Gericht

Spiegel abgefahren - Angeklagte bestreitet die Vorwürfe

Foto: Klaus Görzel

86-Jährige Herdeckerin fuhr zu dicht an anderem Auto vorbei. Sie beteuert, nichts gehört zu haben. Anwältin kündigt Berufung gegen Urteil an.

Herdecke/Wetter. Reichlich Blechschaden verursachte eine Herdecker Seniorin Anfang des Jahres, als sie mit ihrem Auto einem anderen Wagen zu nahe kam. Sie setzte ihre Fahrt dennoch fort. Das brachte der 86-Jährigen nun eine unangenehme Premiere ein: Sie musste sich vor dem Amtsgericht Wetter verantworten. Der Vorwurf: unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

Am Nachmittag des 9. Januar befuhr die Rentnerin die Straße Am Ossenbrink, und ihr Auto streifte den anderen Pkw, der am Rand geparkt war. Dabei, so der Vorwurf, entstand ein knapp 5000 Euro teurer Fremdschaden. Sie fuhr weiter, meldete sich allerdings zwei Tage später über ihre Rechtsanwältin bei der Polizei. Kurz darauf wurde ihr ein Strafbefehl zugestellt. Demnach wurde sie zu 45 Tagessätzen à 30 Euro Geldstrafe und sechs Monaten Fahrverbot verurteilt. Sie legte Einspruch ein.

Im Prozess mit dem Vorwurf konfrontiert, warf die ältere Dame der Anklagevertreterin einen Blick zu, schüttelte den Kopf und versicherte: „Was die Dame gesagt hat, dass ich den Unfall gemerkt habe, das stimmt nicht. Für mich gab es keinen Vorfall. Ich habe es nicht gemerkt.“ Als sie später wieder in ihr Auto habe steigen wollen, habe sie den kaputten Spiegel und die Schleifspur bemerkt. Da habe sie gedacht: „Da musst du irgendwo drangekommen sein.“ Daraufhin habe sie ihren Sohn angerufen und um Rat gebeten. Der habe ihr gesagt, dass sie sich bei der Rechtsanwältin melden solle. Die sei am nächsten Tag nicht im Büro gewesen, habe dann aber zurückgerufen und die Polizei verständigt. Ein Punkt, der deutlich für die bis dato völlig unbescholtene Herdeckerin sprach. Wenn sie sich nicht gemeldet hätte, so Richterin Sonja Baumann, hätte eine Unfallermittlung nicht stattfinden können.

Monatliche Bezüge fallen höher aus

Die Verteidigerin verwies zudem darauf, dass ihre Mandantin schwerhörig sei und damals Probleme mit ihrem Hörgerät gehabt habe. Überzeugen konnte das die Anklägerin nicht. Die betonte: „Ich bin der Meinung, dass man das merkt.“ Die 86-Jährige parierte prompt: „Ich habe nichts gehört.“ Die Antwort der Vertreterin der Staatsanwaltschaft ließ nicht lange auf sich warten: „Wenn Sie das nicht gehört haben, ganz ehrlich, sollten Sie nicht mehr Auto fahren.“ Die Richterin insistierte: „Dass Sie das nicht gemerkt haben, das glaube ich Ihnen auch nicht.“ Und wenn sie das nicht gehört habe, solle sie wirklich nicht mehr am Straßenverkehr teilnehmen.

Die ältere Dame blieb bei ihrer Version und betonte darüber hinaus: „Ich fahre sicher.“ Ihre Verweigerung, den Strafbefehl im Nachhinein zu akzeptieren und vielleicht doch noch von ihrer ursprünglichen Einlassung abzuweichen, kam sie, deren monatliche Bezüge höher als zunächst angenommen, ausfielen, teuer zu stehen. Sie wurde nun zu 45 Tagessätzen à 100 Euro Geldstrafe verurteilt und bei den sechs Monaten Fahrverbot blieb es. Denn Zweifel, dass sie den Unfall sehr wohl bemerkte, hatte das Gericht nicht. Die Strafrichterin: „Sie sollten sich wirklich überlegen, ob Sie noch regelmäßig am Straßenverkehr teilnehmen wollen.“ Denn möglicherweise stelle sie eine Gefahr für sich und andere Menschen dar. Die Anwältin der 86-Jährigen sah das anders. Sie kündigte Berufung an.

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