Alters-Rekord

Wie die älteste Frau Deutschlands in Wetter lebt

Das Bild und die Gratulation schickte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck zum 110. Geburtstag. Familienfotos und Girlanden an der Wand zeigen Mathilde Mange, wie geliebt sie in der Familie ist.

Das Bild und die Gratulation schickte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck zum 110. Geburtstag. Familienfotos und Girlanden an der Wand zeigen Mathilde Mange, wie geliebt sie in der Familie ist.

Foto: Klaus Görzel

Wetter.   Mathilde Mange ist die älteste Frau in Deutschland und gerade erst in Volmarstein in die Seniorenresidenz gezogen. Bis dahin lebte sie für sich.

Viele Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges leben nicht mehr. Mathilde Mange hat auch den Ersten erlebt, komplett. Am 10. August 1906 ist sie zur Welt gekommen. Bis vor einem halben Jahr lebte sie noch im Haus der Tochter (84) in Sprockhövel. Jetzt macht sie mit, wenn die Seniorenresidenz Volmarstein vertreten ist: Als der Rotary Club kürzlich zu einer Bootsfahrt auf den Harkortsee einlud, ließ sich die Seniorin nicht zweimal bitten.

Aufgeben gibt’s nicht

Auf der Kommode in ihrem Zimmer liegt der Ausdruck eines Fotos von der Bootsfahrt. Mathilde Mange sitzt am Fenster, die Hände den Nachbarn gereicht, und schunkelt mit. „Wann war das?“, fragt sie Enkelin Angela Haering, die nur eine Straße weiter wohnt und oft bei der Oma vorbei schaut. Mit 111 darf es schon mal vorkommen, dass einem nicht alles gleich wieder einfällt.

Die Kindheit auf dem Dorf aber ist sehr präsent. Die Eltern waren Bauern im Hunsrück, viele Geschwister hatte sie, alle mussten helfen auf dem Hof. Viel Arbeit, wenig Geld – dafür war immer zu essen da. Schon in den Jahren des Ersten Weltkriegs hat sie das gemerkt. Ein Dorfkind sei sie gewesen, sagt Ma­thilde Mange. Acht Jahre Schule mussten reichen, nicht wie in den Städten im Umkreis des Hunsrücks. Stadtkinder konnten auch schon mal auf die höhere Schule gehen, wenn das Geld der Eltern reichte.

Aus dem Heimatdorf gekommen ist sie als Wirtschafterin für einen Landarzt. Um dessen Haus hat sie sich gekümmert und um die Familie. Später dann hat sie geheiratet, einen Gärtner. Als er im Zweiten Weltkrieg fiel, ließ sie sich nicht unterkriegen. Weil es schwierig war, eine gescheite Wohnung für sich und die beiden Kinder zu bekommen, baute sie ein Haus. Und das in schwerer Zeit. „Nicht aufgeben, das ist ihr Motto“, sagt Angela Haering über ihre Großmutter, die sie liebevoll mit „Schatz“ anspricht.

Ein Schatz ist sie für die Familie immer noch. In Sprockhövel, dem Haus der Tochter, habe sie die Familie zusammengehalten, „als beste Hefekuchenbäckerin der Welt“. Viel hat sie sich selbst abverlangt, und vieles bei anderen für erreichbar gehalten. „Und doch ist sie eine einfühlsame Frau, mit der man reden kann“, erinnert sich die Enkelin an die Jahrzehnte des Beisammenseins.

Auch jetzt noch ist sie aufmerksam. Amüsiert schaut sie auf die Sportschuhe, mit denen Sammy (9) mit rüber zur Uroma gekommen ist. Sie sind neongrün.

Andere können mit ernten

Von der Ernte auf den Äckern des Hunsrücks erzählt sie, und ihre Hände gehen dabei mit, als schüttelten sie gerade die Erde aus den Büscheln. Um eine andere Art der Ernte geht es ihr, wenn sie sich als Zeitzeugin gefragt sieht: „Ich bin froh, dass jemand beim Zuhören etwas gelernt hat. Denn wer zuhört, nimmt etwas mit, was er noch nicht wusste.“ Und wenn das zu anstrengend wird für die Dame aus der Vorkriegszeit? „Ich vertrag das“, sagt sie und fährt fort: „Ein guter Schlaf, und die Anstrengung ist weg!“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben