Mein Gott

Martin Treichel: Alle Menschen sind Abbilder Gottes

Pfarrer Martin Treichel

Pfarrer Martin Treichel

Foto: Elisabeth Semme

Menschen sind als Abbild Gottes geschaffen worden, das gilt auch und insbesondere für intergeschlechtliche Menschen, so Pfarrer Martin Treichel.

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Es ist wieder Advent. Zeit für Gebäck und Glühwein, für Weihnachtsmarkt und Kerzenschein. Und auch: Zeit der offenen Türen, Zeit für weite Herzen.

Für mich begann die Adventszeit in diesem Jahr schon am 8. November. Nicht, weil da schon die ersten Weihnachtsmärkte öffneten. Sondern weil an diesem Tag das Bundesverfassungsgericht seine Entscheidung zur Intergeschlechtlichkeit veröffentlichte und folgendes ausführte: „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt die geschlechtliche Identität. Es schützt auch die geschlechtliche Identität derjenigen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.“ Mit diesen zwei staubtrockenen Sätzen öffnete das Gericht damit neue Türen für viele Menschen in diesem Land.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was diese Entscheidung bedeutet, stellen wir uns für einen Moment alle Einwohnerinnen und Einwohner der Städte Witten, Wetter (Ruhr) und Herdecke vor. Da kommen wir auf etwa 150 000 Personen. Und etwa so viele Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig „Frau“ oder „Mann“ ist, leben in Deutschland. In den bisherigen Geburtenregistern wurde den intersexuellen Kindern überhaupt kein Geschlecht zugeordnet. Sie waren ein geschlechtliches Nichts. Männlich, weiblich, leer: Das sind die bisherigen Eintragungsmöglichkeiten. Durch diese Regelung wurde so getan, als hätten Intersexuelle überhaupt keine Identität. Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen schien. Selbsthilfeverbände wie der Verein „Intersexuelle Menschen“ verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung.

Denn Intersexualität ist kein buntes Hirngespinst, sondern eine biologische Tatsache. Sie kann sich an den Chromosomen, den Hormonen oder den anatomischen Geschlechtsmerkmalen zeigen. Intersexuelle sind weder krank, noch abartig oder anomal. Sie sind lediglich anders. Wenn nun das Bundesverfassungsgericht diese einfache biologische Tatsache zum Anlass nimmt, dem Gesetzgeber aufzugeben, entweder eine dritte Geschlechtsbezeichnung aufzunehmen oder aber im Personenstandsgesetz komplett auf die Erfassung des Geschlechts zu verzichten, dann ist das eine folgerichtige Anpassung der Rechtslage an die Realität und nur die Umsetzung des Art. 1 GG, der allen Menschen die Achtung ihrer Menschenwürde garantiert.

Dieser Beschluss sollte für alle staatlichen, gesellschaftlichen und auch kirchlichen Bereiche ein Startschuss für eine allgemeine Akzeptanz der Intersexuellen sein.

Und als Christ kann ich dazu nur sagen: Hurra und Halleluja! Denn als Ebenbilder Gottes sind wir geschaffen. Und so sind auch alle Menschen, die nicht ins binäre Mann-Frau-Schema passen, Abbilder Gottes! Und wenn Gott sein Herz und seine Türen so weit aufmacht, dann sollten wir als Menschen das auch tun. In diesem Sinne wünsche ich eine gesegnete Adventszeit.

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