Soziales

„Wollen kein vermieftes Sozialkaufhaus sein“

Tisch, Stühle und Deko – im „Store“ gibt es alles gebraucht und für einen guten Preis. Geschäftsführer Meinolf Melcher und Store-Leiterin Beate Löhr geben Einblick in die Entwicklung des Sozialkaufhauses.

Tisch, Stühle und Deko – im „Store“ gibt es alles gebraucht und für einen guten Preis. Geschäftsführer Meinolf Melcher und Store-Leiterin Beate Löhr geben Einblick in die Entwicklung des Sozialkaufhauses.

Foto: Elisabeth Semme

Wetter.  Nachhaltigkeit steht hoch im Kurs. Das gibt dem Sozialkaufhaus „Store“ in Wetter Rückenwind. Geschäftsführer Meinolf Melcher über die Entwicklung.

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Es war ein Experiment, als Kolping im Oktober vor vier Jahren den „Store“ an der Kaiserstraße 97 mitten in Alt-Wetter eröffnete. In dem „Laden“ gibt es neben gebrauchten Möbeln auch Elektro- und Haushaltswaren sowie Kleidung und Deko – alles stammt aus den Händen von Spendern, die dem Geschäft ihre nicht mehr benötigten Dinge schenken. Die Sachen werden professionell gereinigt und aufbereitet, bevor sie in den Verkauf kommen. Über die positive Entwicklung des Geschäfts, die Ausweitung des Angebots durch Dienstleistungen und Pläne für die Zukunft sprach die Redaktion mit Meinolf Melcher, bis zum Eintritt in den Ruhestand persönlicher Referent der Kolping-Geschäftsführung in Paderborn und derzeit noch Geschäftsführer des „Store“. Ebenfalls bei dem Gespräch dabei: „Store“-Leiterin Beate Löhr.
Wie wurde der „Store“ in Wetter aufgenommen?
Meinolf Melcher: Zunächst mussten wir erst einmal bekannt werden. Denn ein Sozialkaufhaus ist ja nicht so alltäglich in so einem kleinen Ort wie Wetter. Am Anfang waren die Leute skeptisch. Aber wir haben da viel Energie reingesteckt, und das trägt jetzt Früchte. Die Resonanz steigt und ist positiv geworden.
Beate Löhr: Anfangs sind tatsächlich viele Leute nicht zu uns gekommen, weil sie dachten, es gäbe hier nur Schund und Mist. Dabei war uns von Anfang an klar, dass wir nicht so ein vermieftes Sozialkaufhaus sein wollen und werden.


Wie haben Sie das angepackt?
Meinolf Melcher (schmunzelnd): Frau Löhr sortiert gut aus.
Beate Löhr: Ich weiß eben, was läuft und was nicht. Eiche- oder Nussbaum-Möbel muss ich mir nicht hier hinstellen. Das kauft keiner mehr. Manche Leute sind ein wenig pikiert, wenn wir ihre Sachen nicht oder nicht komplett annehmen. Inzwischen melden sich aber auch viele, die uns wirklich gute, hochwertige Möbel und anderes geben.


Macht sich die zunehmend positive Resonanz finanziell bemerkbar?
Meinolf Melcher: Auf jeden Fall. In den ersten beiden Jahren bewegten wir uns im Minusbereich. Jetzt machen wir ein leichtes Plus, so dass wir auch investieren können. Wir wollen beispielsweise die Lichttechnik moderner gestalten und auch in die Energietechnik investieren. Wir sind froh, dass sich das Geschäft jetzt trägt; denn Zuschüsse gibt es nur für die ersten fünf Jahre, dann fallen sie weg. Und wir wollen ja auch ohne diese Zuschüsse am Markt bestehen. Aber es sieht gut aus.


Warum gibt es Zuschüsse?
Meinolf Melcher:
Wir sind ein Inklusionsunternehmen. Sprich: Bei uns im Store arbeiten zehn Leute, davon fünf mit Handicap. Aber alle haben den gleichen unbefristeten Arbeitsvertrag, verdienen ganz normales Gehalt und sind sozialversicherungspflichtig Beschäftigte beim Kolping-Bildungswerk.
Beate Löhr: Es ist wichtig, dass die Leute das wissen. Denn immer wieder kommen Kunden zu uns und meinen, unsere Preise seien zu hoch. Vor allem, weil wir ja nur Ein-Euro-Jobber beschäftigen würden. Und genau das stimmt eben nicht.


Können Sie etwas zur Idee dieses Geschäfts sagen?
Meinolf Melcher:
Erstens haben behinderte Fachkräfte nicht so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft landen sie in Behindertenwerkstätten. Wir arbeiten hier auch pädagogisch mit den Mitarbeitern, die ein Handicap haben, leisten sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe. Auch das ist Aufgabe eines Sozialunternehmens. Außerdem wird der „!Store“ getragen vom zunehmend stärker werdenden Nachhaltigskeitsgedanken.


Sie haben das Angebot des „Store“ in der Zwischenzeit auch erweitert?
Meinolf Melcher: Ja, vor eineinhalb Jahren haben wir den Bereich „haushaltsnahe Dienstleistungen“ dazu genommen. Anfangs haben wir nur Entrümpelungen und Umzüge angeboten, nun machen wir auch Gartenpflege sowie kleinere Malerarbeiten, die etwa umzugsbedingt anfallen. Dafür haben wir eigens einen Fachmann, einen gehörlosen Maler und Lackierer, eingestellt.


Gibt es weitere Pläne für die Zukunft? Meinolf Melcher: Wir merken ja, dass der Bedarf bei den Kunden nach gebrauchten Sachen größer wird. Nicht, weil es immer mehr Menschen gibt, die nur sehr wenig Geld zur Verfügung haben und deswegen zu uns kommen. Sondern weil ein Bewusstseinswandel innerhalb der Gesellschaft stattfindet. Wegwerfen ist out, Wiederverwerten ist in. Und zwar auch in finanziell durchaus potenten Kreisen. Deswegen wollen wir uns eventuell erweitern und denken an Filialen in Witten und Herdecke. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Zur Person

Meinolf Melcher wurde 1955 in Paderborn geboren und hat an der Universität Bielefeld Erziehungswissenschaften studiert.

Seit 1982 arbeitete der Dipl. Pädagoge durchgängig beim Kolping-Bildungswerk Paderborn.

Seit 1984 wohnt er in Wetter und leitete bis 2016 die Gesellschaft Kolping Ruhr in Witten und Wetter als Geschäftsführer.

Seit 2014 ist er zusätzlich Geschäftsführer der Inklusionsbetriebe Hotel Ardey in Witten und Store in Wetter.

Seit Anfang des Monats ist Meinolf Melcher Rentner. Die Geschäftsführung im Store wird er bis Ende 2020 fortsetzen.

Meinolf Melcher ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder.

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