Sterbebegleitung

Thema Tod ins Bewusstsein rufen: Humor nicht ausgeschlossen

Erinnerungen zur Osterzeit an Ruth Hut. Tochter Gabriele Karnatz und ihre Familie kümmerten sich in Ende bis zum Tod im September 2017 um die Demenzerkrankte.

Erinnerungen zur Osterzeit an Ruth Hut. Tochter Gabriele Karnatz und ihre Familie kümmerten sich in Ende bis zum Tod im September 2017 um die Demenzerkrankte.

Foto: Steffen Gerber

Ende.  Gabriele Karnatz hat ihre demenzkranke Mutter mit Margarete Burkhardt vom Herdecker Hospiz Olibanum bis in den Tod begleitet.

In der Karwoche stehen bei vielen Christen Stichworte wie Kummer oder Trauer im Vordergrund, ehe der Samstag in Erinnerung an die Grabesruhe Jesu Christi zum Osterfest (Auferstehung) überleitet. Inmitten von Frühlingsgefühlen rückt in dieser Zeit vielerorts also das Thema Tod ins Bewusstsein. Das war auch der Anlass für ein Wiedersehen von Gabriele Karnatz mit Margarete Burkhardt vom Herdecker Hospiz Olibanum. In angenehmer Atmosphäre und bei schönem Sonnenschein in Ende entwickelte sich ein Gespräch über würdevolles Sterben trotz schwieriger Begleitumstände.

Ostern 2017. Die Mutter von Gabriele Karnatz leidet schon länger an Demenz. Vor allem die Familie kümmert sich um Ruth Hut. Ihre Tochter hat sie 2013 mit einigen Tricks aus Hannover zu sich nach Ende geholt und ihr eine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft eingerichtet. „Das war schwierig, ihr gewohntes Umfeld zu ändern“, sagt die Sozial- und Heilpädagogin jetzt rückblickend. Doch angesichts der fortschreitenden Krankheit sei es an der Zeit gewesen, dass die Witwe und langjährige Hausfrau nicht mehr alleine leben sollte. Noch dazu 225 Kilometer entfernt von Herdecke, wohin es Karnatz 1991 verschlagen hat.

Die Krankheit der Mutter bringt verschiedene Phasen mit sich. „Man muss die eigenen Ansprüche herunterfahren, Enttäuschungen gehören dazu, es braucht viel Humor“, sagt die Tochter in der Rückschau. Mit Pflegediensten als Unterstützung macht die Familie unterschiedliche Erfahrungen, mitunter richtig schlechte. Gleiches gilt für Heimaufeinhalte in Urlaubszeiten. Der anfallende Schriftverkehr beispielsweise mit Krankenkassen habe dazu Nerven gekostet, so Gabriele Karnatz, die als Pflegende dann auch nicht alle Ansprüche etwa bei der Rente geltend machen kann.

Als die Mobilität bei Ruth Hut immer mehr nachlässt, sie im Rollstuhl sitzt, sich Sprechfähigkeiten zurückbilden und auch die Nahrungsaufnahme schwieriger wird, kündigt sich im Jahresverlauf 2017 immer mehr die letzte Etappe im Leben der Seniorin an. „Wir haben damals beschlossen, dass sie zuhause bleiben soll und wir sie in unserer Umgebung behalten möchten. Denn wir haben gemerkt, dass wir ihr hier Lebenskraft geben konnten.“ Ihre Mutter sei eine vertrauensvolle Frau gewesen, dazu fleißig, positiv, genügsam. „Sie hat das Leben so genommen, wie es kam. Und gerne gefeiert oder Leute bewirtet.“

Dankbar ist Gabriele Karnatz, dass ihr zu jener Zeit die Palliativ-Fachärztin Karla Caspers vom Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke Ratschläge und damit „Luft zum Atmen“ gibt. Und als Unterstützungsmöglichkeit auf die Sterbebegleitung von Olibanum hinweist. Dort ist Margarete Burkhardt seit der Gründung aktiv. In den Ostertagen 2017 kommt sie erstmals in Kontakt mit der Familie und der Demenzerkrankten. „Das erste Treffen fand draußen statt“, so die Ehrenamtlerin. Ein wichtiger Aspekt, laut Gabriele Karnatz. „Wo steht denn, dass ältere Menschen im Bett sterben müssen?“ Die Tochter ist fortan froh, dass ihr jemand etwas abnimmt, sie unterstützt und entlastet.

Margarete Burkhardt begleitet Ruth Hut bis zum ihrem Tod, zweimal zwei Stunden pro Woche. „Das hätte aus heutiger Sicht noch mehr sein können, denn die Chemie stimmte, ich habe mich gleich willkommen gefühlt. Wobei das Vertrauensverhältnis der Familie, die Zuneigung von Beginn an zu spüren war“, sagt die Hospiz-Mitarbeiterin. Beim Blick in den Rückspiegel stellen die beiden Frauen, die wohl auch berufsbedingt ähnlich und sozial ticken, Gemeinsamkeiten im Umgang mit der Erkrankten fest: das Vorlesen von Geschichten und Märchen, etwa bekannter Titel der Gebrüder Grimm, auch wenn die Senioren offensichtlich nicht mehr alles davon mitbekommen habe. Die Schmerzen habe sie ihr immer wieder angesehen, so Burkhardt.

Geschichten und Märchen vortragen

Über Fotos erhält sie weitere Eindrücke von der früheren (und „starken“) Persönlichkeit, wobei Ruth Hut Erzählungen zufolge auch mal abweisend gewesen sei. Für Sterbebegleiter sei aber wichtig, offen und bescheiden aufzutreten, keine besonderen Ansprüche zu stellen. Kein Wunder also, dass sich auch zwischen den Beiden Parallelen gezeigt hätten. Stichwort Handarbeit. „Das mochte auch meine Mutter und schaute interessiert zu, wenn Margarete Puppen gemacht hat“, erzählt Gabriele Karnatz. „Und ganz lange konnte sie auch noch Sprichwörter vervollständigen.“

Ruth Hut stirbt im Alter von 86 Jahren an einem Sonntag im September 2017. „Einen Tag vorher war sie noch draußen“, so die Tochter. Bemerkenswert sei die Anteilnahme der Nachbarschaft gewesen, gerade von Kindern. Zwei Tage lang ist die Verstorbene in ihrem Zimmer aufgebahrt. „Ein Fünfjähriger fragte, ob er meine Mutter nochmal sehen könnte. Nach Rücksprache mit den Eltern haben wir das erlaubt. Beim Blick auf die Verstorbene kam die Frage: Wo kommt sie jetzt hin?“

Eine philosophische Antwort kann an anderer Stelle erfolgen, konkret sei eine Einäscherung verabredet gewesen. „Über das Thema Tod habe ich mit ihr so gut wie nie gesprochen, nur früher mal im Zusammenhang mit meinem verstorbenen Vater.“ Gabriele Karnatz hat über einen längeren Zeitraum von ihrer Mutter Abschied nehmen können. Als dann an einem Wochenende das letzte Stündlein schlägt, sind neben Familienmitgliedern auch enge Freunde dabei. „Es war gesellig, es entstand ein Gemeinschaftgefühl.“ Natürlich habe sie sich auch mal gefragt, ob das richtig sei. „Aber wie stirbt jemand denn richtig? Ich würde heute alles wieder genauso machen wie damals, da meine Mama ein sehr geselliger Mensch war.“

Faktor Zeit

Ein Foto von der Mutter steht heute gut sichtbar in der Wohnung, zumal sie auch mit ihrem Schwiegersohn gut klar gekommen sei. Gabriele Karnatz und Margarete Burkhardt spüren eine besondere Beziehung zueinander, schließlich sei der Kontakt an einem lebenswichtigen Punkt entstanden. „Verbindungen können natürlich besser entstehen, wenn die Sterbebegleitung nicht kurz vor Toresschluss beginnt und man Zeit miteinander verbringt“, so die Hospiz-Mitarbeiterin. Empathie sei wichtig. Ebenso wie sich auch mal zurückzunehmen. „Das geht auch über Humor. Ich habe gerade erst wieder bei einem Palliativ-Kongress viel gelacht.“ Bei aller Anteilnahme meint Burkhardt: „Mitleid allein hilft keinem. Es geht auch um Konfrontation und das Zulassen von Gefühlen.“

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