Lesung

Thekla Carola Wied sorgt für Sensibilität in Dörken-Galerie

Die Lesung mit Thekla Carola Wied und dem Gitarren-Duo Tedesco nahm am Samstag das Publikum in der Dr.-Carl-Dörken-Galerie mit auf eine literarische Zeitreise durch das 20. Jahrhundert.

Foto: Manuela Pavlovskis

Die Lesung mit Thekla Carola Wied und dem Gitarren-Duo Tedesco nahm am Samstag das Publikum in der Dr.-Carl-Dörken-Galerie mit auf eine literarische Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Foto: Manuela Pavlovskis

Herdecke.   Die szenische Lesung mit Schauspielerin Thekla Carola Wied und dem Gitarren-Duo Tedesco sorgt für viel Applaus in der Dörken-Galerie Herdecke.

Ein Raunen ging durch das ansonsten ehrfürchtig stille Publikum in der Dr.-Carl-Dörken-Galerie, als Thekla Carola Wied ihr Geburtsjahr erwähnte. 1944 – kaum zu glauben. Strahlt die bekannte Schauspielerin doch eine Lebendigkeit und Stärke aus, die auch bei der szenischen Lesung in Herdecke spürbar war.

Thekla Carola Wied nahm am Samstag das Publikum mit auf eine literarische Zeitreise durch das 20. Jahrhundert. Mit dem Programm „Stürmische Zeiten – Blick zurück nach vorn“ tauchte sie in die Epoche ab 1914 ein. In Geschichten, Gedichten und eigenen Erlebnissen kamen Schriftsteller wie Tucholsky, Kästner, Biermann, Hüsch und andere zu Wort, die mit Humor, Sarkasmus und Ironie diese Zeit in Worten schildern.

Die Vitalität der 73-Jährigen spiegelte sich in den Rezitationen wider. Sie passte die Art ihrer Lesung kongenial dem Inhalt der Erzählungen an. Schauspielerin durch und durch, spielte sie Kurt Tucholskys Satire „Herr Wendriner kann nicht einschlafen“ über die Weimarer Republik nach. Sie verließ ihren Platz am Pult, stellte einen Stuhl vorne auf die Bühne, um dort über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu sinnieren.

Nie glitt die Lesung ins Lächerliche oder Kitschige ab. Die Leute lachten, wenn der Text dies einforderte, oder hörten still und gespannt zu, wenn Nachdenklichkeit und Traurigkeit herrschten. Von Klabund, dessen Bücher im Nationalsozialismus verbrannt worden waren, trug sie drei Texte vor, darunter das Gedicht „Icke baumle mit de Beene“, bei dem das Lachen schwer fällt, weil es so schonungslos vulgär das proletarische Genre bedient.

Bedrückend über Emigration äußerte sich Mascha Kaleko, von der „Wär’ ich ein Vöglein“ und „Kein Kinderlied“ zu hören waren, das eine Reise ins „Nirgendland“ beschreibt. Die Physikerin Lise Meitner, als Jüdin aus Nazi-Deutschland nach Stockholm geflohen, schrieb 1945 einen bedrückenden Brief an ihren Kollegen Otto Hahn.

Erich Kästner blieb während der Nazizeit in Deutschland, was er später mit der Kurzgeschichte „Der gordische Knoten“ zu erklären versuchte: Es nütze nichts, den Knoten mit einem Schwert zu durchtrennen, wie es Alexander der Große der Legende nach tat. Einem Problem diesen Ausmaßes verlange Durchhaltevermögen, um den Knoten zu entwirren.

Über die DDR und ihren Zerfall gab es Texte vom Satiriker Peter Ensikat, Fassbinder-Freund Yaak Karsunke und Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch. Damit zur „Generation Burn-out“, als Wied mit Martin Suters Beschreibung von „Hunold, Manager und Familienvater“ die Gegenwart erreichte.

Aus Günther Grass’ „Mein Jahrhundert“ hätte sich die Schauspielerin kein passenderes Stück aussuchen können, als sie über Gundel, ein Flüchtlingsmädchen aus Schlesien, erzählte, das das Gasthaus von Grass’ Vater wieder ans Laufen brachte und dann auch übernahm.

„Du deutsche, deutsche Frau“ und „Mein Vaterland, mein Vaterland“ von 1962 schrieb Wolf Biermann über die schmerzhafte Teilung Berlins. Mit fester, aber warmer Stimme sprach Wied zum Publikum: „Ich hab gesehn zwei Menschen stehn, die hielten sich umfangen am Brandenburger Tor, es waren zwei Königskinder“. Kein Wort aus dem Publikum, es blieb still, einen Moment lang hätte man eine Stecknadel fallen hören können, bis das Gitarren-Duo Tedesco professionell die Stille durchbrach.

Technik-Problem souverän gelöst

Souverän verabschiedete sich auch Thekla Carola Wied vom Mikrofon, das sich anfangs immer wieder durch knarzende Geräusche bemerkbar machte. Sehr zur Freunde des Publikums entledigte sie sich lachend mit Berliner Schnauze („Ick mach det jetze ma ab“) der störenden Technik. Auch ohne diese Verstärkung erreichte die kraftvolle Stimme die hinteren Reihen.

Für die klangliche Untermalung sorgte das hervorragende Gitarren-Duo Tedesco. Barbara Hölzer und Barbara Hennerfeind nahmen das Publikum zwischen den Rezitationen mit auf eine musikalische Verschnaufpause. Da die Tempi auf die Inhalte der Lesungen zugeschnitten waren, blieb die Aufmerksamkeit des Publikums bestehen. Perfekt dargeboten, legten sich Edith Piafs „La vie en Rose“ sowie „Am Grabe der Geliebten“ von Johann Kaspar Mertz und weitere Lieder wie ein Schleier über das eben Gehörte.

Am Ende lockte der lautstarke Applaus von den stehenden Zuhörern die drei Frauen erneut auf die Bühne. Mit den Worten „Wir haben eigentlich keine Zugabe eingeplant, wir machen noch mal Musik“ überließ Wied lachend dem Duo den krönenden Abschluss.

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