Daten

Professor aus Wetter macht aus Zahlen Hingucker

Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind die USA (Platz 6) gar nicht mehr so stark bei den Rüstungsausgaben wie bei der Betrachtung der absoluten Wehrausgaben..

Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind die USA (Platz 6) gar nicht mehr so stark bei den Rüstungsausgaben wie bei der Betrachtung der absoluten Wehrausgaben..

Foto: Klaus Görzel

Wetter.  Neuer Klick, neuer Blickwinkel auf die Zahlen: Statistik-Professor Hans-Joachim Mittag aus Wetter geht es um Anschaulichkeit und viel Erkenntnis.

Zahlen allein sind langweilig und Auffälligkeiten in Zahlentabellen schwer zu entdecken. Mit Kurven kann dagegen eine Entwicklung sichtbar gemacht werden, mit Balken lassen sich Zahlenwerte gut vergleichen. Wenn zwischen verschiedenen Präsentationsformen leicht hin und her gewechselt werden kann, dann kann das rasch spannend werden. Professor Hans-Joachim Mittag arbeitet daran, dass aus nackten Zahlen wahre Hingucker werden. Denn darum geht es dem Wetteraner: Die Informationen, die Zahlen bergen, sollen anschaulich werden, und: Er will lehren, wie wichtig genaues Hingucken ist.

Beispiel Olympiade. Beim offiziellen Medaillenspiegel für die Sommerolympiade 2016 waren die Chinesen auf Platz 1. Mehr Goldmedaillen hatte keine Nation errungen. In den US-Medien geht man aber vorrangig nach der Gesamtzahl aller Medaillen, und so standen hier 2016 die USA auf dem Siegertreppchen. Weltweit wurde heißt diskutiert, welcher Medaillenspiegel gerecht ist. In seinem Statistik-Lehrbuch hat Hans-Joachim Mittag die Diskussion erwähnt. In der Digitalversion des Buches können die Leser gleich die Links aufrufen und verfolgen, wer die Dinge wie gesehen hat.

Wer gehört aufs Siegertreppchen?

Genau hinschauen lohnt jedenfalls. Allerdings müssen die vorhandenen Daten erst einmal aufbereitet werden. Auch im Ruhestand arbeitet der Statistik-Professor daran kräftig mit. Lange war er an einem Projekt der Hamburger Fern-Hochschule zur Digitalisierung der Lehre beteiligt. Jetzt baut er gerade einen Statistik-Arbeitsbereich mit einem Institut im Umfeld der Hagener Fernuni auf. Bereits für die Öffentlichkeit zugänglich: Ein vom Stockholmer Institut für Friedensforschung veröffentlichter Datensatz zu den Militärausgaben einzelner Staaten. Mit großem Erkenntnisgewinn, wenn die Möglichkeiten zum schnellen Wechsel zwischen unterschiedlichen Präsentationsformen genutzt werden.

Balken zeigen die Staaten mit den größten absoluten Militärausgaben. Die USA 2018 liegen ganz weit vorn, gefolgt von China. Die Rüstungsausgaben gemessen an der Wirtschaftskraft: Bei drei arabischen Staaten, Israel und Russland ist der Balken länger als bei den USA. Und bei den Rüstungsausgaben pro Kopf: Die USA wieder weiter oben auf Platz 2, die Chinesen ganz, ganz weit unten. Die Benutzeroberfläche lädt zu weiteren Wechseln und Perspektivgewinnen ein. Sein Fazit: „Bei Rankings in den Medien muss man schon genau hinschauen, nach welchen Kriterien verglichen wird.“

Attraktiv aufbereitet hat Hans-Joachim Mittag auch aktuelle Daten des Kraftfahrtbundesamtes. Eine Zeitreihe zeigt die PKW-Neuzulassungen von 2006 bis 2018, gegliedert nach Marken sowie Antriebsart. Lange Jahre lagen zum Beispiel Benziner und Diesel fast gleich auf. Seit 2016 dann gehen die Werte weit auseinander. Der Dieselskandal und die Verunsicherung der Verbraucher stecken in diesem Auseinanderdriften.

Mittag geht es um die Förderung von Datenkompetenz. Interessante Daten aus amtlichen Quellen seien meist frei zugänglich, sagt er, die Quellen aber oft unbekannt. Diese Daten seien in eine übersichtliche Struktur zu bringen, aus der sich Botschaften hinter den Daten sofort erschließen lassen. Das gilt nicht nur für Militärwettstreit und Automobilmarkt. Bei Bürgermeister Frank Hasenberg hat der Professor bereits angeregt, lokale Daten für die Stadt sprechen zu lassen. Interaktiv und benutzerorientiert könne es auch sein, wenn es um die Einwohnerzahlen der Stadt oder das Steueraufkommen oder die Verteilung der Altersgruppen gehe.

Lehrreich für Datenjournalisten

Gerade erst hat Hans-Joachim Mittag vor Lehrern und Referendaren einen Vortrag gehalten. Es ging um die Visualisierung statistischer Methoden und Modelle im Mathematikunterricht. Die Praktiker aus den Schulen haben großes Interesse gezeigt. Der milliardenschwere Digitalpakt Schule werde die technische Ausstattung der Schulen verbessern, ist der Professor überzeugt. Für neue Tablets im Unterricht würden aber auch innovative Inhalte benötigt, etwa virtuelle Experimente. Die Experimente können sehr einfach sein: Wie oft tritt „Zahl“ beim mehrfachen Münzwurf auf? Wie ist die Verteilung der Augen beim mehrfachen Würfeln? „Man kann im Unterricht ansatzlos statistische Experimente durchführen“, sagt Mittag.

Mit dem Institut im Fernuni-Umfeld wurde bereits der Grundstock gelegt für eine Online-Bibliothek, in der statistische Methoden und interessante Datensätze benutzerfreundlich präsentiert werden. Weit mehr aufbereitetes Datenmaterial soll hier bald zugänglich gemacht werden. Für Jedermann, ganz besonders aber für Journalisten: Der Professor aus Wetter steht bei der „Statistischen Woche“ im September in Trier auf der Rednerliste. Ein Konferenzschwerpunkt ist der Datenjournalismus. Gerade darüber könnten Leser interaktive Grafiken selbst erkunden.

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