Ausgleichsmaßnahme

Natur und Kühe prägen Aue unter Ruhrbrücke in Oberwengern

Ausgleichsmaßnahme unter der neuen Ruhrbrücke in Wetter: Dort können Kühe weiden und Zuflucht in einem modernen Stall finden

Ausgleichsmaßnahme unter der neuen Ruhrbrücke in Wetter: Dort können Kühe weiden und Zuflucht in einem modernen Stall finden

Foto: Steffen Gerber

Wetter.  Für 1,2 Millionen Euro und die Natur hat der Landesbetrieb StraßenNRW die Fläche unter der 2011 freigegebenen Ruhrbrücke in Oberwengern gestaltet

Die Warft ist fertig, willkommen in Nordfriesland! Heimische Kühe, die schon seit einigen Tagen das Gras auf der großen Weide unter der neuen Ruhrbrücke in Wetter fressen, fühlen sich womöglich wie ihre Artgenossen auf einer Hallig an der Küste. Hier wie dort sind erhöhte Unterstände entstanden, um die Tiere vor Hochwasser zu schützen.

Richtig idyllisch geht es derzeit am Ufer des Flusses parallel zur Oberwengerner Straße zu. Der rote Klatschmohn blüht ebenso prächtig wie die blaue Kornblume. Und neben dem Ruhrtalradweg machen auch Kühe durch lautes Muhen auf sich aufmerksam, wenn Landwirt Rainer Hemesoth mit Schrot als Futter lockt. Wo vor einigen Wochen noch Bauarbeiter bzw. Garten- und Landschaftsbauer aus Hamm das Sagen hatten, geben nun Rinder etwa der französischen Rasse Charolais, „blaue Belgier“ oder auch Fleckvieh mit ihren Kälbern den Ton an.

Ausgleich für Bau der Brücke

Grundlage dafür ist ein Abkommen des heimischen Landwirts, der auch flussabwärts weitere Weideflächen bewirtschaftet, mit dem Landesbetrieb Straßen NRW. Dieser hatte 2011 die neue Ruhrbrücke am Ortsrand von Wetter für den Verkehr auf der B226 freigegeben und musste für diesen rund 24 Millionen Euro teuren Neubau – wie allgemein üblich – eine ökologische Ausgleichsmaßnahme in Angriff nehmen. Für 1,2 Millionen Euro werteten die Planer in diesem Jahr die Natur in dem Gebiet am Fluss auf. Nun schaut Ingenieur Christoph Geck „sehr zufrieden“ auf das Ergebnis.

Bei den Überlegungen, was dort neben dem Ruhrtalradweg in Oberwengern entstehen könnte und wie der Auencharakter gefördert werden kann, stimmte sich der Landesbetrieb nach eigenen Angaben auch mit der Stadt Wetter, der biologische Station im Ennepe-Ruhr-Kreis, der unteren Naturschutzbehörde EN und der Landwirtschaftskammer Nordrhein Westfalens ab. Nicht zu vergessen der heimische Angelsportverein, der Teile des Ufers gepachtet haben. Für die Fischer sind fünf Stege entstanden, damit sie besser an die Ruhr herankommen.

„Artenvielfalt ist gestiegen“

Mit all jenen kam Straßen NRW zu einem Abschlusstreffen zusammen. „Das war die ganze Zeit über ein gutes Miteinander, nachdem alle Beteiligten vorgestellt hatten, was aus ihrer jeweiligen fachlichen Sicht hier entstehen sollte“, berichten Hemesoth und Geck. Letzterer erwähnt, dass es dadurch auch Anpassungen und Änderungen (am Stall beispielsweise wurden nach Abwägungen zusätzlich Pumpen installiert) gab. Grundsätzlich kann er erfreut mitteilen: „Die Artenvielfalt hier ist schon nach kurzer Zeit gestiegen.“

Der Fachmann vom Landesbetrieb habe beispielsweise schon den Stieglitz, eine eher seltene Vogelart, in Oberwengern nahe des Ufers gesichtet. „Es sind auch mehr Mehl- und Rauschwalben als vorher zu beobachten. Und Stare gab es hier zuvor fast gar nicht, jetzt sind wieder welche da“, sagt Geck und blickt zum neuen Stall auf der Anhöhe (Warft). An dem offenen Holzgebäude hat der Landesbetrieb, der hier nach Hinweisen von anderen auch mit einer Ansammlung von Fledermäusen rechnet und sogar auf das „Interesse“ von Störchen hofft, einige Nisthilfen platziert. „Ich habe hier auch wieder vermehrt Spatzen gesehen“, berichtet Rainer Hemesoth. Dessen Kühe sollen u.a. dafür sorgen, dass sich unerwünschte Pflanzen wie der starke Bewuchs des Bärenklaus (Herkulesstaude) oder der japanische Staudenknöterich nicht ausbreiten.

Somit soll sich die Natur mit heimischen Arten besser entfalten können. Dafür hat Straßen NRW auch neue Hecken und Wildblumenwiesen angepflanzt, wo wilde Kamille und anderes gedeihen kann. „Je mehr Insekten hier sind, desto mehr Vögel locken die an“, erklärt Geck. Mehr als 4000 Sträucher sollen nun ebenso dafür sorgen wie die extensive Landwirtschaft. Dafür sei auch ein Stacheldraht als Abgrenzung der Weide nötig. „Wir müssen hier Hunde fernhalten, deren Kot kann für Kühe lebensgefährlich sein.“ Als „I-Tüpfelchen“ (O-Ton Geck) pflanzt der Landesbetrieb jetzt im Herbst noch 25 Obstbäume. Und zwar am Fuß- und Radweg. „Dort soll eine Art Allee entstehen“, sagt der Ingenieur und nennt Apfel, Zwetschge, Birne sowie Kirsche als gewählte Arten.

Großes Problem: die Trockenheit

Bei all den Gesprächen über Natur und Anpflanzungen kann ein Thema nicht außen vor bleiben: die Trockenheit. „Wir müssen hier auch in den nächsten beiden Jahren noch viel gießen, damit die Wurzeln der Pflanzen genug Kraft zum Wachsen bekommen“, sagt der Ingenieur.

Rainer Hemesoth bestätigt, dass auf seinen Weiden in diesem Jahr viel verdorrt sei und er nachsäen musste. „Mit dem dadurch entstandenen Futtermangel müssen auch andere Landwirte klarkommen.“ Für die Kühe wiederum sind in dem modernen Stall nun drei „Selbstsaugepumpen“ vorhanden, damit diese nach eigenem Gutdünken trinken können.

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