Alter

„Omma“ in der Wohngemeinschaft des Vergessens

Aus ihrem Buch „Ommas Glück“ las jetzt Autorin Chantal Louis. Hinter der Veranstaltung stand unter anderem das Netzwerk Demenz Witten/Wetter/Herdecke.

Foto: Manfred Sander

Aus ihrem Buch „Ommas Glück“ las jetzt Autorin Chantal Louis. Hinter der Veranstaltung stand unter anderem das Netzwerk Demenz Witten/Wetter/Herdecke. Foto: Manfred Sander

Ennepe-Ruhr.  Chantal Louis schreibt über das Leben ihrer Großmutter in dementer Gesellschaft. Um Streit und Wut geht es, aber auch um viele schöne Momente.

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Zuerst dachte sie, ihre Tochter komme heimlich nachts in ihre Wohnung, um ihre eigene Wäsche zu waschen. Kurze Zeit später, schon im Altenheim, verdächtigte Edeltraud Karczewski ihre Mitbewohner, aus ihrem Becher zu trinken. Da ahnte die Enkelin: Es stimmt was nicht.

Chantal Louis erzählt in ihrem Buch „Ommas Glück“ vom Leben ihrer Großmutter in einer Demenz-Wohngemeinschaft. Das ist nicht immer nur bedrückend und beängstigend. Bei ihrer Lesung im Café der Stadtbibliothek in Witten war erstaunlich viel Humor aus dem lebendigen Vortrag der 48-Jährigen herauszuhören. Der Besucherkreis dieser eintrittsfreien Veranstaltung blieb überschaubar, obwohl das Thema eigentlich von dauerhafter Aktualität ist.

Nicht alles ist Sonnenschein

Chantal Louis liest mehrere Kapitel, erzählt nicht chronologisch, sondern ist vielmehr bemüht, verschiedene Aspekte herauszuarbeiten. Was sind die ersten Symptome? Wie sind Altenheime auf Demenzkranke eingestellt? Wie reagieren diese auf die Angehörigen?

Als die Situation im Heim nicht mehr haltbar ist, entschließt sich die gebürtige Gelsenkirchenerin, der „Omma“ einen Platz in einer Demenz-WG zu suchen. Dort lebt sie noch heute, laut Louis geht es ihr gut.

Doch die Omma Edeltraud hat gar kein Wort für diese Wohnform. „Früher lebte die Frau mit dem Mann in der Wohnung“, erinnert Louis die Worte ihrer Großmutter. Dann sagt sie mit den Worten einer viel älteren Generation: „Eine Wohngemeinschaft – das war Ausschweifung – und schlimmer noch: Unordnung.“

Eine gute Lösung

Es gibt viele glückliche Momente in dieser Gemeinschaft des Vergessens, sogar Schwärmereien, Tanz, Liebeleien. Chantal Louis habe bei ihren Besuchen „viele skurrile und rührende Geschichten erlebt“, sagt sie. Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Es gibt auch Streit. Die Demenz schreitet unerbittlich voran: Erst kommt das Misstrauen, die Paranoia, dann keimt Wut auf, Wut über ein Leben, das man anderen gewidmet hat, über ein Leben, in dem man „zu kurz gekommen ist“. Und dann, ja dann kommt das große Vergessen.

Und dennoch: Die Demenz-WG sei für Omma Edeltraud die beste Lösung. Und für andere Betroffene vielleicht auch mehr als nur eine Überlegung. Ausgerichtet wurde die Lesung vom Netzwerk Demenz Witten/Wetter/Herdecke und der Bibliothek Witten.

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