Interview der Woche

Influencer aus Herdecke: „Es ist okay, als Mann zu weinen!“

Felix Schenk aus Herdecke startet als Blogger auf Instagram durch.

Felix Schenk aus Herdecke startet als Blogger auf Instagram durch.

Foto: Sabrina Weber / Sabrina Weber/Kindesglückfotografie

Herdecke.  Neue Rollenverteilung bei Eltern: Felix Schenk aus Herdecke schreibt auf seinem Instagram-Blog aus der Sicht eines jungen Vaters.

Seinen eigenen Weg gehen und alte Rollen aufbrechen – das ist es, was Felix Schenk aus Herdecke nicht nur im Beruf, sondern auch als Papa von zwei Kindern wichtig ist. Der 31-Jährige inspiriert mit seinem Blog „Papa_ohne_Plan“ mittlerweile über 2600 Menschen auf Instagram, und auch ein Podcast mit dem Bayerischen Rundfunk ist in Planung. Was ihm bei der Erziehung und als Papa sonst noch wichtig ist, verrät er im Interview der Woche.


Wie ist dein Blog „Papa_ohne_Plan“ entstanden? Was war der auslösende Moment?
Felix Schenk: Ich war schon vorher auf Instagram aktiv. Allerdings habe ich durch die Geburt meines ersten Sohnes gemerkt, dass sich mein Fokus verändert hat und plötzlich ganz andere Dinge für mich wichtig geworden sind. Ich wollte versuchen, aus meiner väterlichen Sicht zu erzählen, wie es mir mit diesen Veränderungen geht. Instagram ist derzeit noch ein hauptsächlich feminines Business, und in der ganzen Filterblase der Elternblogger sind es bestimmt 75 Prozent Mamas, die die größeren Blogs dort haben. Das ist auch alles ganz toll, aber mir hat ein wenig die väterliche Sicht gefehlt. Ich glaube, es gibt eine Nische und ein Interesse daran zu wissen, wie sehen junge Väter von heute die ganze Sache rund um das Thema Eltern werden.


Und warum ohne Plan? Wieso hast du ausgerechnet diesen Namen gewählt?
Ich wollte einen griffigen Namen, den die Menschen sich merken können. Und in meiner Biografie ist es leider so, dass sich meine Eltern relativ früh getrennt haben und mir die Blaupause mit der Vaterschaft, wie ich sie heute habe, fehlte.

Ich habe dieses Modell von Mama-Papa-Kind nie erlebt. Den Hauptteil in meiner Erziehung hat meine Mama gemacht. Sie ist auch mit mir auch zum Fußball gefahren oder hat mit mir Freistöße und so geübt. Und da wurde mir klar: Okay, mir fehlt der Plan, wie überhaupt Vaterschaft funktioniert. Und ich weiß von Freunden und der allgemein hohen Scheidungsquote, dass es viele Kinder gibt, die ohne Vater aufwachsen. Es gibt bestimmt einige Menschen, die wissen möchten, wie schafft es jemand, wie eben ich, damit klar zu kommen, dass er nun selber Papa geworden ist.


Was möchtest du deinen Followern und Mitmenschen vermitteln?
Es ist mit ein Anliegen zu zeigen, dass Elternschaft eine 50:50-Aufgabe ist. Dabei möchte ich nicht nur Väter ansprechen, sondern alle Menschen, die sich dafür interessieren, was aktive Vaterschaft für mich bedeutet. Mir würde es auch helfen, wenn die Frauen mal ihr Smartphone in die Hand nehmen, ihren Männern unter die Nase reiben und zeigen: „Es geht auch anders! Du musst es nicht so machen, wie du es gelernt hast. Wir können uns die Arbeit am und um das Kind herum aufteilen.“ So versteh ich halt Elternschaft. Dass man sich die Aufgaben teilt. Ich glaube, dass dieses altbackene Rollenklischee für viele Menschen zum Glück nicht mehr in Frage kommt. Wir leben im Jetzt, und es ist meiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß, dass die Frau alles alleine macht. Für mich und meine Frau ist es völlig selbstverständlich, dass ich größtenteils die Kinder ins Bett bringe. Das ist halt unser Weg, und da muss jeder seinen eigenen finden. Aber ich möchte gerne von meinem Weg erzählen, um Menschen zu ermutigen, auch mal über den Tellerrand zu schauen.


Wie waren die ersten Beiträge?
Am Anfang habe ich mir gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht und lediglich ein paar Worte zu meinen Beiträgen geschrieben. Aber wenn man sich ein wenig mit der ganzen Materie Instagram auseinandersetzt, merkt man, wenn man Reichweite erreichen möchte, kann man dies auch mit bestimmten Hashtags. Aber die sollten bitte auch etwas mit dem Foto gemein haben. Ich mache das nicht, um irgendwelche Fans zu bekommen. Wenn einer unter meinen Beitrag schreib „Dankeschön, mir geht es genauso, du hast mir geholfen“, dann habe ich mein Tagesziel erreicht. Ich habe super liebe Menschen dort kennengelernt. Es hat sich mittlerweile sogar eine kleine Gruppe von Vätern gebildet, in der wir uns austauschen können.


Ist das auch etwas, was dir fehlt – der Austausch unter Vätern?
Was mir fehlt sind Anlaufstellen für Väter. Es gibt Geburtsvorbereitungskurse für Frauen, wo auch Männer mitdürfen. Aber es gibt nur ganz wenige Kurse für werdende Väter vor der Geburt des Kindes. Ich habe auch in meinem Post gefragt, wie sich andere Männer aufgenommen fühlen. Ich würde gerne in Herdecke einen Väter-Gesprächskreis gründen – jetzt nicht wie ein Therapieangebot, sondern als Platz, wo man als Vater hinkommen kann, wenn einem der Schuh drückt. Wo man sich gegenseitig aufbauen kann und sagen kann: „Wenn du Schwierigkeiten hast, sind wir für dich da und hören dir zu.“ Das hätte ich mir in manchen Situationen auch gewünscht.


Aber siehst du dich als Influencer? Was macht einen Influencer aus?
Wenn überhaupt, dann sehe ich mich eher als Mikro-Influencer. Aber ich habe gehört, dass die wichtiger sind, weil es mehr davon gibt und weil es dort mehr um Qualität geht als um Follower. Ich selbst aber sehe mich eher als Blogger. Ich möchte Menschen erreichen und, dass sie meine Beträge lesen und darüber nachdenken. Es bringt mir nichts, wenn ich 10.000 Follower habe, die nicht mit mir interagieren. Ich möchte Beiträge mit Substanz raushauen. Wir waren beispielsweise in einem Restaurant essen, wo es wieder einmal von einigen Gästen genervte Blicke wegen der Kinder gab. Da habe ich mir jetzt ein paar Gedanken gemacht und einen kleinen Text verfasst, den ich gemeinsam mit einem passenden Bild von uns posten werde. Ein richtiger Influencer würde sowas wahrscheinlich mehr planen. Aber ich habe keine Lust, die ganze Zeit am Handy zu sein. Denn am wichtigsten im Leben von uns Eltern sind halt eben die Kinder.


Gibt es einen bestimmten Wert, den du gerne an deine Kinder vermitteln möchtest?
Da sind wir wieder beim Thema Rollenbilder: Es ist völlig normal auch als Mann über seine Gefühle zu reden, und es ist okay, auch mal zu weinen. Ich habe auch darüber geschrieben, wie es für mich war, als ich meinen Papa das letzte Mal gesehen habe. Das war eine emotionale Vollkatastrophe für mich. Natürlich kann man sagen, dass ich mich dadurch verletzlich mache, aber das bin ich, und das macht mich aus. Und das sind Werte, die ich auch meinen Kindern vermitteln möchte. Als Mann muss man nicht immer der Starke sein. Jedes Kind ist gut, wie es ist.


Der Podcast, bei dem du für den Bayerischen Rundfunk mitmachst, nennt sich „Eltern ohne Filter“. Was bedeutet dieser Slogan für dich?
Ich finde diesen Titel super spannend und habe mir natürlich auch schon einige Folgen des Podcasts angehört. Ich glaube, dass es dazu beitragen kann, diesen Schleier runter zu nehmen und zu sagen: Hey, du bist trotzdem ein guter Papa oder eine gute Mama. Und wenn es dir mit deiner Rolle an manchen Tagen scheiße geht oder, wenn du zu kämpfen hast und wenn du Augenringe bis zu den Knien hast und dein Kind linksherum wickelst, ist es okay. Ich glaube, dass es auch mit an meiner Kindheit liegt, dass ich es nun besser machen möchte, als es vielleicht mein Vater früher gemacht hat.

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