Heimerziehung

Stimme der geschlagenen Kinder aus Volmarstein

Helmut Jacob von der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006. Seine Unterlagen füllen Ordner.

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Helmut Jacob von der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006. Seine Unterlagen füllen Ordner.

Wetter.   Vor 10 Jahren kam Licht in „die Hölle von Volmarstein“. Es gibt längst ein Buch und viele Leidensberichte. Dabei wollen es die Opfer nicht belassen.

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Ein Leserbrief an die kirchliche Wochenzeitung „Unsere Kirche“ hat die Lawine los getreten. „Die Hölle von Volmarstein“ lag plötzlich nicht mehr im Verborgenen. Helmut Jacob aus Wengern erinnerte an die wehrlosen Kinder, die in der damaligen Krüppelanstalt an Leib und Seele misshandelt worden waren. Übertriebene Fantasien eines Opfers, späte Rache oder einfach nur Nestbeschmutzung? Ein paar Jahre später bescheinigten zwei Historiker, dass es in der Hölle von Volmarstein noch schlimmer zugegangen war als von Helmut Jacob geschildert. Das Buch liegt vor, dutzende von Leidensberichten auch. Und doch geht der Kampf weiter, den die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006 vor ziemlich genau zehn Jahren aufgenommen hat.

Helmut Jacob war selbst einer von denen, die in dem Heim von Diakonissen klein gemacht wurden. „Der Umfang der Gewalttätigkeiten reichte vom morgendlichen Blauschlagen kleiner Finger mit dem Krückstock bis dahin, dass die Kinder ihr eigenes Erbrechen essen mussten.“ Neben fünf äußerst gewalttätigen Schwestern „war der allerschlimmste Satan eine schwerstbehinderte Lehrerin, die mit ihrem orthopädischen Hilfsmittel, dem Krückstock, die Kinder manchmal bis zur Besinnungslosigkeit schlug.“

Auf den Leserbrief folgten Berichte auch in der Zeitung vor Ort. Die Betroffenheit war groß. Solches Leid sollte sich zugetragen haben fast vor der Haustür, verübt an Kindern, klein und wegen ihrer Behinderungen zumeist auch noch besonders wehrlos? Das wollte so gar nicht zu dem Bild der Evangelischen Stiftung Volmarstein passen, wie die Orthopädischen Anstalten heute heißen, die aus der Krüppelanstalt von damals hervorgegangen sind. Geschockt waren aber vor allem die Opfer, als sie schwarz auf weiß lesen konnten, was sie selbst möglichst weit verdrängt hatten. Marianne Behrs saß mit der Lektüre von Unsere Kirche im Wartezimmer beim Arzt. Als sie den Leserbrief ihres Mitschülers Helmut Jacob las - und brach zusammen. Heute heißt ein Haus der ESV nach ihr.

Leidensgeschichten stehen im Netz

Das hat etwas mit der Aufarbeitung zu tun, die der Leserbrief aus dem Frühjahr 2006 ausgelöst hat. Erst nahm die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim Fahrt auf, dann wollte auch die ESV über ihre Geschichte Bescheid wissen. Das hat aber auch etwas damit zu tun, dass Marianne Behrs zur Aussöhnung bereit war. Mit bangem Herzen machte sie sich auf den Weg an den Ort, der mit so schrecklichen Erinnerungen verbunden war. Und doch war es ein tolles Gefühl, dass nun in einem neuen Haus, das zudem ihren Namen tragen sollte, die Handwerker am Wirken waren. Wenige Wochen, bevor Einweihung gefeiert werden konnte, starb Marianne Behrs.

Im Internet ist ihre Lebens- und Leidensgeschichte nachzulesen, wie die vieler anderer Heimkinder aus Volmarstein auch. „Wir müssen verdeutlichen, dass es dieses Leid, diese Verbrechen, wirklich gegeben hat“, formulierten die Mitglieder der Arbeitsgruppe und mussten in der Folge gleich zwei Mal eine zusätzliche Seite im Internet aufmachen, weil die Vielzahl der Berichte sonst zu unübersichtlich geworden wäre. Aus diesen Erinnerungen und dem, was die Historiker Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler zudem zusammen trugen, speiste sich auch deren Buch über die „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe“ über das Johanna-Helenen-Heim von 1947-1967. Hier steht: „Die Verantwortlichen in Volmarstein waren darüber informiert, dass viele Kinder im Johanna-Helenen-Heim Tag für Tag entwürdigenden und gewalttätigen Praktiken der Diakonissen ausgesetzt waren.“

Sexuelle Vergehen weiter ein Tabu

Im Vorwort des Buches von 2010 entschuldigt sich Pfarrer Jürgen Dittrich als Vorstandssprecher der ESV für die Repressalien, die die Heimkinder erleiden mussten. Das Eingeständnis ist da, und doch wünscht sich die Freie Arbeitsgruppe mehr: Eine Entschädigung, die über das hinaus geht, was am Runden Tisch Heimkinder bundesweit angeboten worden ist. „Wir sind sicher, dass die ESV Opferentschädigung leisten will. Aber das käme einem Dammbruch gleich; andere Einrichtungen für Behinderte müssten nachziehen. Das wäre sicher nicht der Wunsch der Diakonie“, heißt es in der Arbeitsgruppe. Helmut Jacob erkennt aber an: „Im Einzelfall leistet die Evangelische Stiftung großzügige materielle Hilfe.“

Die Arbeit der Freien Arbeitsgruppe geht weiter, auch wenn viel erreicht ist. Offen ist etwa noch die Aufarbeitung der sexuellen Vergehen im Johanna-Helenen-Heim. „Das Thema ist tabuisiert“, sagt Jacob, dennoch melden sich gelegentlich Opfer bei ihm.

Plattform für die Heimkinder

Aber da sind ja noch die anderen Opfer aus anderen Heimen in ganz Deutschland, die ihre Geschichten auf den Seiten der Arbeitsgruppe erzählen. Mehr als 400 000 Seitenzugriffe pro Jahr hat die Arbeitsgruppe gezählt. Auch Zeitschriften sind interessiert und Forscher. Sie, aber vor allem auch die Menschen, die sich um andere Menschen kümmern und dabei in Gefahr geraten, ihre Macht zu missbrauchen, können eine Lehre mitnehmen. Helmut Jacob fasst sie zusammen: „Es bleibt nicht alles geheim. Irgendwann wird schon ein Whistleblower kommen“ und mit der Wahrheit auch die Verantwortung.

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