Interview der Woche

Haarpraktikerin in Wetter: Haut und Haare spiegeln die Seele

Bei der Arbeit: Nadine Stein massiert einer Kundin die Kopfhaut. Die Friseurmeisterin absolviert derzeit eine Ausbildung zur Haarpraktikerin, um Haut und Haar ganzheitlich behandeln zu können.

Bei der Arbeit: Nadine Stein massiert einer Kundin die Kopfhaut. Die Friseurmeisterin absolviert derzeit eine Ausbildung zur Haarpraktikerin, um Haut und Haar ganzheitlich behandeln zu können.

Foto: Elisabeth Semme

Wetter.  Nadine Stein geht beruflich neue Wege. Die Friseurmeisterin aus Wetter lässt sich zur Haarpraktikerin ausbilden. Und das versteht man darunter.

Mit dem ersten Lockdown im März fing alles an. Nadine Stein, Friseurmeisterin aus Wetter , verbrachte viel freie Zeit zuhause und räumte Schränke auf. Dabei fiel ihr ein 20 Jahre altes Buch in die Hände, das sie heute aus einer ganz anderen Perspektive betrachten kann. „Damals dachte ich noch, die hat einen Knall. Inzwischen hat sich so viel geändert, vor allem auch mein Bewusstsein und meine Einstellung zu dem, was ich noch an Haut und Haare lassen möchte und was nicht“, sagt Nadine Stein. Sie las das Buch erneut und beschloss, beruflich neue Wege zu gehen. Seit September absolviert die Wetteranerin nun eine Ausbildung zur Haarpraktikerin. Was das ist und was Kunden künftig in ihrem Salon erwartet, darüber hat die Lokalredaktion mit Nadine Stein gesprochen.

Sie sagen, auch Ihr Bewusstsein habe sich geändert. Inwiefern?

Nadine Stein Das hat sich langsam entwickelt. Seit etwa acht Jahren schaue ich ziemlich genau hin, was ich an meine Haut und Haare lasse – und auch an das meiner Kunden. Das reicht von der nachhaltigen Verpackung eines Produkts bis hin zu Inhaltsstoffen wie Filmbildnern und Tensiden, die den wichtigen Säureschutzmantel kaputt machen, der uns auch vor Viren und Bakterien schützt. Das möchte ich alles nicht mehr in den Produkten haben. Man wird ja lange beeinflusst von Firmen und hat nie hinterfragt. Bis man Probleme bekommt. Gesundheitlich macht man seine Erfahrungen, genau wie die Kunden, die inzwischen auch mehr Wert auf ihre Gesundheit legen.

Was hat das Buch bei Ihnen ausgelöst?

Nachdem ich es gelesen hatte, habe ich im Internet recherchiert und entdeckt, dass die Autorin Susanne Kehrbusch viele Seminare für Friseure anbietet. Alles, was ich dort gefunden habe, fand ich sehr anregend. Die Idee, sinnerfüllter zu arbeiten, hat mich gefangen. Bei Susanne Kehrlich begann die Veränderung schon vor 23 Jahren; damals bekam sie die Diagnose MS. In Kooperation mit Dr. Max Otto Bruker hat Susanne Kehrlich dann die Ausbildung zum Haarpraktiker entwickelt.

Was kann man sich denn darunter vorstellen?

Ein Haarpraktiker ist ein ganzheitlich orientierter Friseur. Zwei der insgesamt vier jeweils dreitägigen Seminare habe ich bereits absolviert; im Februar folgt die Abschlussprüfung. Wenn man nach drei Tagen solch ein Seminar verlässt, raucht der Kopf. Aber es ist alles so spannend, wenn man plötzlich die vielen Puzzleteile zusammengesetzt bekommt. Denn ich habe natürlich schon oft in meinem Berufsleben gedacht: Die braucht nicht nur ein besonderes Shampoo, sondern auch einen Psychologen. Um ersteres kann ich mich jetzt besser kümmern. Ich sehe Kopfhaut zum Beispiel jetzt ganz anders; sie ist ja, genau wie überhaupt unsere Haut, auch ein Spiegel von Körper und Seele. Oder ich weiß Rat, wenn die Haare einer Kundin, die ich schon lange kenne, auf einmal saft- und kraftlos sind. Wenn die Haarstruktur sich verändert und man sich fragt: Hey, was ist denn da los?

Womit haben Sie sich bislang in der Ausbildung beschäftigt?

Zunächst ging es um Inhaltsstoffe der Produkte, wir haben zudem unsere Kenntnisse über Haar- und Hautaufbau vertieft. So können wir andeutungsweise erkennen, woher welche Auffälligkeiten oder Veränderungen kommen. Und wir haben gelernt, wie wir bei umweltbedingten Einflüssen etwa mit Produkten und Geräten helfen können. Das Pflegeprodukt allein kann aber nicht immer helfen; oftmals sind es zusätzliche Umwelteinflüsse oder auch ernährungsbedingte Ursachen wie Vitalstoffmangel oder Trinkverhalten. Wir haben viel Wissen an die Hand bekommen und sind auf einem guten Weg, Haut- und Haarprobleme zu behandeln.

Können Sie ein kleines Beispiel geben?

Zunächst ist es wichtig zu schauen, welche Produkte ein Kunde benutzt und was da drin ist. Dann geht es ans Behandeln. Oftmals helfen schon Kopfhautbürsten und Kopfhautmassagen; denn ein gut durchbluteter Kopf gibt schöneres Haar. Oder nehmen wir jemanden mit langen Haaren, die auf einmal nur noch schwer herabhängen und mit denen die Kundin nichts mehr machen kann. Wenn man sich klar macht, dass Filmbildner wie Frischhaltefolie auf Kopfhaut und Haar wirken, dann wundert das nicht. Es fehlt den Haaren einfach eine vernünftiges Basis.

Gibt es schon erste Erfahrungen?

Mit Kunden bislang nicht, aber seit September mache ich Selbstversuche. Und meine Familie und gute Freundinnen müssen auch herhalten. Ich praktiziere zum Beispiel jetzt regelmäßiges Kopfhaut- und Körperbürsten vor dem Duschen. Das ist durchblutungsfördernd, und ich hätte nie gedacht, dass es so schnell zu den Alltagsritualen gehören kann wie das Zähneputzen.

Sie haben vorhin auch Geräte erwähnt, mit denen Sie arbeiten?

Ja, ich habe bei dem letzten Seminar mal wieder mit einer Kopfhautkamera gearbeitet. Die vergrößert extrem, und man sieht tatsächlich den Unterschied zwischen Filmbildner und Schuppen. Oder man sieht eine reine Kopfhaut mit Äderchen und Follikeln. Auch beim Umgang damit müssen Familie und Freunde herhalten. Eine Kopfhautkamera würde ich hier in meinem Salon bei der Beratung auch einsetzen. Der Vorteil ist, dass sie mit einem PC verbunden werden kann und man anhand gespeicherter Fotos Veränderungen dokumentieren kann. Es ist spannend, wenn man auf einmal viele Puzzleteile zusammensetzen kann, und es ist schön, sich beruflich so weiter zu entwickeln.

Gibt es weitere Themenfelder, die Sie möglicherweise auch für eine Weiterbildung interessieren?

Durchaus. Da ist zum Beispiel ein Seminar über Pflanzenhaarfarbe, das als nächstes auf dem Fahrplan steht, aber gerade durch Corona vereitelt wird. Und Ernährungsberatung sowie Gesundheitsberatung interessieren mich auch sehr.

Und wie wollen Sie Ihre Ausbildung zur Haarpraktikerin dann in Ihrem Salon vermarkten?

Es ist ein zusätzliches Angebot, das meine Kunden bei der Terminabsprache ansprechen können, und für das ich auch einen eigenen, chemiefreien Raum zur Verfügung habe, in dem die Beratungen bzw. Behandlungen stattfinden können.

Zur Person

Nadine Stein ist 42 Jahre alt. Sie wurde in Hagen geboren, wuchs in Wetter auf und absovierte ihre Ausbildung im väterlichen Betrieb Rolf Stein .

Sie volontierte zudem ein halbes Jahr im Unternehmen Wella, besuchte die Meisterschule und übernahm im Jahr 2013 den Salon an der Königstraße 57.

Nadine Stein lebt mit ihrer Familie (Lebensgefährte und zwei Söhne) in Wetter.

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