Gastronomie

Wengern verliert sein größtes Hotel

Aus der Vogelperspektive: Das Hotel-Restaurant Elbschetal (hinten) mit seiner dreiteiligen Gebäudestruktur ist ortsbildprägend in Wengern.

Foto: Hans Blossey

Aus der Vogelperspektive: Das Hotel-Restaurant Elbschetal (hinten) mit seiner dreiteiligen Gebäudestruktur ist ortsbildprägend in Wengern. Foto: Hans Blossey

Wengern.   Ende März schließt Maria Voll die Türen des Hotel-Restaurants Elbschetal für immer. Das Gebäude ist schon verkauft. Senioreneinrichtung geplant

Das Hotel-Restaurant Elbschetal stellt zum 31. März den Betrieb ein. Eigentümerin Maria Voll, die seit 16 Jahren die Gastronomie an der Kirchstraße 2-4 leitet, wird sich aus Altersgründen zurückziehen. Sie hat den großen Gebäudekomplex im Herzen des historischen Dorfkerns bereits an das Hattinger Unternehmen „Immobilien Projekt-Management Bottmer“ veräußert. Nach Umbauarbeiten soll das Gebäude als Senioreneinrichtung genutzt werden.

Familie Tolle

Mit dem Hotel ist nicht nur die Historie des Dorfes Wengern, sondern auch die Familiengeschichte von Klaus Tolle verbunden. Sein Großvater August Tolle wohnte in dem etwa 1930 gebauten Eckhaus an der Schmiedestraße/Kirchstraße, in dem sich heute die Gaststätte des Hotels befindet. „In diesem Eckhaus befand sich ein Lokal, das mein Großvater bewirtschaftet hat“, erinnert sich der Wetteraner.

An dieses Gebäude schloss sich ein roter Backsteinbau an, in dem sich einst das Gesellschaftszimmer der Gaststätte sowie die Praxis des Arztes Dr. Dunkmann befanden. „In diesem Saal wurde 1954 das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft übertragen, bei der wir zum ersten Mal Weltmeister wurden. Der Saal war voll, und als Rahn das Tor schoss, spielten sich dort unglaubliche Szenen ab“, so Klaus Tolle.

Sein Vater Willi betrieb in dem Fachwerkhaus, das neben dem Backsteinbau an der Elbsche stand, eine Bäckerei. 1957 gab er sie aus gesundheitlichen Gründen auf und zog mit seiner Familie nach Alt-Wetter, während seine beiden Schwestern Else und Herta in Wengern blieben: „Sie hatten dort ein lebenslanges Wohnrecht“, so Tolle. Seine Tante Else Tolle heiratete Jakob Herbst. „Deren Sohn Hans-Jürgen Herbst übernahm das Fachwerkhaus und das ganze Anwesen. Er hat es abgerissen und zu dem gemacht, was es heute ist.“

Backwerk aus Wengern für den Adel

Auch der Ur-Wengeraner und Eigentümer des benachbarten Hotels Henriette Davidis, Norbert Willam, ist ein guter Kenner der Dorf-Historie. Er berichtet, dass am Standort des Hotels ursprünglich ein anderthalbgeschossiges Haus gestanden habe, das aber um 1900 ein Raub der Flammen geworden sei. Und er weiß auch, dass als Vorgänger der Familie Tolle ein Café nebst Konditorei von Homringhausen und Rüping betrieben wurde. „Jonathan Homringhausen kam aus dem Wittgensteiner Land. Er war Lehrer und kam durch Einheirat nach Wengern. Er war auch Organist und gehörte 1864 zu den Gründungsmitgliedern des MGV Wengern“, so Willam. Durch Jonathan Homringhausen seien Kontakte zum Fürsten von Wittgenstein-Berleburg entstanden, so dass die Konditorei in Wengern zum Kreis der Hoflieferanten des Fürstentums gehörte. „Von Wengern aus wurde also der Adel damals mit Brötchen und Backwerk beliefert“, sagt Nobert Willam schmunzelnd.

Zurück zum Hotel-Restaurant Elbschetal, das nach knapp drei Jahrzehnten unter Federführung von Jürgen Herbst in die Insolvenz ging und dann von dem Schuhunternehmen Stinshoff aus Witten übernommen wurde. Einige Jahre später soll es erneut finanzielle Probleme gegeben haben, die dazu führten, dass Maria Voll das komplette Gebäude erwarb und es 16 Jahre lang selbst bewirtschaftete. Mit ihr als letzter Chefin des Hotel-Restaurants Elbschetal endet nun die wechselvolle Geschichte der Traditionsgastronomie. Norbert Willam sieht darin einen herben Verlust im gastronomischen Angebot: „Für unseren Ort ist das ganz schlimm. Wir verlieren 35 Hotelzimmer.“

Keine Details zur Zukunft

Details über die künftige Nutzung des Gebäudekomplexes wollte Merlin Bottmer, Geschäftsführer des Planungsbüros „Immobilien Projekt-Management“ (IPM) in Hattingen, zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekanntgeben. Nur soviel: „Es wird eine Einrichtung für Senioren.“ Das verwundert nicht in Anbetracht der Ausrichtung des Unternehmens, das sich auf seiner Internetseite so vorstellt: „Als Beratungs-, Investment- und Planungsbüro beschäftigen wir uns ausschließlich mit dem Thema Sozial- und Gesundheitsimmobilie“. Im Fokus der Architekten, Ingenieure und Ökonomen: Wohnen und Pflege im Alter sowie die „generelle Verbesserung der Gesundheits- und Pflegeversorgung“.

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