Geschichte

Vor 150 Jahren: Herdecker zogen begeistert in den Krieg

Der „Schlafende Löwe“  vor der evangelischen Kirche in Ende wurde bereits 1879 als Erinnerung an die Ender Gefallenen der Einigungskriege errichtet.

Der „Schlafende Löwe“  vor der evangelischen Kirche in Ende wurde bereits 1879 als Erinnerung an die Ender Gefallenen der Einigungskriege errichtet.

Foto: Willi Creutzenberg / WP

Herdecke.  1870 meldeten sich auch Herdecker gegen die Franzosen zu den Waffen. Daheim fehlten die Ernährer, und längst nicht alle kamen heim.

Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich – nach geschickt eingefädelter Provokation durch Bismarck – Preußen den Krieg. Preußen, damals der wichtigste deutsche Staat im sogenannten Norddeutschen Bund, hatte in den Jahren zuvor bereits zwei Kriege geführt und gewonnen, gegen Dänemark und gegen Österreich. Bismarck wollte jetzt die Gelegenheit nutzen, endlich einen deutschen Nationalstaat zu errichten.

In der „nationalen Not der Deutschen“, von Frankreich angegriffen, sollten die süddeutschen Staaten jetzt solidarisch an Preußens Seite stehen – und sie erfüllten Bismarck diesen Wunsch. Der Krieg ging deshalb als deutsch-französischer Krieg in die Geschichte ein.

„Groschensammlung“ sollte helfen

Bismarcks Kalkül ging auf, das damals schon gerne als „Erbfeind“ bezeichnete Frankreich musste sich nach wenigen Monaten Ende Januar 1871 in den Waffenstillstand „flüchten“. Davor aber hatte Bismarck bereits sein wichtigstes Ziel erreicht, die Gründung des Deutschen Kaiserreichs mit dem preußischen König Wilhelm als Deutscher Kaiser an der Spitze. Die Proklamation des Deutschen Kaisers im Spiegelsaal von Versailles empfanden die Franzosen als Demütigung.

Der große Konkurrent Preußens, Österreich, blieb bei der Reichsgründung – wie von Bismarck gewollt – außen vor. Auch die Herdecker blieben nicht unberührt von diesem ersten „nationalen“ Krieg der Deutschen. Eine allgemeine nationale Begeisterung entzündete sich in der Stadt, zahlreiche Bürger, darunter Minderjährige, meldeten sich zu den Waffen, Geld- und Naturalsammlungen wurden initiiert, Päckchen für die Soldaten im Feld gepackt etc. Erste Erfolge steigerten diese Begeisterung.

So begrüßten die Herdecker Stadtverordneten nach der Schlacht bei Sedan, in deren Folge der französische Kaiser Napoleon III. in Kriegsgefangenschaft geriet, diesen Sieg als Grundlage für die Gründung eines Deutschen Reiches, und Friedrich Harkort ließ verlauten, dass man mit den Franzosen als „Erbfeind“ nie enge Freundschaft schließen könne.

Aber die Herdecker waren nicht nur Beobachter und Kommentatoren, schließlich wurden über 150 Männer aus der kleinen Provinzstadt eingezogen, mehr als 100 von ihnen waren verheiratet. Vor allem die Familien mit Kindern – und das waren die allermeisten – hatten es nun schwer, 83 Familien konnten ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus eigener Kraft bestreiten. Ihnen wurde Unterstützung in Form von Mietzuschüssen und Winterzulage seitens des Landkreises Hagen und der Stadt Herdecke gezahlt. Auch eine von Ferdinand Grave initiierte „Groschensammlung“ diente dieser Unterstützung.

Einige der Herdecker Soldaten sollten nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren. Franz Solinus, der erste Herdecker Gefallene, starb bereits am 6. August in der Schlacht von Spichern in der Nähe Saarbrückens, mit ca. 1.000 Toten und 4.000 Verwundeten eine der blutigsten Schlachten des gesamten Krieges. Insgesamt starben sieben Soldaten aus Herdecke und sechs aus dem damals dem Amt Wetter unterstellten Ende auf den Schlachtfeldern, von letzteren allein vier in der Schlacht bei Beaune-La-Rolande Ende November 1870.

Gedenktafel war lange vergessen

Noch heute finden sich in Herdecke zwei Gedenktafeln für die Gefallenen, eins an der Goethestraße bei den anderen Denkmälern und eins unter dem Turm in der Stiftskirche. Diese Tafel wurde erst vor wenigen Jahren wieder aufgehängt, nachdem sie viele Jahre lang im Turm achtlos in einer Ecke gelegen hatte. Wie in jedem Krieg, gab es natürlich auch 1870/71 einen großen Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft und in den Betrieben. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn bot daher der Hagener Landrat den Herdecker Unternehmen die Möglichkeit an, sich kriegsgefangene Franzosen im wahrsten Sinne des Wortes „zu bestellen“, was von einigen Herdecker Betrieben und Ender Landwirten auch genutzt wurde.

Kriegsgefangene in Herdecke

Im November 1870 wurden so 24 Franzosen in die lokale Wirtschaft integriert. Sie arbeiteten u. a. bei der Brauerei Grave, in Steinbruchbetrieben, der Tuchfärberei Habig und einzelnen Ender Bauern. Mit dieser Art der „Zwangsarbeit“ war allerdings schon bald nach dem Waffenstillstand Ende Januar 1871 Schluss. Im Februar bereits wurden die Gefangenen in die Garnisonsstadt Wesel, wo sie ‚bestellt‘ worden waren, zurückgebracht. Zuvor wurde eine vollständige Lohnabrechnung erstellt, die auch durch drei von den französischen Soldaten bestimmte Vertreter als korrekt bestätigt wurde.

Am 10. Mai 1871 wurde der endgültige Friedensschluss zwischen dem deutschen Kaiserreich und der französischen Republik, die nach der Gefangennahme von Napoleon III. eingerichtet worden war, besiegelt. Die nun in kleineren Gruppen zurückkehrenden Herdecker Soldaten erwartete in der Heimat ein Geschenk: Der Magistrat der Stadt hielt für jeden der 152 Rückkehrer ein Geldgeschenk in Höhe von 5 Talern bereit, was einer heutigen Kaufkraft von ca. 250 Euro entsprechen dürfte. Im Übrigen waren die Soldaten – trotz aller nationalen Euphorie – ganz sicher „kriegsmüde“. Erhaltene Feldpostbriefe aus den Wintermonaten des Krieges an die Herdecker Stadtverwaltung machen dies deutlich.

Willi Creutzenberg war Lehrer für Geschichte an der Friedrich-Harkort-Schule in Herdecke

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