Dann können sie den Bus heizen, aber nicht mehr fahren, das kann man dem Kunden nicht vermitteln. Wir bleiben erstmal beim Diesel der neuesten Generation, der, was die Zuverlässigkeit angeht, für unseren Raum hier die beste Lösung ist und die Emissionsstandards einhält. Ich persönlich halte den Wasserstoffantrieb für die beste Lösung, was die Umwelt angeht, aber auch da wird es noch dauern, bis die Technik ausgereift ist.“

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