Geschichte

Zwei Väter und ihre Söhne werden inhaftiert

Diese Postkarte schrieb Gerd Neuhaus während der Zugfahrt ins KZ Sachsenhausen.

Foto: Archiv Willi Creuzenberg

Diese Postkarte schrieb Gerd Neuhaus während der Zugfahrt ins KZ Sachsenhausen. Foto: Archiv Willi Creuzenberg

Herdecke.   Neue Quellen bringen mehr Licht in die Ereignisse nach den Festnahmen in Herdecke während des 9.und 10. November 1938.

Die Ereignisse in den Pogromtagen vom 9./10.11. 1938 in Herdecke sind dokumentiert und bereits mehrfach beschrieben worden. Bekannt ist auch, dass die damals in Herdecke lebenden jüdischen Männer festgenommen und inhaftiert wurden. Jetzt sind bei der Arbeit an der ‚Geschichte der Juden in Herdecke seit dem 17. Jahrhundert‘ neue Quellen erschlossen worden, die etwas mehr Licht in die Geschehnisse nach den Festnahmen bringen.

Arrestzelle im Rathaus

Siegfried Neuhaus und Sohn Gerd sowie Sally Grünewald und Sohn Heinz, also alle damals noch in Herdecke lebenden männlichen jüdischen Bürger, wurden im Verlauf des 10. Novembers festgenommen, in der Arrestzelle im Herdecker Rathaus inhaftiert und am 11. November der Staatspolizei in Dortmund übergeben. Am folgenden Tag, einem Samstag, wurden sie mit einem Sammeltransport ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Im Zug befanden sich auch Juden aus anderen Städten des Ruhrgebiets. Allerdings wusste keiner, wohin die Fahrt sie führen sollte. Eine Postkarte, die Siegfried und Gerd Neuhaus während der Zugfahrt an die erkrankte Mutter, die sich zu dieser Zeit bei ihrer Schwester Rosa Samson in Herne aufhielt, schickten, gibt uns Aufschluss über die Situation, ihre Gedanken und Gefühle. Beide schrieben aufmunternde Worte, lieferten aber auch Informationen über ihre Situation. Siegfried Neuhaus schrieb in sehr nüchternen Worten:

„Im Augenblick sind wir im Zug auf der Fahrt Richtung Hannover, der Zug fährt, deshalb die wacklige Schrift. Mein Gerdchen ist immer bei mir und ich denke, dass er auch weiter bei mir bleiben kann. Das erleichtert mir vieles und hilft mir den Kopf hoch zu halten. Die Nacht waren wir in Dortmund. Eben traf ich Dr. Wertheim, Neugarten + alle Herner, wir sitzen in einem Wagen. Liebe Mama, wie geht es dir, ich hoffe gut, lass dich nicht hängen, dass du ganz gesund wirst.“

Auch Gerd schrieb einige Zeilen:

„Liebe Mutter und Tante Rosa! Unsere einzige Sorge ist, dass Ihr Euch keine Sorge macht. Ihr braucht aber nun nicht zu denken, dass wir nicht gut versorgt wären. Frau Grünewald hatte uns im letzten Moment noch Verschiedenes gebracht. Vater hat sich vorher noch eine Bleyle-Weste und ich habe mir meinen Ski-Anzug und die dicken Bundschuhe mit den Lederkappen angezogen. Herr und Heinz Grünewald mit einem Vetter von Heinz, den ich auch gut kenne, sind bei uns, und wir wollen versuchen auch weiterhin zusammenzubleiben, wie es ja bisher auch geklappt hat. Also, meine Lieben, bleibt gesund und munter, lasst den Kopp nicht hängen, das verschlimmert die Sache nur noch mehr.“

Aus weiteren Karten/Briefen bzw. Unterlagen aus dem Archiv der ‚Gedenkstätte Oranienburg‘ kennen wir weitere Details aus der Zeit im Lager: In Sachsenhausen angekommen, wurden alle kahlgeschoren und die Väter von den Söhnen getrennt. Vater Neuhaus erhielt die Häftlings-Nr. 11621 und wurde in Block 15 des Lagers einquartiert, sein Sohn (Nummer 10329) kam in den Block 58. „Ich treffe Gerd jeden Tag, er ist in der Jugendbaracke und es geht ihm gut, auch ich bin zufrieden“ schrieb Siegfried Neuhaus auf einer Postkarte an seine Frau vom 20. November 1938. Er drängte gleichzeitig darauf, die Auswanderung vorzubereiten: „Max ( der ältere Sohn, der in London lebte) soll die Auswanderung energisch betreiben, ich hoffe hiervon bald profitieren zu können.“ Am 18. Dezember wurden beide aus dem KZ Sachsenhausen entlassen. Zuvor musste Siegfried Neuhaus sich verpflichten, „Grundbesitz und sonstige Vermögensangelegenheiten schnellstens zu liquidieren und aus Deutschland auszuwandern.“

Erfrierungen an den Fingern

Von Sally und Heinz Grünewald haben wir keine persönlichen Schilderungen über diese Wochen im KZ. Vater Sally (Häftlingsnummer 11698) wurde in den Block 18 eingewiesen und mit den beiden Neuhaus-Männern aus dem KZ entlassen. Heinz Grünewald (Häftlings-Nummer 11808), untergebracht im Block 62, wurde erst knapp drei Wochen später entlassen. Eine mögliche Erklärung: Vermutlich war er zu der Zeit, als die anderen entlassen wurden, im ‚Krankenrevier‘ und sollte/konnte noch nicht entlassen werden. Er hatte sich aufgrund von Erfrierungen Gliedverluste an den Fingern beider Hände zugezogen. In einem Schreiben der „Politischen Abteilung“ an die Lagerführung vom 6. 1. 1939 werden 6 Häftlinge zur Entlassung am 6. 1. 1939 benannt. Das Schreiben, dessen Original sich heute in einem Archiv in Moskau befindet, enthält den handschriftlichen Vermerk „Eilt! Heute noch!“ An vierter Stelle steht Heinz Grünewald mit dem Vermerk „Revier“.

Das weitere Schicksal der KZ-Häftlinge und ihrer Familien ist bekannt: Familie Neuhaus gelang die Emigration nach England. Auch Heinz Grünewald konnte sich noch im August 1939 dorthin retten, seine Eltern wurden 1941 deportiert und in Riga ermordet.

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