Kinogeschichte

Muntere Autogrammstunde bei Kaffee und Keksen

Autogramme von Filmstars der 50er Jahre wecken Erinnerungen: Rudolf Lenz, Lore Stahl, Renate Klisch und Ruth Kestel.

Autogramme von Filmstars der 50er Jahre wecken Erinnerungen: Rudolf Lenz, Lore Stahl, Renate Klisch und Ruth Kestel.

Foto: Klaus Görzel

Herdecke.   Senioren aus Herdecke schwelgen im Weinlokal „Korkenzieher“ in Erinnerungen an Skandale, Filmgrößen, Schwärmereien und den ersten Kuss

Nichts gegen die Filmsternchen von heute. „Aber damals hatten sie auch schon hübsche Menschen“, sagt Rudolf Lenz (88) und schmunzelt. Durch seine Hand gehen Autogrammkarten von Romy Schneider, Hildegard Knef oder Nadja Tiller. Der Senior aus Her­decke kennt sie alle noch von der Leinwand. Und wie für seine drei Nachbarinnen am Tisch im Weinlokal „Korkenzieher“ sind die Fotokarten ein Sprungbrett in die eigene Vergangenheit.

Großartige Zeiten waren das damals, weil Rudolf Lenz und Lore Stahl, Renate Klisch und Ruth Kestel noch jung waren in den Fünfzigern. Und auch eine komische Zeit, weiß Uli Weishaupt von der Filminitiative, der die Tischrunde für diesen Vormittag zusammengetrommelt hat. Komisch, weil ein paar Sekunden mit dem nackten Busen von Hildegard Knef einen Sturm der Entrüstung im Nachkriegsdeutschland auslösten. „Verherrlichung des Dirnenwesens“ wurde dem Film vorgeworfen. Das fällt Rudolf Lenz gewiss zu allerletzt ein, wenn er an „Die Sünderin“ von 1951 denkt. Student war er damals und der Film mit der Knef ein Muss.

Große Gefühle erlaubt

Ruth Kestel hätte nicht in den Skandalstreifen gedurft. Ihre Eltern ließen sie nur zu „anständigen Filmen“ ziehen. Große Gefühle waren erlaubt, nackte Tatsachen nicht. Was nicht heißt, dass die jungen Leute nicht den Weg zu den Filmen gefunden hätten, die gerade angesagt waren. „Dann hat man eben ,eine Freundin’ besucht“, erinnert sich die 87-Jährige. Dass die Eltern belogen wurden, „waren die Eltern doch selbst schuld“.

War sie auch schon mal alleine in einem Film? Ruth Kestel verneint wie auch Lore Stahl und Renate Klisch. Mit den Freundinnen ging’s ins Kino, in großen Gruppen, und manchmal waren auch Jungs dabei. Die Eltern der Nachkriegszeit waren wachsam: „Wenn ich nicht rechtzeitig daheim war, kam mir meine Mutter entgegen“, erinnert sich Renate Klisch. Am Herdecker Bach war das dann meist, auf halber Strecke zwischen Kalkheck und Boele. „Hier liefen die besten Filme“, sagt die 87-Jährige, und zu denen ging’s zu Fuß.

Claus Biederstaedt, Curd Jürgens, Conny Froboess – die nächste Runde Autogrammkarten geht herum. 51 sind es insgesamt. In einer kleiner Plastikkladde haben sie gesteckt, als eine Kundin damit im Korkenzieher stand. Ein Bericht im Lokalteil hatte sie auf die Idee gebracht. Schon einmal waren dem Weinlokal Autogrammkarten geschenkt worden. In der Zeitung waren nun die Leser aufgefordert, die Filmstars des Nachkriegskinos zu benennen. Da würde ihre Sammlung doch vielleicht auch noch gut passen. Uwe Klein würde sie ja gerne aufhängen. Aber zwischen Weinregalen und Fensterflächen ist wenig Platz in der gemütlichen Stube. Jetzt aber liegen die Karten mit den Autogrammen der Filmstars ausgebreitet zwischen den Kaffeetassen mit Keksen auf dem Unterteller.

Als Teenager geschwärmt

Bei Stuart Granger oder James Mason ist sie als Teenagerin dahin geschmolzen, jetzt gibt Renate Klisch die Gallionsfiguren des deutschen Kinos weiter. Selbst gesammelt hat sie nie, und auch die anderen am Tisch haben keine Postkarten an ihre Helden geschickt, damit diese mit flotter Hand ihren Namen darauf setzten. Nun wecken die Bilder aus der Kladde Erinnerungen. Kleine Filmstückchen laufen im Kopf ab, sagt Lore Stahl, auch wenn die 85-Jährige nicht mehr jeden dazugehörigen Filmtitel sagen kann.

„Das meiste, was ich aufbieten konnte, waren 50 Pfennige“, erinnert sich auch Renate Klisch an die große Zeit der Kinos. Weit mehr als ein halbes Jahrhundert ist das her. Und Jahrzehnte schon war sie nicht mehr im Kino. Ihre Lieblingsfilme hat sie stattdessen im Pantoffelkino immer wieder gesehen. Und was ist ihr erklärter Lieblingsfilm? „Jenseits von Afrika“ gibt sie zur Antwort, immerhin aus den Achtziger Jahren. Rudolf Lenz schwärmt für „Dr. Schiwago“, Lore Stahl für Filme mit Heinz Rühmann, und für Ruth Kestel sollte es ein Liebesfilm sein. Plötzlich sprudeln die Vorschläge für ein imaginäres Wunschkinoprogramm nur so hervor. „Titanic“, „Die Feuerzangenbowle“, „Cinema Paradiso“ oder „Die Brücke am Kwai“. Gerade erst ist das Meisterwerk im Fernsehen gelaufen. Gesehen hat es keiner in der Runde. Kein Ausdruck des Desinteresses. Viele Filme aus den Archivdosen kommen zu äußerst vorgerückter Stunde. Jetzt aber ist der Tag noch jung. Die Autogrammkarten, die Gespräche über die Kinogänge in jungen Jahren, haben ihre Wirkung getan. „Vieles kommt wieder hoch“, sagt Lore Stahl, „man denkt an früher.“ Auch an den ersten Kuss. Mit Kino hatte der aber doch nichts zu tun. Aber mit einem Fliegeralarm im Zweiten Weltkrieg. Wer ihn unter diesen Umständen bekommen hat, weiß nur die Runde im Korkenzieher. Es sei denn, die Autogrammkarten haben Ohren.

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