Inklusion

Schule: „Inklusion hat zum Wohle aller auch ihre Grenzen!“

Anja Woljeme unterrichtet an der Schule am Leithenhaus in Bochum Kinder und Jugendliche mit einer Hörschädigung.

Anja Woljeme unterrichtet an der Schule am Leithenhaus in Bochum Kinder und Jugendliche mit einer Hörschädigung.

Foto: Ramona Richter

Herdecke/Volmarstein/Bochum.  Regel- oder Förderschule? Viele Eltern stehen jedes Jahr vor der Wahl. Die Lokalredaktion hat drei verschiedene Schulen besucht.

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Förderschule oder eine Schule mit Inklusion? Vor dieser Frage stehen Jahr für Jahr zahlreiche Eltern im Ennepe-Ruhr-Kreis. Und Schulformen gibt es einige: Die Lokalredaktion war zu Gast in der Oberlinschule in Volmarstein, der Werner-Richard-Grundschule in Herdecke und der Schule am Leitenhaus in Bochum.

H wie Hörschädigung

La, Le, Lu steht in großen Buchstaben auf der Tafel in der Schule am Leithenhaus in Bochum. Davor sitzt eine kleine Gruppe Kinder. Es sind jene der Klasse 1a. „La“, „Le“ rufen sie nacheinander ihrer Lehrerin Anja Woljeme entgegen. „Super“, lobt sie ihre Schüler. Sie trägt einen Sender einer digitalen Übertragungsanlage um den Hals. „Dieser ist mit den Hörhilfen der Kinder verbunden. So hören sie mich besser“, sagt sie. Denn alle Kinder sind mit Hörhilfen versorgt.

Anja Woljeme unterrichtet nicht an einer Regelschule, sondern an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit einer Hörschädigung. „Das bedeutet nicht, dass alle Kinder, die hier an der Schule für Hörgeschädigte sind, nicht hören oder nicht sprechen können. Auch sie nehmen akustische Eindrücke war, nur eben anders.“ Und daher sei es besonders wichtig, dass es ruhig ist. Abgesenkte Decken und ein Teppichboden sollen dabei helfen. „Es ist wichtig, störende Geräuschquellen zu vermeiden, damit die Kinder sich ganz auf das Sprachverstehen konzentrieren können. Stellen wir uns einmal vor, wir müssten immer Sprache aus lauten Umgebungsgeräuschen herausfiltern. Das ist auf Dauer sehr anstrengend und nicht machbar. Der Sender dient dazu, dass meine Stimme direkt auf die Hörhilfen übertragen wird.“

Heute unterrichtet sie Kinder im Grundschulalter, berät Familien und betreut Kinder in der Frühförderung von Klein auf. „Wir hier sind als Berater in der Schule und im Außendienst, als Lehrer und Lernbegleiter tätig. Hier an der Schule sind wir näher an den Schülern und können sie individuell fördern.“ Dabei orientiere sich die Schule am Lehrplan der allgemeinbildenden Schulen. „Unser Ziel ist es, den Kindern einen vergleichbaren Abschluss zu ermöglichen. Zudem haben hier die Kinder die Möglichkeit – mit weniger Hindernissen - Freunde zu finden und miteinander zu kommunizieren“, so Woljeme, die die lautsprachunterstützende Gebärde (LUG) nutzt. Das sei nicht zu vergleichen mit der deutschen Gebärdensprache (DGS), die als eigene Sprache anerkannt ist und eine eigene Grammatik hat. „Wir möchten, dass die Kinder Gebärden lernen, Lautsprache verstehen, sprechen und schreiben können, um an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Insgesamt 263 Schüler, u.a. aus Ennepetal, Schwelm, Herdecke und Wetter gehen auf die Schule am Leithenhaus. „Die Schüler müssen sich ihren Wortschatz hier erst einmal erarbeiten. Im Leben läuft schließlich fast alles über Kommunikation. Es gibt Kinder, die in der Inklusion sehr gut zurechtkommen, und es gibt Kinder, die die besonderen Bedingungen der Schule für Hörgeschädigte benötigen, um eine guten Lernweg einschlagen zu können.“

I wie Integrationshelfer

Besondere Bedingungen, die auch Carla Klimke kennt. Seit 1994 arbeitet sie an der Oberlinschule in Volmarstein. „Wir haben einen hohen Anteil an schwerstbehinderten Kindern, die nur wenig Möglichkeiten haben, selbstbestimmt zu leben und in fast allen Bereichen auf Hilfe angewiesen sind“, sagt sie. Da sei eine Förderschule für viele ihrer Schüler die richtige Wahl. „Wir haben die Möglichkeit, Therapien und Förderstunden in den Alltag zu integrieren, damit die Eltern zuhause entlastet sind.“ Die Kinder kommen aus dem gesamten Kreis ab dem sechsten Lebensjahr in die Oberlinschule und können dort bis zum Abschluss der Schulzeit bleiben. Ein Übergang in die Regelschule ist aber auch möglich.

Doch nicht nur Kinder sitzen am Morgen in dem Klassenraum, gleich neben dem Eingang – vier Erwachsene und sechs Kinder versammeln sich in einem Halbkreis um ihre Lehrerin. Dabei handelt es sich nicht nur um Sonderpädagogen, sondern auch um Pfleger oder Betreuer. Insgesamt arbeiten ander Oberlinschule über 60 Integrationshelfer, die die Kinder unterstützen, Krankenschwestern, Diakonische Helfer und Therapeuten, die neben dem Lehrpersonal für einen strukturierten Tagesablauf sorgen. „Struktur ist wichtig für die Kinder, um ihnen ein Stück weit Sicherheit zu bieten.“

Strukturierte Klassenräume, Zeitpläne und vieles mehr – die Vorbereitung der Unterrichtszeiten nehme schon eine gewisse Zeit in Anspruch. Zeit, die die Sonderpädagogin Klimke gerne investiert. „Natürlich gibt es auch Momente, die nicht so schön sind“, sagt sie und deutet auf einen Stein im Garten der Schule. Ein Stein, an dem kleine Sterne zu sehen sind. „Es gibt Kinder, die uns während der Schulzeit verlassen haben.“ Ein trauriger Moment, der bewusst mit den Kindern geteilt wird. Die Kinder aktiv am Alltag teilhaben zu lassen und individuell auf ihre Bedürfnisse einzugehen – das ist das Ziel der Schule. „Es ist unser Auftrag, die Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu bringen, zu integrieren. Hier schauen wir auf ihre Stärken.“

O wie offene Strukturen

Das möchte auch Matthias Wittler, Schulleiter der Werner-Richard-Schule in Herdecke. „Man muss seinen Unterricht flexibler gestalten. Jedes Kind hat sein Potential auf einem unterschiedlichen Niveau – egal ob mit oder ohne Behinderung.“ Das Inklusionskonzept der Schule besagt, dass jedes Kind, ungeachtet seiner sozialen, kulturellen und sprachlichen Herkunft oder Unterschiede die gleichen Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe haben sollte. Doch: „Zur bestmöglichen Förderung aller Kinder in Bildungsinstitutionen ist eine grundsätzliche Umorientierung notwendig. Mit Frontalunterricht können nicht alle Kinder erreicht werden. Sobald ein Schüler nicht mehr mitkommt, sind Frustration und Ausgrenzung nicht weit. Wie müssen unser Konzept erweitern“, so Wittler.

Das bedeutet an der Herdecker Grundschule unter anderem jahrgangsübergreifende Klassen. So sitzen in der Klasse von Sandra Groß Schüler der ersten bis zur vierten Klasse gemischt. Jeder von ihnen besitzt ein eigenes Logbuch, in dem die Wochen- und Tagesziele notiert sind. Heute stehen Mathematik und Deutsch auf dem Plan. „Ich verstehe das nicht“, sagt ein Mädchen und zeigt ihrer Mitschülerin Viktoria eine Aufgabe in ihrem Heft. „Ich erkläre es dir, warte“, sagt sie und geht zum Platz des Mädchens. Für sie ist es selbstverständlich, ihren jüngeren Schulkameraden zu helfen.

„In der Regel bleiben die Schüler bei mir in der Klasse. Das heißt, dass sie vier bis fünf Jahre lang – je nachdem wie lange sie brauchen – einen Ansprechpartner haben“, sagt Sandra Groß. Natürlich kennt auch sie die Vorurteile einiger Eltern. „Als sie noch nicht frei wählen konnten, auf welche Schule ihre Kinder gehen, kamen schon Fragen wie: Wird mein Kind auch wirklich ausreichend gefördert? Aber die Schüler hier lernen die gleichen Dinge wie an einer Regelschule – nur eben in ihrem Tempo.“ Doch auch die Werner-Richard-Schule gerät trotz funktionierender Inklusion an ihre Grenzen: „Es gibt einfach zu wenig Sonderpädagogen. Die Ressourcenfrage ist ein Problem bei der Inklusion“, so Wittler. „Inklusion braucht Zeit und Geld. Sie wäre eine Chance gewesen, das Bildungssystem zu reformieren, doch wir haben den Zeitpunkt verpennt.“

Und auch wenn er davon überzeugt ist, dass Inklusion mit dem richtigen Konzept und der richtigen finanziellen Förderung klappen kann: „Förderschulen machen dennoch Sinn: Schwerstbehinderte Menschen haben oftmals andere Bedürfnisse, die wir selbst als Inklusionsschule nicht erfüllen können. Denn die Inklusion hat zum Wohle aller Kinder auch ihre Grenzen.“

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