Soziales

Weniger Stellen für Flüchtlingsarbeit in Herdecke

Flüchtlingsarbeit wird beim VCS – hier beim „Internationalen Frühstück“ einmal im Monat – seit je her groß geschrieben. Zusätzliche Betreuung von Zugewanderten im Auftrag der Stadt Herdecke soll im neuen Jahr entfallen.

Foto: Klaus Görzel

Flüchtlingsarbeit wird beim VCS – hier beim „Internationalen Frühstück“ einmal im Monat – seit je her groß geschrieben. Zusätzliche Betreuung von Zugewanderten im Auftrag der Stadt Herdecke soll im neuen Jahr entfallen. Foto: Klaus Görzel

Herdecke.   Verträge mit zwei Flüchtlingscoaches und dem VCS laufen aus. Die Stadt spricht von Anpassung an die aktuelle Entwicklung. Nicht alle sehen das so.

Die Stadt will die Hilfe für Flüchtlinge zurück fahren. Der Vertrag mit zwei Betreuern, wobei es nicht um zwei volle Stellen geht, und die Vereinbarung mit dem Verein zur Förderung christlicher Sozialarbeit (VCS) sollen zum Jahresende auslaufen.

„Wir passen unser Personal der aktuellen Entwicklung im Flüchtlingsbereich an“, erklärt Dennis Osberg, Pressesprecher der Stadt Herdecke und zugleich fürs Personal zuständig. Den Hauptbedarf in der Betreuung sieht er in den ersten ein bis zwei Jahren und spricht von einer Art „Starthilfe für die Flüchtlinge“, die nun nicht mehr nötig sei. Nach dieser Eingewöhnungszeit „sollten die Flüchtlinge auch ein Stück selbstständig sein.“

Die beiden Flüchtlingscoaches waren auch als Dolmetscher sehr gefragt. Ihre Beschäftigung „war von Anfang an bewusst befristet geplant“, so Dennis Osberg. Die Stadt Herdecke fahre in der Flüchtlingsbetreuung „langsam wieder runter“. Knapp ein Drittel der Kapazitäten gehe mit dem Auslaufen der Verträge verloren. Daneben stehe die Flüchtlingsarbeit, die etwa im Sozialamt und von Hausmeistern auch weiter geleistet würde.

Der VCS hat schon in seiner frühen Phase Flüchtlinge betreut. Damals kamen sie vorwiegend aus dem Südosten Europas. Als vor zwei Jahren die Flüchtlingszahlen, diesmal vor allem mit Menschen aus dem nahen Osten, wieder steil nach oben gingen, kaufte die Stadt beim VCS Hilfe ein. Aus sieben Stunden in der Woche wurden knapp über 20, aktuell sind es 19,5 Stunden pro Woche. Dabei soll es zumindest nach dem Willen der Grünen im Herdecker Rat bleiben. Nächsten Mittwoch soll der Sozialausschuss entsprechend beschließen. Auch soll die Verwaltung prüfen, welche Mittel fürs Übersetzen ins Arabische im nächsten Jahr bereit gestellt werden können.

Der Verein zur Förderung christlicher Sozialarbeit sei „eine der tragenden Säulen der Herdecker Flüchtlingsarbeit“, stellen die Grünen fest. Der VCS sei zu einer „stadtbekannten Anlaufstelle geworden, die für die Herdecker Integrationsarbeit unerlässlich ist.“ Daher das Eintreten für eine Fortführung der Verträge der Stadt.

Dass sie nicht mehr „Feuerwehr“ spielen müssen wie in den Tagen der großen Zuwanderung, wissen auch die vielen Helfer in der Flüchtlingsarbeit. Weniger Bedarf für Hilfsangebote sehen sie allerdings nicht. Hilfe bei Behördengängen ist weiter gefragt, und es kostet viel Anstrengung, Flüchtlinge in den Tauschring oder andere Vereine wie im Sport zu bringen. „Ohne Hilfe und Betreuung fallen die Leute in ein Riesenloch“, ist aus Helferkreisen zu hören.

Die Stadt sieht die Flüchtlinge nicht allein gelassen. „Wir reduzieren, ja, aber nicht auf Null“, stellt Dennis Osberg klar und verweist auf ein anderes Problem: Die Finanzlage der Stadt und die finanzielle Hilfe durch Bund und Land. „Wir werden nicht ausreichend unterstützt“, sagt Osberg und ergänzt, „bei mehr Geld hätten wir auch einen größeren Handlungsspielraum.“ 46 000 Euro gebe es im nächsten Jahr vom Land für die soziale Betreuung von Flüchtlingen – gerade mal genug für eine einzige volle Stelle.

>ZAHL DER FÄLLE NIMMT DEUTLICH AB

Die Zahl der Flüchtlinge im „laufenden Verfahren“ ist deutlich zurück gegangen. Gemeint sind damit Menschen, über deren Asylantrag noch nicht entschieden ist. Für sie gibt es Geld vom Land. Am 30. September zählten 92 Menschen zu dieser Gruppe, ein Vierteljahr zuvor waren es noch 141.

Daneben leben in der Stadt 118 Männer und Frauen, die zwar größtenteils ausreisepflichtig sind, aber vom Sozialamt unterstützt werden müssen – zu Lasten der Stadtkasse. Das Jobcenter zahlt für die Flüchtlinge, die als Asylbewerber anerkannt sind. Sie bekommen Hartz IV.

>DER KOMMENTAR

Sparen am falschen Ende

Von Klaus Görzel

Natürlich muss die Stadt Herdecke sehen, wo sie sparen kann. Und selbstverständlich hat sich die Lage geändert: Die Flüchtlinge kommen nicht mehr in Scharen. Und so bedarf es vielleicht tatsächlich keiner „Feuerwehr“ mehr für die ersten Tage und Wochen. Aber die Menschen sind ja nicht weg. Und ihre Probleme auch nicht. Es sind die alten, weil natürlich sprachliche Barrieren geblieben sind. Behördendeutsch verstehen ja nicht mal alle Einheimischen. Und es sind neue Probleme wie der Schriftverkehr mit dem Jobcenter oder der Antrag fürs Eltern- oder das Kindergeld.

Die Stadt bekommt nur in Teilen ersetzt, was sie für Flüchtlinge tut. Aber sie hat das bislang geschultert und sollte das auch weiterhin tun. Aus ureigenem Interesse und den Herausforderungen folgend.

Eine Stellenstreichung und auch der Verzicht auf die bezahlte Unterstützung des VCS ist da der falsche Schritt. Geboten ist eine Verlagerung: Braucht es keine Starthilfe mehr, müssen die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg der Eingliederung unterstützt werden. Sonst zahlen auch die Herdecker später deutlich drauf.

Langeweile bei den Geflüchteten wäre das kleinste Problem. Depressionen wiegen schwerer oder ein Abgleiten ins Kriminelle. Doch was, wenn aus dummen Gedanken dunkle werden? Man muss den Boden des IS nicht noch düngen.

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