Nazi-Opfer

Projektgruppe der FHS Herdecke recherchiert für Stolperstein

Vier der neun Mitglieder aus der Projektgruppe, die sich mit der Biografie von Wilhelm Vormbaum befassten: (von links) Referendar Sebastian Harnisch, Jan Philipp Scharf, Julia Schröder, Lara Imani Wille und Ayleen Grafe.

Vier der neun Mitglieder aus der Projektgruppe, die sich mit der Biografie von Wilhelm Vormbaum befassten: (von links) Referendar Sebastian Harnisch, Jan Philipp Scharf, Julia Schröder, Lara Imani Wille und Ayleen Grafe.

Foto: Felix Igla

Herdecke.   Gedenken an Wilhelm Vormbaum: Eine Projektgruppe der Friedrich-Harkort-Schule Herdecke setzt sich für die Verlegung eines Stolpersteins ein.

Engagement geht auch über den Unterricht hinaus. In der Projektwoche im November 2016 befassten sich neun Gymnasiasten der Friedrich-Harkort-Schule (FHS) mit einem neuen Anlauf für das Projekt Stolpersteine. Die Planungen, um auf diesem Weg an Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern, starteten schon im Sommer.

Vor allem Sebastian Harnisch, Referendar für Geschichte und Sozialwissenschaften an der FHS, holte dafür Erkundungen ein und bezog sich auf vorige Recherchen des ehemaligen Lehrers Willi Creutzenberg, den viele als Herdecker Heimatforscher kennen. „Ich werde mich auch weiterhin für das Projekt einsetzen, obwohl ich jetzt nach diesem Schuljahr die FHS verlasse“, erklärt Harnisch.

Startschuss im November 2016

Richtig los ging es für ihn und die Schüler dann mit der Projektwoche. Die Teilnehmer aus den Jahrgangsstufen 10 und 11 tauchten zunächst in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein, so erfuhren sie viel über Verfolgung und Verfolgte. Zugleich diskutierten sie über die Aktion Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Danach begab sich die Gruppe an historische Recherchen im Stadtarchiv Witten. Nach oberflächlichen Erkundigungen fiel ihnen der 1944 hingerichtete Fahnenflüchtige Wilhelm Vormbaum auf.

Wie die meisten Schüler der Gruppe kam auch Vormbaum aus Herdecke. Informationen über den Ermordeten erfragten die Geschichtsforscher bei dem Wehrmachtsarchiv Berlin. Das verwies sie an das Bundesmilitärarchiv in Freiburg, dort seien die Gerichts-Unterlagen von der Wehrmacht. Weitere Auskünfte fanden die Teilnehmer auch in den Herdecker Blättern, die seit 1992 über die lokale Geschichte berichten. Olaf Rose hatte im November 1994 einen Aufsatz über Vormbaum veröffentlicht.

Nach der historischen Recherche entschied sich die Gruppe einstimmig für die Verlegung eines Stolpersteins als Erinnerung an den Fahnenflüchtigen. Mit der Hilfe von Creutzenberg, der das Projekt schon 2005 mit der damaligen Klasse 10a für die Grünewalds umsetzte, beantragten die Nachfolger nach dem Ende der Projektwoche beim Rat der Stadt ein Gedenken für Vormbaum. Einige Schüler besuchten kürzlich die Sitzung im Ratssaal, bei der sich alle Fraktionsmitglieder für die Verlegung aussprachen.

Noch nicht ganz abgedeckt sind die Kosten von 120 Euro. Die engagierten Schüler wollen über einen Spendenaufruf an Geld kommen. Wann die Verlegung des Stolpersteins konkret stattfindet, ist noch unklar, da nur Gunter Demnig dies umsetzt, und der Künstler nach Angaben der Projektgruppe in der nächsten Zeit schon mit anderen Aufgaben dieser Art beschäftigt ist.

Auch bei der Beschriftung des Stolpersteins sind sich die Projektteilnehmer noch unsicher, da Fahnenflucht zwar der Grund für die Ermordung war und somit erwähnt werden sollte, dieses Wort jedoch für einige der Gymnasiasten eine zu negative Konnotation aufweist.

Dennoch sind sich die Teilnehmer sicher, dass sie sich bis zu der Verlegung weiter außerhalb der Schulzeit für das Projekt einsetzen werden. Lara Imani Wille sehe in den Stolpersteinen „eine gute Idee zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus“. Jan Philipp Scharf befürwortet das als „Anregung zum Nachdenken, gerade in der Zeit, in der die politische Landschaft in Deutschland immer rechter zu werden scheint“.

In einem Punkt sind sich alle einig: Obwohl Vormbaum seit 1938 Mitglied in der Herdecker Ortsgruppe der NSDAP war, verdiene er einen Stolperstein in der Habigstraße. Das ergebe sich beim Blick auf die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg: Vormbaum kehrte als Mitglied der Kriegsmarine nach einem Landgang in Marseille und einem Treffen mit einer Französin am 19. April 1943 nicht zu seiner Einheit zurück. Da er den Zapfenstreich zuvor schon überzogen hatte, beging er aus Angst vor Strafen Fahnenflucht. Bis 1944 fand er in Toulon Unterschlupf bei französischen Widerstandskämpfern (Résistance).

Im März 1944 zum Tode verurteilt

Vormbaum arbeitete dann als Schwarzhändler und wollte sich eigentlich stellen, ehe ihn am 7. März ein ehemaliger Kamerad entdeckte. Nach der Verhaftung kam er ins Gefängnis der Wehrmacht. Der Marinekriegsgerichtsrat verhörte ihn, er stritt Kontakte zur Résistance ab. Am 17. März 1944 fiel das Urteil: Tod durch Erschießen, ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Am 4. Mai tötete ein Erschießungskommando Vormbaum.

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