Recht

Herdecker Familie muss ihr Zuhause bis Ende 2019 räumen

Bis Ende 2019 muss die Herdecker Familie, die im hinteren Gebäude lebt, ihr Zuhause räumen. Das vordere Gebäude steht seit dem Tod des Vaters im Dezember leer.

Foto: Elisabeth Semme

Bis Ende 2019 muss die Herdecker Familie, die im hinteren Gebäude lebt, ihr Zuhause räumen. Das vordere Gebäude steht seit dem Tod des Vaters im Dezember leer. Foto: Elisabeth Semme

Herdecke.   Mit dem Tod des Vaters von Helmut S. erlosch die Duldung. Stadt sieht keinen rechtssicheren Weg, das einstige Behelfsheim zu erhalten.

Er bezeichnet sich selbst als Naturbursche. Deswegen hängt Helmut S. auch so sehr an seinem Zuhause inmitten der Natur am Oberen Dellenweg. Dort ist der Herdecker aufgewachsen, und dort lebt er auch heute noch mit Frau und Sohn, Hühnern, Katzen und Gänsen. „Wir haben uns eine kleine Idylle aufgebaut“, sagt Helmut S., der seit Wochen nicht mehr schlafen kann und zehn Kilo Gewicht verloren hat. Denn Ende 2019 steht sein Zuhause zum Abriss frei, weil es nach dem Krieg ohne Baugenehmigung als sogenanntes Behelfsheim errichtet worden war. Nur für seine Eltern habe noch eine Duldung auf Lebenszeit bestanden. Sie erlosch mit dem Tod des Vaters von Helmut S. am 22. Dezember 2017.

Strom kam in den 70er Jahren

„Meine Eltern hatten Landwirtschaft hier. Bauernhof und Grundstück sind Familienbesitz. Mein Vater hatte weitere vier Morgen Land dazu gepachtet, damit er Kühe, Schweine und Kleinvieh halten und davon leben konnte. Bis Mitte der 80er Jahre hat meine Familie den Bauernhof betrieben“, erzählt Helmut S. Zwei einstöckige Gebäude und zwei Stallungen befinden sich noch auf dem Grundstück. „Schon Anfang der 1950er Jahre hatte sich meine Mutter mal erkundigt, wo sie mit ihrer Familie hinkönne, um aus dem Behelfsheim herauszukommen, das mein Vater nach dem Krieg gebaut hatte. Damals konnte die Stadt ihr keine Alternative anbieten. Nur den Umzug in ein anderes Behelfsheim am Bleichstein. Also blieben wir hier. Wir hatten kein Wasser, keinen Strom. Erst Mitte der 70er Jahre kamen wir weg vom Brunnenwasser. Damals hat die Stadt eine Oberleitung für Strom gelegt und für fließendes Wasser gesorgt, so dass wir vernünftig leben konnten“, erinnert sich der Herdecker.

Kein Spielraum

Nach dem Tod seiner Oma 1972 wurde eines der Gebäude für seine Schwester und deren Mann erweitert. Als der Rohbau stand, sei das Bauamt gekommen. „Meine Familie hat eine Strafe bezahlt. Und dann passierte nichts weiter. Man hat uns dort wohnen lassen. Ein städtischer Mitarbeiter hat wohl meinen Eltern zugesichert, dass sie auf Lebenszeit bleiben können“, so Helmut S., der in dem ausgebauten Haus mit Frau und Sohn lebt. In dem anderen Gebäude wohnten die Eltern; seit dem Tod des Vaters steht es leer. Helmut S. berichtet, dass seine Mutter 2011 bei der Stadt vorgesprochen habe, um eine nachträgliche Baugenehmigung einzuholen. „Die gab es nicht. Stattdessen hat die Stadt gesagt, dass wir nach dem Ableben unseres Vaters das Erbe ausschlagen können. Wenn wir das nicht tun, müssen wir den Abbruch selbst zahlen.“ Helmut S. machte sich schlau: Bis zu 100 000 Euro würde ein Abriss kosten. Nach dem Tod seines Vaters blieben ihm sechs Wochen für die Entscheidung; nach dreieinhalb Wochen schlug er das Erbe aus. „Bis Ende 2019 dürfen wir bleiben, bis dahin müssen wir was anderes gefunden haben.“ Anfangs, sagt Helmut S., habe er gedacht, dass die Stadt ein Auge zudrücken werde. „Warum lassen sie uns nicht hier wohnen? Die Kindergartenkinder kommen immer zu uns, um die Tiere anzuschauen. Die Kirche bekommt ihren Strom, wenn sie ihren Open-air-Gottesdienst macht. Unsere Nachbarn und alle sind entsetzt, dass alles plattgemacht werden soll. Wir stören doch niemanden“, sagt Helmut S. Er wisse nicht wohin, vor allem auch wegen seiner Tiere. „Ich brauche ja einen kleinen Kotten, sonst muss ich meine Tiere keulen.“

Er schüttelt den Kopf und fährt dann fort: „Ich habe dafür gesorgt, dass meine Eltern nicht zum Sozialfall werden. Mein Vater war sein Leben lang krank und pflegebedürftig; wir haben mit meiner Schwester zusammen immer für ihn und meine Mutter gesorgt.“ Dass er mit seiner Familie die kleinen Idylle, die er mit aufgebaut und in die er jeden Pfennig gesteckt habe, nun verlassen müsse, empfinde er als „grausam“. Die Stadt, so erklärte Dennis Osberg als Stadtsprecher, habe keinen Ermessensspielraum. „Selbst wenn wir es wollten, könnten wir es nicht. Aus Sicht der Bauverwaltungsfachleute gibt es keinen anderen rechtssicheren Weg. “

Auch die Möglichkeit, etwa den Bebauungsplan zu verändern, sieht er nicht: „Ein Bebauungsplan wird zum Beispiel für ein Wohngebiet aufgestellt, damit eine Stadt sich entwickeln kann, aber nicht für ein einzelnes Gebäude. Der Außenbereich ist nicht für Wohnbebauung da. Außerdem liegt uns hier auch der Grundsatz der Gleichbehandlung der Bürger am Herzen. Es handelt sich ja nicht um eine Willkürentscheidung“, warb er um Verständnis für die Haltung der Verwaltung. Einen möglichen „dritten Weg“ gebe es nicht. „Nur im Unrecht“, so Dennis Osberg.

20 Behelfsheime in Herdecke

Die Geschichte von Familie S. steht unter den gleichen Vorzeichen wie die der Familie Kutz, über die wir Ende 2015 berichteten (www.wp.de/behelfsheim): Auch Manfred Kutz wuchs in einer Wohnbaracke seiner Eltern am Bergweg auf, für die es nach dem Krieg keine Baugenehmigung gab. Als die Eltern starben, erwarb Manfred Kutz das Grundstück in der Hoffnung, sein Elternhaus sanieren zu können. Er klagte gegen die Abrissverfügung, zog seine Klage nach der mündlichen Verhandlung zurück. Das Gericht hatte der Stadtverwaltung die Rechtmäßigkeit ihres Handelns attestiert.

Die Zahl der Behelfsheime in Herdecke belief sich auf ca. 20, davon seien laut Stadt 13 abgerissen, eines befinde sich im laufenden Verfahren (Familie S.). Die meisten anderen stehen am Jollenstein.

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