Stadtgeschichte

Stiftsdamen halten in Herdecke die Geschichte lebendig

Ein Bildnis der letzten Äbtissin des Freiweltlichen adligen Damenstifts Herdecke Wilhelmine von Blomberg-Hachthausen, 1771.

Ein Bildnis der letzten Äbtissin des Freiweltlichen adligen Damenstifts Herdecke Wilhelmine von Blomberg-Hachthausen, 1771.

Foto: Archiv Margrit Sollbach-Papeler / WP

Herdecke.  „Neuzeitliche“ Repräsentantinnen erinnern in Herdecke an das Freiweltliche adlige Damenstift. Mit Vera Schildheuer ging’s los

Die Stadt hat seit kurzem eine neue Stiftsdame, nämlich Nina Ziegler. Sie ist die dritte Stiftsdame der „Neuzeit“ in Herdecke. Aufgabe der Stiftsdame ist es, zusammen mit dem Sackträger die Stadt nach innen und außen zu repräsentieren. Seine wichtigsten Auftritte hat das Paar während der Maiwoche. Wie unlängst zu erfahren war, wissen viele Herdecker nicht, was es mit der Stiftsdame auf sich hat, vor allem die Neubürger nicht.

Keine Nonne

Um eine Antwort zu finden, muss man weit zurück in die Herdecker Geschichte gehen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es nämlich in Herdecke ein Freiweltliches adliges Damenstift. Im Unterschied zu einem Kloster brauchten die Stiftsdamen nur ein Gelübde abzulegen, nämlich das des Gehorsams gegenüber der Äbtissin. Die Stiftsdamen konnten das Stift jederzeit wieder verlassen. Der Grund war meistens eine anstehende Verheiratung.

Wann das Stift gegründet worden ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Die erste urkundliche Nachricht von der Existenz des Frauenkonvents findet sich in den zwischen 1183 und 1187 aufgezeichneten Wundergeschichten des Heiligen und Erzbischofs Anno von Köln. Auch ein Gründungsdatum für die Stiftskirche fehlt. Sicher ist nur, dass sie irgendwann zwischen dem frühen 9. und späten 11. Jahrhundert errichtet worden ist. Es machte sich natürlich gut, wenn die Gründung eines solchen Stifts mit einem Kaiser in Verbindung gebracht wird. Also musste eine Frederuna, angeblich eine Nichte Karls des Großen, als Gründerin herhalten. Ihr hat man in den 1920-er Jahren ein Denkmal in der Fußgängerzone unterhalb des heutigen Rathauses errichtet, zusammen mit der angeblichen ersten Äbtissin Alvidis.

Lebensunterhalt

Die Gebäude des Stifts lagen im Bereich des heutigen Stifts- und Rathausplatzes. Einige Gebäude aus der Stiftszeit existieren dort noch. Die Lebensgrundlage für die Stiftsdamen waren die Einkünfte aus landwirtschaftlichen Betrieben. Das Stift erhielt im Mittelalter Ländereien und ganze Höfe als fromme Schenkungen, die es an die Bauern zur Bewirtschaftung überließ, die dafür Naturalabgaben und später auch Geld an das Stift liefern mussten. Auf dem Stiftsgelände gab es auch eine eigene Bäckerei und eine Brauerei. Zumeist lebten hier etwa 12, 13 Stiftsdamen, höchstens jedoch 20. Die Äbtissin war das geistliche Oberhaupt der Gemeinschaft, der Stiftsamtmann kümmerte sich um die weltlichen Geschäfte.

Versorgungsanstalt

Das Stift diente als standesgemäße Versorgungsanstalt für unverheiratete Adelstöchter. Daher musste man adlig und natürlich ledig sein, um in das Stift aufgenommen zu werden. In jener Zeit hatte eine Tochter aus adeligem Haus nur dann eine Aussicht auf eine standesgemäße Ehe, wenn sie eine entsprechende Mitgift mitbrachte. Die Stiftsfräulein erhielten im Stift eine standesgemäße Bildung, wozu auch Lesen und Schreiben, aber auch Latein gehörten. Während der Gottesdienste mussten sie das Geschehen mit ihrem Gesang begleiten. Eine Besonderheit des Herdecker Stifts war auch, dass es nach der Reformation nicht aufgelöst wurde. Vielmehr gab es hier Damen mit drei verschiedenen Religionen: lutherisch, katholisch und reformiert. Auch die Äbtissinnen wurden im Turnus nach ihrer Religionszugehörigkeit gewählt.

Niedergang und Auflösung

Im 17. und 18. Jahrhundert erfolgte nicht zuletzt durch die vielen Kriege der wirtschaftliche Niedergang des Stifts. Am 1. Januar 1812 wurde es schließlich aufgelöst. Die Grabstele über dem Grab der letzten Äbtissin, Wilhelmine Anna Catharina von Blomberg-Hachthausen, befindet sich auf dem Stiftsplatz und wurde kürzlich restauriert. Sie wurde nach Auflösung des Stifts fast ein Sozialfall: Sie hatte weder eine Bleibe noch genügend Geld für ihren Unterhalt. Vielleicht wegen dieser Sorgen starb sie bereits drei Monate später. Die Zeit der Stiftsdamen in Herdecke war endgültig vorüber und wurde erst Ende des 20. Jahrhunderts in Herdecke wieder lebendig, wenn auch auf andere Art und Weise. . .

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