Interview der Woche

„Müssen immer am Puls der Zeit bleiben“

Leitet die VHS Witten, Wetter, Herdecke seit 2008: Bettina Sommerbauer.

Leitet die VHS Witten, Wetter, Herdecke seit 2008: Bettina Sommerbauer.

Foto: Elisabeth Semme

Wetter/Herdecke.  Menschen Orientierung und ein Forum zur Diskussion geben, das ist für VHS-Leiterin Bettina Sommerbauer Aufgabe der Volkshochschule.

Kochen, Yoga, Sprachen oder der Umgang mit dem Computer – Volkshochschulen bieten Bildung für alle. Vor 100 Jahren wurden die ersten Schulen dieser Art gegründet, darunter auch die Volkshochschule Witten, die eine der ältesten im Land ist. Erst vor 42 Jahren, 1977, kamen dann auch die Städte Wetter und Herdecke mit ihren Volkshochschulen hinzu: Die drei Städte gründeten den bis heute bestehenden Zweckverband, um die Aufgabe der Weiterbildung gemeinsam zu tragen. Die VHS feiert das Jubiläum am 7. September ab 13 Uhr mit einem großen Fest für jedermann im Hof des Seminarzentrums an der Holzkampstraße 7 in Witten. An diesem Tag erscheint auch die Festschrift zum 100-Jährigen.

Über Weiterbildung im Rückblick und Ausblick und über die Besonderheiten der VHS hat die Lokalredaktion vorab mit der Direktorin der Drei-Städte-VHS, Bettina Sommerbauer, gesprochen.

Ist die VHS noch zeitgemäß?

Sommerbauer: Ja, das ist sie mehr denn je - als integrative Kraft und als Begegnungsort in der Kommune. Und das meine ich nicht nur in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch, um verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammen zu bringen und einen Austausch zu ermöglichen. Außerdem glaube ich, werden im Bereich Digitalisierung und Datensouveränität noch große Aufgaben auf uns zukommen. Da geht es um Fragen wie: Weiß ich eigentlich, was mit meinen Daten im Netz geschieht und kann ich die Folgen der Technologie für mich und gesamtgesellschaftlich einordnen und absehen?

Sie leiten die Dreier-VHS seit 2008. Was haben Sie in dieser Zeit verändert?

Es war mir immer wichtig, den Begriff des Kunden stärker in den Fokus zu nehmen, also die VHS Teilnehmer-orientiert zu gestalten. Das fängt an bei der Lernatmosphäre, der Anmutung der Räume, bei Sauberkeit, Ordnung und beim Komfort bei der Anmeldung. 2010 haben wir die Online-Anmeldung eingeführt – diese Möglichkeit nutzen inzwischen 95 Prozent aller Kunden. Also Kundenfreundlichkeit steht ganz weit oben, und das geht weiter bis hin zur Professionalität der Dozenten. Die gewährleisten wir durch die Auswahl, aber auch durch deren Weiterbildung. Verändert hat sich zudem die Bandbreite des Angebots: Wir waren noch nie so viele wie jetzt. Aktuell hat die Dreier-VHS 86 Mitarbeiter und über 400 Dozenten. Die Kennzahl der sogenannten Weiterbildungsdichte haben wir von 200 auf jetzt über 400 gesteigert. Unter Weiterbildungsdichte versteht man übrigens die Unterrichtseinheiten im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Wir haben das Schwedenheim an der Herdecker Straße eingerichtet, in dem unter anderem Kunstkurse stattfinden. Zudem sind wir seit einiger Zeit auch Jugendhilfeträger, um den Werkhof, ein Projekt für schulmüde Jugendliche, betreiben zu können. Den besuchen übrigens auch Jugendliche aus Wetter und Herdecke. In dieser Kleinsteinrichtung werden sie eng betreut mit dem Ziel der Re-Integration in den Schulbetrieb. Aktuell engagieren wir uns auch in Bochum-Langendreer, wo in einer ehemaligen Opel-Ausbildungswerkstatt 300 Menschen mit Migrationshintergrund Deutsch lernen und für den Arbeitsmarkt qualifiziert werden.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

Aktuell leiden wir unter Raumnot; es herrscht sozusagen eine drangvolle Enge hier vor Ort. Wir haben zu wenig Räume für die Mitarbeiter und auch für Seminare bzw. Schulungen. Aber ganz oben wird immer stehen, was die Teilnehmer möchten. Deswegen wird es immer wichtig sein, am Puls der Zeit zu bleiben und zudem für uns zu klären, wo wir den Menschen Orientierung bieten wollen, damit sie die Informationen, die auf sie einströmen, vernünftig einordnen können. Genau da sehe ich in Zukunft unsere Aufgabe: Die Bildungsschere im Bereich Digitalisierung zu verkleinern und darüber hinaus eine Bürgeruni anzubieten, genau so, wie sie gemeint ist.

Was macht ein gutes VHS-Angebot aus?

Es sollte bedarfsorientiert sein. Das heißt, wir müssen die Bedarfe gut recherchieren und zum Teil auch vorausahnen. Wir müssen gesellschaftliche Entwicklungen sehen, für uns bewerten und den Menschen ein Forum zur Diskussion und zur Einordnung bieten. Für die bloße Informationsbeschaffung kann jedermann ins Internet gehen, aber Aufgabe der VHS ist es, den Bürgern zu helfen, diese Infos einordnen und bewerten zu können, ihnen Orientierung zu geben. Sprachen zum Beispiel kann man auch mit Videos im Internet lernen, aber das Gemeinschaftsgefühl beim Lernen, den Austausch untereinander und das gemeinsame Kaffeetrinken nach den Kursen, das ermöglichen wir.

Gibt es besondere Zielgruppen für die Angebote der VHS?

Nein, wir haben Angebote für alle Menschen – für Kinder ebenso wie für Erwachsene, für behinderte Menschen ebenso wie für ältere, für Singles ebenso wie für Familien. Für Eltern etwa gibt es Mathe-Auffrischungskurse ebenso wie Kurse zum Elternunterhalt. Und ganz neu im Angebot für Familien ist eine Erlebnis-Nachtwanderung in Kooperation mit der Wetteraner Jugendoffensive. Übrigens: Das neue Programmheft erscheint am 20. August!

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