Udo Picksak im Gespräch

„Ich wollte nur, dass es gut läuft bei den Flüchtlingen“

Udo Picksak vor dem Stadtsaal. Die Auftaktveranstaltung von „Wetter weltoffen“ hier war besser besucht als die Organisatoren je erwartet haben.

Udo Picksak vor dem Stadtsaal. Die Auftaktveranstaltung von „Wetter weltoffen“ hier war besser besucht als die Organisatoren je erwartet haben.

Foto: Klaus Görzel

Wetter.   Wetter hat früh viel bewegt in der Flüchtlingsarbeit und so die Kritiker leise gehalten, sagt Udo Picksak. Er sagt noch mehr zur Integration.

Vor gut einem Jahr hat Udo Picksak seine Ideen für die Integration von Flüchtlingen in Wetter vorgestellt. Der Rat, dem Picksak länger schon als parteiloses Mitglied angehört, fand die Vorschläge gut. Mittlerweile hat sich mit „Wetter weltoffen“ eine regelrechte Bewegung herausgebildet. Welchen Anteil daran sieht Picksak bei sich selbst, und warum gibt es gerade in dieser Stadt so ein breites Bündnis?


Was war das für ein Thesenpapier?
Udo Picksak: Ich hatte die Idee, die Flüchtlinge in Wetter positiv zu beschreiben. Wir hatten es sogar schon geschafft, Flüchtlinge in die Freiwillige Feuerwehr zu bekommen. Das ist sonst ein großes Problem: Freiwillige Feuerwehr hat etwas mit Uniformen zu tun, und die Geflüchteten scheuen sich, Uniformen anzuziehen. Wir haben in Wetter völlig geräuschlos Integration betrieben, indem wir die Geflüchteten in Wohnungen mitten unter die Bevölkerung gebracht und sie nicht versteckt haben. Das alles wollte ich in einem Fest präsentieren und damit auch den Rechten zeigen: Nach Wetter müsst ihr gar nicht kommen, wir haben hier schon alles zur Zufriedenheit geregelt.


Gab es einen konkreten Anlass?
Es gab diesen ominösen Brandanschlag auf das damals syrische Geschäft im Bismarckviertel, bei dem bis heute nicht geklärt ist, ob das Rechte waren oder es eine ganz andere Ursache hatte. Da wollten wir zeigen, dass Wetter mit Geflüchteten kein Problem hat und es eine große Solidarität gibt. Wir hatten ja auch schnell ganz viel Hilfe bei der Wiedereinrichtung des Ladens, und Geld ist gespendet worden. Das war für mich der Punkt: Wir müssen positiv nach vorne gehen.


Daraus ist dann die Bewegung „Wetter weltoffen“ erwachsen. Ist der Name jetzt mehr ein frommer Wunsch oder schon die Beschreibung der Wirklichkeit?
„Wetter weltoffen“ ist nicht allein auf meinem Mist gewachsen. Auch viele andere Menschen haben sich mit Hirnschmalz engagiert. Das gilt insbesondere für unsere Stadtverwaltung. „Wetter weltoffen“ ist viel größer geworden als mein Thesenpapier, viel schöner, als ich mir das je ausgedacht habe.


Anspruch oder Erfüllung?
„Wetter weltoffen“ ist in der Bevölkerung von Wetter verankert. Bei der Auftaktveranstaltung im Stadtsaal waren ganz viele Menschen da, viel mehr als je erwartet. Bei der zweiten Veranstaltung waren es erneut ganz viele. Ich denke, wir sind in Wetter auf einem guten Weg. An den Aussagen der Wetteraner kann man erkennen, dass sie an den Flüchtlingen interessiert sind.


Was ist das Besondere an Wetter, dass diese Initiative auf so fruchtbaren Boden gefallen ist?
Das hat sicher damit zu tun, dass das Ganze hier so schmerzfrei und geräuschlos gelaufen ist. Wir haben eine hervorragende Arbeit im Sozialamt gehabt. Parallel haben sich Bürger eingesetzt. Diese „Wetter-Weltoffen“-Bewegung ist eigentlich eine logische Fortsetzung all der Dinge, die schon für die Flüchtlinge passiert sind, ohne großartig in die Öffentlichkeit gedrungen zu sein.


Was ist aus der freundlichen Haltung gegenüber den Flüchtlingen 2015/2016 geworden?
Wir haben Geflüchtete hier in der Stadt, wir versorgen sie, geben ihnen Wohnungen. Man kann nicht mehr von dieser „Willkommenskultur“ sprechen, weil das einfach ein Stück Normalität geworden ist. Durch jetzt aufkeimende rechtspopulistischen Parteien haben wir allerdings einen etwas größeren Gegenwind. Aber in meinen Augen wird der einfach weggedrückt, eben weil es so normal ist: Da kommen fremde Menschen. Die werden integriert. Und gut is’!


Wo waren die selbsternannten Vaterlandsbewahrer in den ersten Monaten, als die Flüchtlinge kamen?
Ich glaube, dass diese kleine Stadt Wetter so viele Rechtspopulisten gar nicht hat. Die, die noch übrig geblieben sind, trauen sich auch nicht so hart aufzutreten wie deren Bewegung in anderen Städten. Ich glaube, dass das wieder damit zu tun hat, dass das von Anfang an in Wetter so problemlos gelaufen ist. Selbst die Spendenbereitschaft für Möbel oder andere Dinge, die die Flüchtlinge nicht mitbringen konnten, ist immer noch groß. Ehe die Rechten begriffen hatten, dass hier überhaupt Flüchtlinge sind, waren wir schon viel weiter und haben diese schon längst zu integrieren versucht – auch wenn das immer mit Problemen behaftet ist. Das kann so etwas Banales wie die richtige Trennung beim Müll sein.


Haben die Flüchtlinge in der Stadt Ihr eigenes Leben, Ihre persönliche Sicht auf bestimmte Dinge verändert?
Meine Ablehnung von Ausgrenzung ist grundsätzlich, da gab es nichts zu verändern. Aber sicherlich war ich anfangs euphorischer und bin jetzt wieder etwas realistischer unterwegs. Beim Start war diese Euphorie aber sicherlich ganz hilfreich. Das hat frei gemacht für Ideen. Ich arbeite auch so. Ich kann mir in meiner Arbeit keine Vorurteile erlauben. Das habe ich in mein Leben aufgenommen.


Hat die Begegnung mit Flüchtlingen den Freundeskreis bereichert oder vielleicht die Speisekarte?
Am Freundeskreis hat sich nichts geändert. Nur in einem Fall hat sich aus dem etwas intensiveren Kontakt mit einem Flüchtling etwas wie Freundschaft angebahnt. Mehr in dieser Richtung wollte ich aber auch gar nicht. Die Speisekarte allerdings hat sich geändert. Ich bin sowieso kochaffin. Da hat sich das ein oder andere neue Gericht auf meine persönliche Speisekarte verirrt. Davon wird auch etwas bleiben, selbst wenn ich diese Koch-Projekte mit den Flüchtlingen nicht weiter geführt habe. Das konnte nur der Anfang sein, aus dem sich aber vieles heraus entwickelt hat. Über Essen und Kommunikation läuft eben viel. In Wetter bin ich für viele jetzt ein wenig der „Flüchtlings-Picksak“, neben anderen natürlich. Nach den Impulsen, die ich gegeben habe, setze ich mich nun auch gerne aus der ersten Reihe in die zweite Reihe und lächele, weil’s läuft. Mehr wollte ich gar nicht.

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