Serie "24 Stunden"

In den intimsten Momenten des Lebens dabei

Hannah Welge hat sich während der Ausbildung in den Beruf verliebt.

Hannah Welge hat sich während der Ausbildung in den Beruf verliebt.

Foto: Yvonne Held

Herdecke.   20 Uhr: Hebamme zu sein ist für Hannah Welge ein absoluter Traumberuf. Kein Tag ist wie der andere und sie ist immer im Kontakt mit den Menschen.

24-h-Südwestfalen

Es ist kurz vor 20 Uhr. Vor dem Kreißsaal herrscht hektisches Treiben. Kinderärzte laufen in OP-Kleidung an den Besuchern vorbei. Auf dem Gang läuft eine schwangere Frau mit ihrem Mann auf und ab. Alltag auf der Geburtsstation des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke. Inmitten des Trubels Hannah Welge. Die 24-Jährige ist Hebamme und hat sich seit Beginn ihrer Schicht um 13.20 Uhr um eine werdende Zwillingsmama gekümmert.

Kein Tag ist Routine

Von Routine kann aber keine Rede sein, und das ist etwas, das Hannah Welge so gut an ihrem Job gefällt. Die Wangen sind noch leicht gerötet, als sie strahlend berichtet, wie ihr bisheriger Tag verlaufen ist. „Unser Job hier ist einfach nicht planbar. Bisher habe ich CTG’s (Cardio-Topogramme; Anm. der Red.) geschrieben, um zu gucken, wie es den Babys geht.

Es ist immer ganz unterschiedlich, wie wir die Frauen betreuen. Manche möchten Massagen, und bei einigen halten wir Händchen. Wieder andere wollen komplett in Ruhe gelassen werden. Es ist ganz viel Intuition dabei“, sagt Welge. Die heutige Geburt der Zwillinge war nicht ganz einfach. „Das erste Kind kam auf normalen Weg, doch das zweite Kind wollte nicht. Deswegen haben wir uns zu einer Notsectio entschieden“, erläutert die 24-Jährige. Das ist ein Kaiserschnitt. „Die Kinderärzte kümmern sich jetzt um das zweite Baby“, sagt die junge Frau. Für die Hebamme Zeit zum Verschnaufen. „Ich muss jetzt gleich die Dokumentation schreiben. Alles, was wir machen, muss dokumentiert werden, damit wir abgesichert sind und alles nachvollziehbar ist“, erklärt sie und verzieht ein wenig das Gesicht. Der Papierkram ist nicht ihr Lieblingsgebiet.

Berufemessen halfen

Dass sie den Beruf Hebamme ausüben möchte, entschied sie erst recht spät und durch ein Bauchgefühl. „Ich hatte die mittlere Reife an der Waldorfschule gemacht, und mir war klar, dass ich nicht weiter zur Schule gehen wollte“, erinnert sich die junge Frau. Deshalb habe sie viele Berufemessen besucht, und auf einer dieser Messen machte ihre Mutter sie auf den Beruf der Hebamme aufmerksam. „Ich habe Praktika gemacht und mich dann um eine Ausbildung beworben“, so Welge. „Während der Ausbildung habe ich mich dann endgültig in den Beruf verliebt“, schwärmt sie.

„Wir sind in den intimsten Momenten im Leben eines Menschen dabei, egal ob bei Mutter, Vater oder auch dem Baby. Im Kreißsaal herrscht immer eine ganz besondere Atmosphäre. Die kann man einfach nicht beschreiben“, erzählt sie, und die Augen der jungen Frau leuchten vor Begeisterung.

Traumarbeitgeber gefunden

Doch nicht nur der Job selbst macht ihr riesigen Spaß. Inzwischen ist sie im Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus auch bei ihrem Wunscharbeitgeber angekommen. „Ich habe vor meiner Ausbildung schon ein Praktikum hier gemacht und war ganz begeistert, wie hier mit den schwangeren Frauen umgegangen wird“, berichtet sie. „Die Frauen haben hier mehr Zeit, sich auf die Geburt einzustellen und vor allem selbstbestimmt zu entbinden“, sagt die 24-Jährige. Außerdem ist der Ansatz, nachdem das Krankenhaus arbeitet, ihr auch nicht fremd. „Ich war auf einer Waldorfschule und fühle mich hier quasi Zuhause“, berichtet sie.

Die Frage, ob man den Beruf der Hebamme überhaupt wirklich lernen kann, beantwortet sie zweiteilig. „Zunächst sollte man erstmal schauen, ob der Beruf wirklich etwas für einen ist. Das geht am besten durch Praktika. Wer sich für den Beruf entscheidet, sollte Menschenkenntnis als Grundvoraussetzung mitbringen. Außerdem gilt es, immer aufmerksam zu sein. Das Handwerk selbst kann aber gelernt werden“, ist sie sich sicher.

Nicht alle Männer hilflos

Und Hannah Welge räumt noch mit einem anderen Vorurteil auf: „Nicht alle Männer sind im Kreißsaal hilflos. Es gibt viele, die sehen, was die Frau braucht und reichen es schon an, ohne dass etwas gesagt wird. Viele handeln intuitiv und helfen. Natürlich gibt es aber auch viele nervöse Väter“, sagt sie und lacht. Dann schaut sie auf die Uhr. Kurz vor 21 Uhr. Zeit, sich an die Dokumentationen zu setzen, sonst wird es mit dem pünktlichen Feierabend schwierig.

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