Kneipenszene

Warum es in Alt-Wetter bald nur eine einzige Kneipe gibt

Auf dem Weg zum Harkortberg lag die Gaststätte Siekmeier an der Wolfgang-Reuter-Straße.

Auf dem Weg zum Harkortberg lag die Gaststätte Siekmeier an der Wolfgang-Reuter-Straße.

Foto: Archiv Lamle

Wetter.  Zeitzeugen sehen den Weggang der Industrie als Grund für das Kneipensterben in Wetter. Auch das veränderte Freizeitverhalten spielt eine Rolle.

„Es gab zu Spitzenzeiten um die 50 Kneipen in Alt-Wetter und jede davon war gut besucht“, sagt Peter Pierskalla (66). Allein auf der Schöntaler Straße habe es in den 1970er/1980er-Jahren sieben Kneipen gegeben (Haus Düllmann, Reme Casino, Seuthe, Remestübchen, Sauer, Gambrinus, Bürgerkrug). Hier kehrten die Arbeiter der Demag und Reme, damals um die 5000 Beschäftigte, täglich um 12 Uhr für ihre Mittagspause an. Die Wirte hatten schon etliche Gläser Bier vorgezapft und sie reihenweise auf die Tische gestellt. Sie haben in den 45 Minuten richtig gut verdient, ebenso nach Feierabend.

Heute erinnert lediglich das Eingangsschild der Hopfenpinte (ehemals Seute) an vergangene Zeiten. Tresenbetrieb ist hier allerdings schon lange nicht mehr, in dem Haus sind jetzt Wohnungen untergebracht. Und standen die Männer einst im Haus Düllmann am Tresen, werden in dem italienischen Restaurant Il Molise nun Pizza und Pasta serviert.

In der Quelle ist bald Schluss

Auf der Kaiserstraße verteilten sich sogar einmal mehr als zehn Kneipen. Die Wetteraner erinnern sich noch an die XXL-Schnitzel in der Keglerklause und an die Gaststätte Piethe (heute Einkauf-Center). Wenn Wirt Willi müde war, ging er schlafen und die Gäste durften sich ihr Bier selbst zapfen. An der Kaiserstraße gibt es heute nur noch das Hotel und Restaurant Westfälischer Hof und im früheren Burgtor (Ecke Burgstraße) ist die Pizzeria Testarossa eingezogen.

Und wie sieht es in der Königstraße aus? Café Tarot, die Gaststätten Bauer, Pankotsch, Hollkott, Kanne und Flophaus sind alle nicht mehr da. Lediglich die „Quelle“, früher „Omnibus“, hat sich bis heute gehalten. Doch hört ihr Wirt Günter Schäfer am 14. Dezember auf. Ohne Nachfolger wäre dann die „Eiche“ an der Wilhelmstraße die letzte Bierschwemme in Alt-Wetter.

Auch in Wengern und Volmarstein machen Kneipen dicht

In den Wetterschen Stadtteilen zeigt sich ein ähnliches Bild. Mehr als 20 Wirtschaften habe es beispielsweise in Wengern gegeben, und Karlheinz Adams (71) zählt ein paar auf: Tolle im Erbschetal, Zur schönen Aussicht, Lindenhof, Zur Krone, Haus Henriette Davidis (heute Hotel), Sängerklause, Zum kühlen Grunde, Haus Böllberg, Limbecker Eck. Übrig geblieben sind nur der Leimkasten und der Wengerner Hof, wobei Letzterer inzwischen ein italienisches Restaurant ist.

16 Lokale sind im Branchen-Adressbuch der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer aus dem Jahr 1950 für Volmarstein gelistet. Gehalten hat sich lediglich die Burgschänke. In Grundschöttel gibt es noch Thekenbetrieb in den Wirtschaften „Zum Ostholz“ und „Haus Grundschöttel“.

Karlheinz Adams hat früher vor Weihnachten immer eine Kneipentour gemacht: „Wir waren in acht Kneipen. Heute können Sie einmal um eine Kneipe herumgehen“, sagt er. Und Gerd Köhler (70) erinnert sich, dass die Männer vom Stahlwerk Mark schon vor der Frühschicht und ebenso nach der Nachtschicht einen trinken gegangen sind. Heute könne sogar manchmal „zum Problem werden, unter der Woche nach 21 Uhr ein Bier trinken zu gehen“, so Peter Pierskalla.

Weniger durstige Arbeiter durch Schließung der Reme

Was ist passiert, dass es mit den Kneipen so bergab ging? Es habe sich schleichend entwickelt und die Industrie habe einen großen Anteil daran gehabt, sind sich die Gesprächspartner einig.

Den ersten Einschnitt habe es gegeben, als Demag und Reme ihren Angestellten den Lohn nicht mehr bar ausgezahlt, sondern überwiesen haben: „Da wussten die Frauen, was ihre Männer verdienten“, sagt Hans Pierskalla (89). Später sei dann die Mittagspause von 45 auf 30 Minuten verkürzt worden. Auch das habe sich in den Kneipen bemerkbar gemacht.

Sohn Peter bezeichnet die Schließung der Reme im September 1993 sowie die Übernahmeschlacht der Demag mit Vodafone im Jahr 2000 als endgültigen „Niedergang“ für die Kneipen: „Die Wirte haben von den Arbeitsnehmern gelebt.“

Zwar ist Wetter noch immer eine Industriestadt, doch hat sich die Gesellschaft verändert. War es früher ganz normal, während der Arbeitszeit Bier zu trinken, ist das heute ein Grund für die Kündigung. Neben der Auflagen am Arbeitsplatz hat sich aber auch das Freizeitverhalten geändert: „Früher hat man sich live getroffen und da gab es nichts außer Freibad, Kneipe und Kino“, so Peter Pierskalla.

Bier ist im Supermarkt günstiger

Die Kneipe war wichtig für soziale Kontakte. „Hier wurden Probleme besprochen, Allerweltsthemen. Politik wurde in den Kneipen gemacht“, sagt Karlheinz Adams. Heute gingen viele lieber in Restaurants, „wo sie nebenbei trinken“. Und das liebe Geld spielt ebenfalls eine Rolle. Kostete früher ein Glas Bier in der Wirtschaft zwischen um die 30 Cent, ist es heute günstiger, für 5,99 Euro eine Kiste Bier im Supermarkt zu kaufen. So wird das klassische Feierabend-Bier oft zuhause getrunken und auch mit Freunden trifft man sich eher in den eigenen vier Wänden.

„Das größte Problem ist, dass die Jugend nicht nachkommt“, sinniert ein Gast bei einem Besuch in der Quelle. Er und alle anderen, die den Boom der Kneipen erlebt haben, schwelgen wehmütig in Erinnerungen und sind sich einig: Das war eine schöne Zeit.

Das sind die Kneipen in Wetter um 1950

Alt-Wetter: Bartel, Gaststätte Bauer, Bürgerkrug, Zur Klause, Haus Hertha, Lehmkuhle, Dröge, Haus Düllmann, Haus Holland (Zum Amtsgericht), Gaststätte Hollkott, Spinnstuben, Ratsschänke, Wirtschaft am Bahnhof, Bergquelle, Harkortstuben, Gaststätte Piethe, Zur Eiche, Lindenhof, Rosenkranz, Zur Freiheit, Märkischer Hof, Gaststätte Seuthe, Siekmeier, Gaststätte Sommer, Burgschänke, Gaststätte Neuhaus (Omnibus)

Wengern/Esborn: Haus Böllberg, Zur Krone, Wengerner Hof, Leimkasten, Kastanie am Hax, Am Storch, Café Robbert, Im Korten, Gaststätte am Bahnhof, Lindenhof, Tolle, Ruhrtaler Hof, Zum kühlen Grunde, Weber im Langenbruch, Haus Henriette Davidis, Dorfschänke, Am Timpen, Gaststätte „Zum Bahnhof“, Zur schönen Aussicht, Sängerklause, Gaststätte Holthaus, Gaststätte im Bahnhof, Heiderose, Limbecker Eck, Gaststätte August Parys

Volmarstein: Breucking Riehl, Zum Wasserturm, Gaststätte Himmelmann, Haus Humpert, Bahnhofsgaststätte, Haus Kriegeskorte, Hofmeister, Zum guten Tropfen, Gaststätte Nüsperling, Zum hohen Stein, Gaststätte Fritz Rüping, Im Zander, Schackmann, Burgschänke, Korte, Zum Ostholz, Oser, Gaststättee Schmermund

Das sind die Kneipen (und Gaststätten mit Thekenbetrieb) in Wetter aktuell

Alt-Wetter: Zur Eiche, Zur Quelle, Westfälischer Hof, Bootshaus

Wengern: Leimkasten

Volmarstein: Burgschänke

Grundschöttel: Zum Ostholz, Haus Grundschöttel

Quelle: Stadtarchiv Hagen, Stadtarchiv Wetter, Heimatverein Wetter, Zeitzeugen

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