Stromtrasse

Stadt Witten gegen Moratoriums-Vorschlag aus Herdecke

Hinter den Gärten am Oberen Grenzweg verläuft die Stromtrasse von Amprion.

Hinter den Gärten am Oberen Grenzweg verläuft die Stromtrasse von Amprion.

Foto: Steffen Gerber

Herdecke/Witten.   An der Stadtgrenze von Herdecke hat Amprion Bäume für die neue Stromtrasse gefällt. Bürger vom Schnee vermissen Rückhalt in Witten.

Steht man im Garten von Familie Grimme, fällt der Blick weit übers Ruhrgebiet, aber vor allem auf drei Strommasten, die am Ende ihres Grundstücks stehen. Im Sommer sollen hier, am Oberen Grenzweg an der Stadtgrenze Herdecke-Witten, schwere Baufahrzeuge anrücken und einige Masten austauschen. Im Garten der Grimmes würde dann ein 59 Meter hoher und zehn mal zehn Meter breiter Gigant stehen. Noch kämpfen die Anwohner vom Schnee gegen die Pläne des Netzbetreibers Amprion. Von der Stadt Witten fühlen sie sich dabei wenig unterstützt, zumal sich Herdeckes Verwaltung oft positioniert.

Während der Grenzweg auf Wittener Stadtgebiet liegt, wohnen die anderen Betroffenen in Dortmund oder Herdecke. Dort ist der Protest weit größer. Doch auch viele Wittener Einwohner des Stadtteils Schnee haben sich der Prozessgemeinschaft Herdecke unter Strom angeschlossen, die klagende Bürger vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gegen die Baugenehmigung der Bezirksregierung Arnsberg unterstützt.

Ist eine so große Trasse notwendig?

Bürgermeisterin Katja Strauss-Köster regte nun – wie berichtet – ein Moratorium an. Sie bezieht sich dabei auf den Beschluss der Bundesregierung, aus der Kohleverstromung auszusteigen. Ob die Trasse in dieser Form überhaupt noch notwendig sei, fragt die Herdeckerin und fordert einen Aufschub der Bauaktivitäten. Die Bürgermeister der zwölf Städte, die entlang der Trasse liegen, sollten sich dem anschließen.

Im April hat der Netzbetreiber Amprion zwischen Dortmund-Kruckel und Hagen-Garenfeld mit den ersten Baumaßnahmen für die neue Stromtrasse begonnen. Für die Grimmes aus Schnee hieß das, dass 15 Bäume auf ihrer Streuobstwiese gefällt wurden. Amprion wird nach dem Bau als Ausgleich neue Bäume pflanzen. „Aber deren Obst werden wir wohl nicht mehr ernten“, sagt Anita Grimme (67). Sie stellt klar, dass ihre Familie realistisch bleibe und nicht per se gegen die Trasse sei. „Wir haben sie ja schon im Garten.“ Seit 1932. Damals kämpfte schon ihr Großvater gegen die Masten, doch das öffentliche Interesse schafft in solchen Fällen Recht.

Vom Umspannwerk in Dortmund-Kruckel nach Dauersberg in Rheinland-Pfalz sollen die Stromleitungen statt 110 demnächst 380 Kilovolt führen. Die 25 Familien vom Grenzweg befürchten gesundheitliche Schäden, vor allem für nachfolgende Generationen. Wissenschaftlich bewiesen sei, dass elektromagnetische Strahlungen von Höchstspannungsleitungen Schäden, etwa Kinderleukämie, hervorrufen könnten. Ihre Bedenken teilten die Betroffenen Wittens Bürgermeisterin Sonja Leidemann schriftlich mit. Eine Antwort habe es nie gegeben.

Wenige Wittener betroffen

Die Stadt Witten schließt sich dem Moratorium nicht an, teilte Sebastian Paulsberg, Leiter des Planungsamtes, auf Anfrage mit. An die Bewohner des Grenzwegs werde demnächst eine schriftliche Stellungnahme dazu verschickt. Ein Grund für diese Haltung sei die Tatsache, dass kaum Wittener betroffen seien und die Leitung – anders als in Herdecke – auch nicht durch dichtes Siedlungsgebiet führe.

Zudem habe die Bezirksregierung Arnsberg nach einem langwierigen Verfahren Amprion das Okay für den Baubeginn gegeben, so Paulsberg. „Amprion hat eine Genehmigung erhalten, die Bestandstrasse zu vergrößern. Ich finde es dann schwierig, diese Entscheidung auf Null zu setzen. Es ist für uns als Stadt schwierig zu beurteilen, wie sich der Kohleausstieg auswirken wird.“ Planerisch müsse man auch die Alternativen sehen. Da es fast unmöglich sei, im dicht besiedelten Ruhrgebiet eine neue Trasse zu ziehen, liege es nahe, den bestehenden Korridor zu erweitern.

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