Integration

Syrer unterrichtet Englisch an der Sekundarschule Wetter

Yamen Al Abdullah (36) ist 2013 als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Jetzt hospitiert und unterrichtet er an der Sekundarschule in Wetter.

Yamen Al Abdullah (36) ist 2013 als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Jetzt hospitiert und unterrichtet er an der Sekundarschule in Wetter.

Foto: Nadine Przystow

Wetter.  Yamen Al Abdullah kam als Flüchtling nach Deutschland. Jetzt unterrichtet er Englisch an der Sekundarschule in Wetter. Das hilft auch der Schule.

„’Ich weiß nicht’ ist die Hälfte des Wissens“ lautet ein arabisches Sprichwort. Nach ihm lebt und arbeitet der gebürtige Syrer Yamen Al Abdullah. Er ist Englischlehrer und hospitiert seit Anfang August dieses Jahres an der Sekundarschule in Wetter. Abdullah und 15 weitere Lehrkräfte profitieren dabei vom Pilotprojekt „Integration von Lehrkräften mit Fluchthintergrund“ (ILF) der Bezirksregierung Arnsberg.

Vier Tage in der Woche begleitet der 36-Jährige einen Englisch-Kollegen und hospitiert in dessen Unterricht. Daneben besucht er Fortbildungen zur Methodik und Didaktik sowie den eigens entwickelten Kurs „Deutsch als berufliche Sprache“ am „Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung“ in Dortmund.

„Wir haben erst darüber nachgedacht, was das mit den Kindern und Eltern macht, dann aber sehr schnell zugesagt“, beschreibt Thomas Rosenthal, Schulleiter der Sekundarschule Wetter, den Entscheidungsprozess, als seine Schule angefragt wurde. Das Projekt sei eine „Win-win-Situation für beide Seiten: „Zum einen ist es für Herrn Abdullah eine sehr gute Möglichkeit zur Integration. Zum anderen fehlen Lehrer, besonders in Englisch.“

Seine Geschichte hat Vorbild-Charakter

„Die Kollegen sind sehr nett und hilfsbereit“, sagt Yamen Al Abdullah über die Unterstützung an seinem neuen Arbeitsplatz. Was er für ein Typ Lehrer ist? Er mag Witze und lacht gerne, „aber als Lehrer braucht man auch Autorität, ohne autoritär zu sein“, sagt der 36-jährige. Und weiter: „Ich glaube daran, dass Wissen zunimmt, wenn wir es teilen. Man kann von jeder Person lernen, egal wie alt sie ist.“

Mit seiner Geschichte kann er ein Vorbild sein, immerhin besuchen 53 Kinder mit Migrationshintergrund die Sekundarschule am See. Yamen Al Abdullah ist in der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren und aufgewachsen. Von 2002 bis 2008 hat er an der dortigen Universität Englische Literatur studiert. Im Anschluss daran wurde er bis 2010 von der Armee eingezogen. Doch während seiner Dienstzeit konnte er eine Prüfung zum Lehrer machen.

Nach den Jahren im Militär unterrichtete Abdullah bis Mitte 2012 an zwei Schulen im Gouvernement Deir ez-Zor im Osten Syriens. Die Situation spannte sich durch den laufenden Bürgerkrieg zunehmend an. Regierungstruppen von Präsident Assad griffen die Stadt an. Die Schulen blieben daher auch nach den Ferien geschlossen.

Flucht über die Balkan-Route

Deshalb ging Abdullah, der frisch geheiratet hatte, mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern zurück zu den Eltern nach Damaskus. „Aber auch dort eskalierte die Lage“, erzählt der 36-Jährige. Er flüchtete mit seiner Familie zunächst in den Norden, von da aus ging es in ein grenznahes Flüchtlingslager in der Türkei. Dort unterrichtete er ehrenamtlich. Im Juli 2013 machte er sich allein auf den Weg nach Deutschland.

Im bayrischen Regen absolvierte Yamen Al Abdullah zunächst einen B1-Deutschkurs und arbeitete an der Volkshochschule als Arabisch-Lehrer. Seine Familie holte er im Januar 2015 nach. Nach einem Umzug ins Allgäu und einem Job in einem Lebensmittelladen ging es für den jungen Mann an die Universität in Bochum, wo er an dem Lehrer-plus-Projekt teilnahm.

Im Rahmen dieses Programms schloss er weitere Sprachkurse ab, bekam didaktische sowie pädagogische Weiterbildungen und machte ein Praktikum an einer Gesamtschule in Witten, wo der dreifache Vater mittlerweile auch wohnt: „Das war alles sehr intensiv“, blickt Yamen Al Abdullah zurück.

Eine Weiterbeschäftigung ist nicht garantiert

Und was ist anders an der Schule in Deutschland? „Schon allein das Gebäude, und wie die Tische in den Klassen angeordnet sind. Bei uns sind die Schulen auch nicht so gut ausgestattet wie hier“, sagt Abdullah. Und noch etwas ist ihm aufgefallen: „Es wird viel ins Klassenbuch geschrieben.“ Während seiner Zeit in Regen hatte man ihm schon von Deutschland als „Land des Papiers“ erzählt.

Am Ende des zweijährigen Projekts könne er das Sprachniveau C2 erreichen und eine unbefristete Stelle bekommen. Eine Garantie gibt es dafür allerdings nicht. Freie Stellen werden von der Bezirksregierung ausgeschrieben. „Wenn wir zufrieden sind, kann er sich gerne bei uns bewerben“, so Thomas Rosenthal. Für Yamen Al Abdullah ist Englischlehrer jedenfalls ein „Traumjob“ und das Projekt sei eine „echte Chance“ für ihn und andere Lehrer mit Fluchthintergrund.

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