Soziales

Gemeinschaftsgarten statt Kirchbau in Volmarstein

Hildegard Gievers (links) und Ulla Horstmann beim Himbeerenpflücken im Gemeinschaftsgarten.

Hildegard Gievers (links) und Ulla Horstmann beim Himbeerenpflücken im Gemeinschaftsgarten.

Foto: Claudia Kook

Volmarstein.  Eigentlich sollte auf dem Grundstück vor einigen Jahrzehnten eine Kirche gebaut werden. Doch es kam anders.

Vor neugierigen Augen fast verborgen erblüht in Wetter-Volmarstein nicht nur ein Blütentraum, sondern auch ein besonderes Projekt: der Gemeinschaftsgarten auf einem 3000 Quadratmeter großen Gelände der Gemeinde St. Augustinus und Monika. Mit viel Liebe zur Natur pflegen Gemeindemitglieder eine neue Form des Miteinanders und haben ein Paradies geschaffen, an dem sie jetzt auch Besucher teilhaben lassen. Wer sich anmeldet, findet hier Ort und Gelegenheit für Ruhe, Einkehr, Kontemplation und Gebet.

Die Himbeeren sind reif und leuchten verführerisch. Diese Einladung lassen sich Hildegard Gievers und Ulla Horstmann nicht entgehen. Während die beiden Frauen sich ans Pflücken machen, hat Winfried Gievers gerade seine verlängerte Baumschere zur Seite gelegt. Er hat einer von Buchenästen umarmten Eiche im Gemeinschaftsgarten in Wetter-Volmarstein ein bisschen mehr Licht verschafft. Dort, wo Eichen, Buchen und Himbeerbüsche wachsen, hätte vor rund 70 Jahren eigentlich eine Kirche gebaut werden sollen. Doch die Entscheidung fiel anders aus.

Volmarstein zu abgelegen

Das katholische Gotteshaus wurde stattdessen in Grundschöttel gebaut – die heutige Kirche St. Augustinus und Monika. „Das Gelände in Volmarstein erschien wohl zu abgelegen“, berichtet Winfried Gievers. Früher standen um das danach zunächst brach liegende Kirchengelände nur wenige Häuser. Das ist seit einigen Jahren anders und einer der Gründe, warum auf dem Grundstück ein besonderes Stück Natur und eine besondere Form des Miteinanders entstanden ist: ein Gemeinschaftsgarten.

Eigentlich fing alles vor sieben Jahren mit einer Beschwerde beim Pastor an. Mittlerweile war hier rund um das Grundstück, das immer noch der Kirche gehörte, eine neue Siedlung entstanden. Und das Grün des ungenutzten Stücks Land wucherte zu den Nachbarn herüber. Winfried Gievers als Mitglied des Kirchenvorstands von St. Augustinus und Monika sagte: „Ich kümmere mich um die Hecke.“ Aber damit war nicht Schluss. „Dann wurde erst einmal nur aufgeräumt. Es war ja alles verwildert. Ich habe Container bestellt und alte Buden abgerissen.“ Die stammten noch aus den Tagen, als das laut Überlieferung ehemalige Gärtnereigelände zum Teil von Schrebergärtnern genutzt wurde. Eine Zeit lang hatten hier auch einige Gemeindemitglieder als Hobbygärtner das Gelände für sich entdeckt.

Parzellen verschiedener Größe

Es entstanden Parzellen verschiedener Größe, begrenzt durch Hecken und Zäune. Aber mit den Jahren wurde der eigene Gemüseanbau zu mühsam und die Mitstreiter weniger. Die Natur holte sich den 3000 Quadratmeter großen Garten zurück. „Als Winfried Gievers das hier übernahm, ist dann nach und nach alles zu einem großen Garten zusammengewachsen“, erinnert sich Dorothee Janssen vom Pastoralteam der Pfarrei St. Peter und Paul, zu der die Gemeinde St. Augustinus und Monika gehört.

Sie selbst ging hier ihre „ersten Schritte in Sachen Garten“. Hier konnte sie sich in einer ungenutzten Ecke ausprobieren und nichts verkehrt machen. Janssen, die in der Pfarrei für den Schwerpunkt Teilhabe und Inklusion zuständig ist, gehört zu den insgesamt sechs Parteien, die den Gemeinschaftsgarten nutzen beziehungsweise mit Leben füllen. Von außen ist nicht zu erahnen, was für ein Idyll sich hinter dem kleinen Zaun und ein paar Nadelbäumen verbirgt.

Sitzecken laden zum Verschnaufen ein

Denn in diesem grünen Paradies schließen sich Blumen- an Gemüse- und Kräuterbeete. Holunder, Beerensträucher und ein riesiger Walnussbaum wachsen hier genauso wie ein Apfelbaum der alten Sorte Berlepsch oder eine betagte Weinrebe, die von einem früheren Gärtner zurückgelassen wurde.

Kleine Sitzecken laden zum Verschnaufen ein, wenn das Unkraut gezupft ist und die Gießkanne zurück an ihren Platz kann. Und selbstverständlich, wenn - je nach Jahreszeit - Erdbeeren, Rhabarber, Tomaten, Bohnen, Kohlrabi, Artischocken, Spitz- oder Rotkohl geerntet sind. Wenn Bernhard Horstmann und seine Frau Ulla, die zu den Gemeinschaftsgärtnern der ersten Stunde gehören, Gartenschere oder Grabegabel zur Seite gelegt haben, fällt ihr Blick zum Beispiel auf die Bienen von Imker Ewald, die von den zahlreichen Blüten von Lavendel, Frauenmantel oder Mohn angezogen werden. Oder das kein bisschen schüchterne Eichhörnchen springt ein paar Meter von den zweibeinigen Nachbarn entfernt über einen der schmalen Wege zwischen den Rabatten.

Zwar werden die jeweiligen Gartenabschnitte auch von verschiedenen Naturfreunden gehegt und gepflegt. Aber Zäune braucht man hier nicht. Das Wort Gemeinschaftsgarten ist hier ernst gemeint. Es ist ein „offener Garten“ entstanden. Und seit neuestem ist damit auch ein Angebot an Besucher verbunden.

Beten kann man überall

Weil die meisten der Gemeinschaftsgärtner in der Kirchengemeinde St. Augustinus und Monika aktiv sind, entwickelte sich wegen der Corona-Pandemie eine Idee: Wenn der Raum in den Kirchen bei Gottesdiensten zu klein ist, um alle einzulassen, warum nicht ein ganz anderes Angebot zur Einkehr, zur Kontemplation und zum Gebet bieten. „Beten kann man überall“, nennt Dorothee Janssen den Grundgedanken. Die Gäste melden sich an und könnenden Ort im Gemeinschaftsgarten selbst aussuchen. Eine Holzkiste, die an einem schattigen Plätzchen an der letzten übriggebliebenen Hütte wartet, enthält einen Willkommensgruß, eine Bibel und einen Impuls, zum Beispiel den Text einer Lesung. „Garten-Gottesdienst“ nennen die Beteiligten ihr Angebot.

Wer gerne vorbeischauen möchte, kann per Telefon einen Termin für einen Besuch ausmachen: täglich zwischen 10 und 18 Uhr unter der Rufnummer 02324/5 69 95 38.

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