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Gräber und Geschichten: Herdeckes erster Stadtdirektor

Die komplette Herdecker Stadtverwaltung inklusive der Familie von Bürgermeister Bonnermann um 1925. In der letzten Reihe steht Wilhelm Vincke (Zweiter von links). 

Die komplette Herdecker Stadtverwaltung inklusive der Familie von Bürgermeister Bonnermann um 1925. In der letzten Reihe steht Wilhelm Vincke (Zweiter von links). 

Foto: Nachlass Wilhelm Vinckel / WP

Herdecke.  Auf den Spuren von Wilhelm Vincke: Er war mitverantwortlich für die Erschließung neuer Wohngebiete und die Integration vieler Flüchtlinge.

Am Rande des ältesten Teils des Friedhofs Wienberg/Zeppelinstraße steht – durch die Abräumungen von Grabstätten in den letzten Jahren etwas einsam – ein Grab, das die Aufmerksamkeit des Friedhofbesuchers auf sich zieht. Auf dem aus Ruhrsandstein geschaffenen und mit dem Herdecker Wappen verzierten Grabmal heißt es: „Hier ruht WILHELM VINCKE Stadtdirektor der Stadt Herdecke von 1946 bis 1953 geb. 13. 6. 1894 gest. 22. 3. 1953“. Nicht erwähnt ist, dass es sich hier um ein ‚Ehrengrab der Stadt Herdecke‘ handelt und dass Vincke der erste Stadtdirektor in der Herdecker Geschichte war. Überhaupt gibt es nur zwei Ehrengräber der Stadt, neben dem Grab für Wilhelm Vincke noch das Grab für Otto Hellmuth. Wer also war dieser Wilhelm Vincke und warum erhielt er eine solche Auszeichnung?

Berufliche Laufbahn

Wilhelm Vincke, Sohn des Bäckers Wilhelm Vincke, absolvierte von 1913 bis 1916 eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung Herdecke. Nachdem er im Dezember 1920 die zweite Verwaltungsprüfung abgelegt hatte, begann sein stetiger Aufstieg in der Stadtverwaltung. Laut Bürgermeister Robert Bonnermann war Vincke „sicher und gewandt in Ausdrucksweise und Schrift“, beherrschte „eine korrekte und sichere, schnelle Abfertigung des Publikums“ und war in der Lage, „die ihm aufgetragenen Arbeiten sachgemäß und selbstständig zu erledigen“. Er protegierte den jungen und strebsamen Verwaltungsassistenten.

Seit 1927 Mitglied der SPD, wurde Vincke 1929 auf Vorschlag der SPD Fraktion für 12 Jahre zum Beigeordneten, das heißt zum Stellvertreter des Bürgermeisters, gewählt.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 auch in Her­decke brachte das vorläufige Ende der Karriere Vinckes in der Verwaltung. Bonnermanns Amtszeit lief im Sommer 1933 aus. Die örtliche NSDAP hatte seit April schon einen neuen Bürgermeister, den ‚Alten Kämpfer‘ Rudolf am Wege aus Hattingen, in Stellung gebracht. Es half nichts, dass Bonnermann, kurz bevor er selbst in den Ruhestand ging, sich beim Kreis noch einmal für Vincke stark machte. Seit Mai 1933 beurlaubt, wurde Wilhelm Vincke am 19. Oktober 1933 auf Betreiben der NSDAP Herdecke vom preußischen Innenminister wegen politischer Unzuverlässigkeit entlassen. Zwar gab es einen kleinen Teil des früheren Gehaltes als monatliche ‚Pensionszahlung‘, aber für den Unterhalt der jungen Familie Vincke reichte das nicht aus. Wilhelm Vincke arbeitete deshalb seit 1934 als Versicherungsvertreter, ab 1937 als ‚Steuerhelfer‘, zugelassen vom Arbeitsamt Hagen.

Im April 1943 reaktivierte der Landrat Wilhelm Vincke als ‚Kriegsaushilfsangestellter‘ bei der Kreisverwaltung, kündigte aber dieses Dienstverhältnis im April 1945, da angesichts der unmittelbar bevorstehenden Kampfhandlungen im Kreis keine Beschäftigungsmöglichkeit mehr bestand. Nur vier Wochen später, am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und drei Wochen nach der Besetzung Herdeckes durch amerikanische Truppen, änderte sich Vinckes Situation erneut.

Zurück in der Stadtverwaltung

Der von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzte Karl Kemmerich holte den politisch unbelasteten Verwaltungsbeamten wieder in die Stadtverwaltung. Als Fachmann sollte er Bürgermeister Kemmerich, der keinerlei Verwaltungserfahrung hatte, zur Seite stehen. Schon am 15. Mai 1945 wurde Vincke zum Leiter der Haupt - und Personalabteilung in der Stadtverwaltung Herdecke ernannt. Nach Kemmerichs Rücktritt vom Amt des Bürgermeisters im November 1945 übernahm Vincke auch offiziell die Leitung der Stadtverwaltung.

Wilhelm Vincke war nun derjenige, der die Pläne der britischen Besatzungsmacht für die schrittweise Demokratisierung der Gemeindeverwaltung umsetzen musste. Im Januar 1946 verpflichtete er so die 19 Männer und 2 Frauen für die erste, noch von den Briten bestimmte Stadtvertretung nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. In der zweiten Sitzung am 26. Februar 1946 wurde er dann zum Stadtdirektor gewählt. Zuvor war das alte preußische Kommunalrecht nach britischem Vorbild umgestaltet worden: Ein ehrenamtlicher Bürgermeister als Vorsitzender des Rates, ein Stadtdirektor als Leiter der Stadtverwaltung. Zum Bürgermeister wurde in derselben Sitzung der Fabrikant August Röpke von der D.P. (Vorläufer der FDP) gewählt. Beide Wahlen bedurften der Bestätigung durch die Militärregierung der britischen Besatzungszone. Die erste freie Wahl des Rates fand dann am 15. September 1946 statt.

Nachkriegszeit und Aufbauphase

Wilhelm Vincke hat mit seiner sachlichen und kompetenten Art der Verwaltungsführung die schwierigen Aufbaujahre nach dem Krieg entscheidend geprägt. In den nur sieben Jahren wurden unter seiner Leitung wichtige Entscheidungen des Rates umgesetzt: Erschließung neuer Wohngebiete (Ostenaus, Ende), Einrichtung eines Alten- und Kinderheims, Beginn der Umgestaltung der Hauptstraße und nicht zuletzt die Integration vieler Flüchtlinge und Umsiedler. Noch mitten in dieser Aufbauphase stehend, starb Stadtdirektor Wilhelm Vincke am 22. März 1953. Er hinterließ seine Frau, Tochter Lore und Sohn Hans-Wilhelm.

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