Jugend damals

In Herdecke: Beatbands liefern die begehrte Zappelmusik

Die Beatband „The Gents“ aus Herdecke: Lothar Scheffler, Claus Brune und Helmut Wockelmann (von links).

Die Beatband „The Gents“ aus Herdecke: Lothar Scheffler, Claus Brune und Helmut Wockelmann (von links).

Foto: Privat/WP

Herdecke.  Vor 60 Jahren wurde auch in Herdecke gespielt, was die Hitparade hergab. Deutsche Texte waren undenkbar. Frauen am Bühnenmikro auch.

Klaus Görzel


Wie alt muss man sein, um Anfang der sechziger Jahre jung gewesen zu sein? Ulrich Karpowski war gerade mal 15, als er mit den „Dandies“ als Sänger und Sologitarrist auf der Bühne stand. Deutsche Texte waren verpönt. Damen auch. Zumindest auf der Bühne. Im Publikum hatten auch sie ihren Spaß: „Man musste sich gut nach der Musik bewegen können“, sagt Ulla Biermann über das Gütesiegel der Beatbands ihrer Jugend. An Discos und DJs war noch nicht zu denken.

Heute ist Ulrich Karpowski 69 Jahre alt und damit der Jüngste in der Runde der Beatband-Helden aus Herdecke. Claus Brune (73) hat bei „The Gents“ am Schlagzeug gesessen. Peter Nitschke war Sänger und Gitarrist bei „The Butlers“. Schließlich hießen die Beatles ja komplett auch „The Beatles“. Und deren Musik feierte zu Beginn der sechziger Jahre weltweit Erfolge. Also wurden ihre Hits nachgespielt. Wie die der Rolling Stones auch. Lagerbekenntnisse, hier die zarten Beatles, da die prolligen Stones, gab es nicht. Jedenfalls nicht bei den Playlists der Herdecker Beatbands. Sie mussten spielen, was angesagt war. Tanzbar hieß das nicht nur für Ulla Biermann. Bilder aus dem Ruderclub von damals zeigen, wie es abging auf der Bühne und im Saal.

Der Ruderclub! „Das war unsere Heimat“, sagt Peter Nitschke, „da haben wir alle gespielt.“ Ohne den Ruderclub hätte es so vieles nicht gegeben. Vielleicht auch nicht die Ehe von Ulla Biermann. Hier, im Ruderclub, hat sie 1967 ihren späteren Mann kennen gelernt. Gerade erst war goldene Hochzeit. „Zappelbude“ war auch der Rheinische Hof. Und wenn’s den Herdecker Bands in Herdecke zu eng wurde, ging’s hinaus in die Welt. Bei der Sauerlandtour 1965 spielte Peter Nitschke „die B 7 rauf und runter“. Unterwegs waren die Jungs in einem geliehenen VW-Bulli. Mit Instrumenten an Bord, aber ohne Führerschein. So alt war damals noch keiner von ihnen. Und tief in der Nacht kamen sie auf dem Weg von Rummenohl zurück an die Ruhr auch in keine Kontrolle.

Poor Boy mit schlechtem Englisch

Die Fahrt der Dandies war schon etwas länger. In Altenhundem hatten sie einen Auftritt, weil eine Band gleichen Namens gerade als „Weltmeister im Dauerbeat“ ausgezeichnet worden war. Der Manager der Combo aus Herdecke jubelte dem Veranstalter die falschen Dandies unter. Aber: „Die Vorgruppe war besser als wir“, räumt Ulrich Karpowski ein. „Wir waren kurz vor einer Prügelei mit enttäuschten Rockern im Publikum. Der Abklatsch war ihnen nicht gut genug.“

Eigene Stücke gab’s auch schon mal. Aber meist war nur das Arrangement aus der eigenen Musikschmiede. 40 Stücke allein von den Shadows hatten die Butlers im Gepäck. Stücke der Kinks wurden gespielt, der Beach Boys oder von Manfred Mann’s Earthband. „Das musste Englisch sein“, sagt Peter Nitschke und erzählt eine Geschichte, die er selbst mit „Lord Uli“, dem Sänger der deutschen Beat-Band „The Lords“, erlebt hat. Auf dem Flughafen in Düsseldorf hat er ihn getroffen und einen Blick in dessen Textbuch werfen dürfen. „Da stand alles in Lautschrift“, amüsiert sich Nitschke an das Geständnis des Lords, er könne nicht ein Wort Englisch. „Poor Boy“ war der größte Hit der Lords. Pur boi stand im Textbuch. Armer Boy!

Also keine deutschen Texte und keine Frauen auf der Bühne? Nicht ganz. Die Spencer Davis Group („Keep on running“) hatte ein Stück, das hieß „dett war in Schöneberg“. Dett gab es dann auch von den Dandies in Herdecke. Und die Sache mit den Frauen? Ja, vorgesungen hätte die eine oder andere schon, erinnert sich Peter Nitschke. Auf die Bühne hätte es aber keine geschafft. Ein frauenfeindlicher Akt? Peter Nitschke hat eine andere Erklärung: „Die Musik, die wir spielten, kam von Männerbands. Und Tina Turner gab’s noch nicht.“

So richtig lange haben sich die Beatbands nicht gehalten. Hier zwei Jahre, da vielleicht fünf. Ulla Biermann ist erstaunt: Ihr sind diese (Jugend-)Jahre viel länger vorgekommen. „Der Tod war die Bundeswehr“, sagt Claus Brune. Wenn nicht schon vor der Einberufung die Bandmitglieder keine Lust mehr hatten. Oder auch nicht mehr gebraucht wurden. „Die siebziger Jahre waren schon tödlich“, bleibt Claus Brune im gleichen Bild. Mit ihnen kamen die Discos und die Zappelmusik vom Plattenteller.

Musik bleibt die große Liebe

Für Ulrich Karpowski war’s das nicht mit der Musik. Zwar hängte er die Gitarre erst mal an den Nagel. Aber dem Gitarrenspiel anderer lauschte er weiter gern. „Ich habe eine Konzertkartensammlung, da schlägt jeder lang hin“, sagt er auf die Frage, wie es denn bei ihm weiter ging mit Beat und Beatles. Bis zum Umzug vor Kurzem hatte er eine ganze Wand voll beklebt mit Tickets und Plattencover. Neal Young und Brian Wilson von den Beach Boys („Der ist mein Gott“) hat er nicht geschafft. Aber die Stones hat er gesehen. Nicht die einzige Band, deren Hits er früher einmal selbst auf der Bühne gesungen hat. Vor fünfzig Jahren und mehr.

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