Stadtgeschichte

Gestalter des neuen alten Herdecke

Das alte Herdecke ist eine von insgesamt 24 Skizzen, die Karl Friedrich Gehse zeichnete. Die Skizzen kursieren noch heute unter geschichtsinteressierten Herdeckern.

Das alte Herdecke ist eine von insgesamt 24 Skizzen, die Karl Friedrich Gehse zeichnete. Die Skizzen kursieren noch heute unter geschichtsinteressierten Herdeckern.

Foto: Privat

Herdecke.   Architekt Karl Friedrich Gehse gab vor 40 Jahren der Innenstadt ein zeitgemäßes Gesicht. Herdecke war er bis zuletzt verbunden.

Vor zehn Jahren haben Karl Friedrich und Gisela Gehse das Haus in Stiepel verkauft und eine Wohnung gleich am Bergbaumuseum in Bochum bezogen. „Seitdem haben wir schon verschiedene Leute aus dem Haus Herdecke kennengelernt“, sagt die Frau, die nun schon seit anderthalb Jahren trauert um den Mann, dem Herdecke sein neues altes Gesicht zu verdanken hat.

In den sechziger Jahren merkten die Herdecker, dass es an einigen Stellen äußerst eng war im Städtchen und das den Autoverkehr ebenso bremste wie den Handel. Ein Konzept zur Innenstadtsanierung sollte her, wie außer den politisch Verantwortlichen auch die Bürgerschaft fand. Wie viel Neues musste es sein, wie viel Altes durfte bleiben? Die Antwort, die Architekt Karl Friedrich Gehse auf diese Frage gefunden hat, ließ ihn auch nach Jahren immer wieder gerne nach Herdecke kommen.

Wie Balken im Fachwerk

Die Häuser an der Bachstraße, der Stiftsplatz mit dem Zwei-Schwerter-Haus, das von Schiefer umrahmte Fenster eines Blumenladens an der Hauptstraße – insgesamt 24 Skizzen der Herdecker Innenstadt, so wie Karl-Friedrich Gehse sie vorgefunden hat, kursieren immer noch unter den geschichtsinteressierten Herdeckern. Die Buchstaben von Herdecke hat er auf dem Titelblatt reingemogelt in die Fassade eines Hauses als handelte es sich um Balken im Fachwerk. Dazu das Wappen, eine Steinmauer, verwitterte Dachschindeln, so hat er das alte Herdecke auf den Punkt gebracht.

Fragebögen zur Neugestaltung

Und das Neue? Wie sollte es aussehen? Aus 3862 ausgefüllten Fragebögen war das herauszulesen. „Die Neuordnung des Innenstadtgebietes im Lichte der Meinungen einzelner Bürgergruppen“ steht über einem Kapitel in Band 1 der Innenstadtsanierung. Nur zwei Prozent der Befragten stand damals einer Neugestaltung ablehnend gegenüber. Jedem Siebten hätte es gereicht, nur die Verkehrsprobleme zu lösen. Mehr als die Hälfte sprach sich für eine städtebauliche Neuordnung aus. Zahlreiche Häuser mussten weichen, für Gisela Gehse steht insgesamt aber fest: „Mein Mann hat die Stadt vor dem Abriss gerettet.“

Wie die damalige Stadtspitze das gewertet hat, verrät ein Schuhkarton großes Kästchen an der Wand nahe dem Esstisch der Innenstadtwohnung. In dem Kästchen trägt eine Figur eine schwere Last – ein Herdecker Sackträger bei der Arbeit. Ausgekleidet ist das Kästchen mit einer Art Urkunde, die der frühere Stadtdirektor Öhm dem Architekten Gehse im April 1985 ausgestellt hat: Ihm sei es „gelungen, Altbewährtes mit den Erkenntnissen dieser Zeit zu verbinden“ steht da als Anerkennung der „hervorragenden Architekturleistung in Herdecke“. Nicht weit von dem Dankeschön aus Herdecke hängt postkartengroß der Geehrte. Es ist ein Bild aus guten Zeiten. „Er war immer fröhlich, immer positiv“, sagt Gisela Gehse über den Mann, der offen und leicht am Fotografen vorbei schaut. Karl-Friedrich Gehse trägt schwarzes Jackett, weißes Hemd und „als Markenzeichen eine von mir selbst gehäkelte Fliege.“ Aus Witten kam ihr Mann, sie stammt aus Düsseldorf. In Stuttgart haben sie sich kennengelernt, wo er studierte und sie einen Job hatte. Eine gemeinsame Heimat fanden sie im Revier.

In Wattenscheid oder Bochum und Herten und Lünen hat er „Häuser zum Hausen und Wohnen“ gebaut. So steht es auf dem Einband eines Buches über Arbeiten von Karl Friedrich Gehse aus den Jahren 1970 bis 1999. Gewidmet hat er es seiner Frau Gisela, die als Journalistin selbst viele Beiträge über ihn geschrieben hat.

Volksbank entstand durch Gehse

Immer wieder fanden seine Bauten, darunter das eigene Wohnhaus mit einem Durchlass von einem Kinderzimmer ins Andere, Aufmerksamkeit. Aber auch Gebäude in Wetter tragen seine Handschrift, etwa die Volksbank im Ortskern von Wengern oder ein ausgefächerter Neubau in der Freiheit.

„Eigentlich wollte er ewig arbeiten“, sagt Gisela Gehse. Aber die Parkinson-Erkrankung ihres Mannes ließ das nicht zu. Der ließ sich nicht unterkriegen: „Ich brauche keine Pläne mehr zu machen – ich kann jetzt malen“, habe er gesagt. Die Witwe zeigt auf die vielen Bilder, die die Wände der Wohnung am Bergbaumuseum zieren und auch in Ausstellungen zu sehen waren. Herdecke blieb er auch in dieser Zeit verbunden. Mehrfach hat ihn seine Frau zu Treffen gebracht, bei denen es um den Erhalt des Koepchenwerkes am Ufer des Hengsteysees ging. Gisela Gehse ist dann gerne gekommen und auch wieder gerne gefahren. „Ich bin ein Großstadtkind“, sagt sie über sich. Selbst die schönste Kleinstadt hat da auf Dauer keine Chance.

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