Rechtsextremismus

Droht in Herne die Bildung einer rechtsextremen Szene?

Auch drei Herner nahmen nach Angaben der Polizei am 8. September an dem Treffen rechter „Bürgerwehren“ in Mönchengladbach - hier ein Bild von der Veranstaltung - teil.

Auch drei Herner nahmen nach Angaben der Polizei am 8. September an dem Treffen rechter „Bürgerwehren“ in Mönchengladbach - hier ein Bild von der Veranstaltung - teil.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Herne.  Die aktuellen Ereignisse werfen die Frage auf: Droht auch in Herne die Gefahr, dass sich rechtsextreme Strukturen bilden? Eine Bestandsaufnahme.

Die Zahl der Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund war in Herne 2018 erneut gesunken, konkret: auf 24 Delikte. Und wie in den Vorjahren erklärte die Polizei im Juli auf Anfrage der WAZ, dass in Herne von einer organisierten oder auch nur in Ansätzen strukturierten rechtsextremen Szene keine Rede sein könne. Nicht nur Demonstrationen der sogenannten „besorgten Bürger“ wecken Zweifel daran, dass diese Einschätzung nach wie vor uneingeschränkt gilt.

So hatte am vergangenen Wochenende auch eine bisher zumindest öffentlich nicht in Erscheinung getretene „Bruderschaft Herne“ zu einem Aufmarsch von selbst ernannten „Bürgerwehren“ in Mönchengladbach aufgerufen - gemeinsam mit 26 anderen Gruppen, darunter auch die Neonazi-Partei „Die Rechte“. Bei der jüngsten Demo der „besorgten Bürger“ am Dienstag in Herne trug ein Teilnehmer ein „Bruderschaft“-Shirt - allerdings mit der Ergänzung „Ruhrpott“.

Polizei: Drei Herner bei „Bürgerwehr“-Treffen

Auf Anfrage der WAZ berichtet die Polizei, dass drei Personen aus Herne bekannt seien, die an der Veranstaltung in Mönchengladbach teilgenommen und dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bruderschaft Ruhrpott“ getragen hätten. Konkrete Erkenntnisse zu einer Gruppe „Bruderschaft Herne“ lägen nicht vor. Und: „Nach den vorliegenden Erkenntnissen des Staatsschutzes des Bochumer Polizeipräsidiums gibt es in Herne derzeit weder eine ,feste rechte Szene’ noch ,rechte Strukturen“, so Polizeisprecher Volker Schütte.

„Ich sehe aktuell die Gefahr, dass sich rechtsextreme Strukturen in Herne bilden könnten“, sagt ein Mitglied des linken Herner Spektrums (Name der Redaktion bekannt), der ein Kenner der rechten Szene ist. Es gebe in Herne Personen aus dem Hooligan/Nazi-Umfeld, die auch im Umfeld von Westfalia Herne immer mal wieder präsent seien. Auch bei den „besorgten Bürgern“ tauchten diese auf.

Zu Westfalia Herne erklärt die Polizei: „Verbindungen von Westfalia Herne zur rechten Szene sind in unserem Haus nicht bekannt.“ Es seien allerdings mehrere Personen aus dem Kreis der Westfalia-Fans bekannt, „die der Rocker- bzw. Hooliganszene angehören“.

Keine öffentliche Distanzierung

Bei den Veranstaltungen der „besorgten Bürger“ gab es bekanntlich bereits mehrere offensichtliche Vorfälle bzw. Teilnehmer mit rechtsextremistischem Hintergrund. So schrieb die Polizei vor zwei Wochen eine Anzeige, weil ein Herner Teilnehmer „Heil Hitler“ gerufen haben soll.

Außerdem haben sowohl die vom NRW-Verfassungsschutz beobachteten „Steeler Jungs“ als auch der vielfach vorbestrafte Dortmunder Neonazi Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt jeweils einmal am „Spaziergang“ der „besorgten Bürger“ teilgenommen. Von einigen Teilnehmern getragene T-Shirts - eine Aufschrift lautete „HKNKRZ“ - sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Eine öffentliche Distanzierung oder Stellungnahme der Organisatoren der Demonstrationen zu diesen Vorfällen blieb bisher aus.

„SS-Siggi“ erhielt einst beim DSC Stadionverbot

Borchardt ist übrigens vor mehr als zehn Jahren schon einmal in Herne in Erscheinung getreten. 2006 versuchten der Neonazi sowie Mitstreiter seiner berüchtigten „Borussen-Front“ offenbar, beim Fünftligisten DSC Wanne-Eickel Fuß zu fassen. „Er hat damals von uns ein Stadionverbot erhalten“, erinnert sich ein Stadtmitarbeiter, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte.

Ihm sei damals aber gar nicht bewusst gewesen, um wen es sich da gehandelt habe. Borchardt & Co. seien wohl auf einen unterklassigen Verein ausgewichen, weil der DFB damals für die höheren Spielklassen eine Reihe von Stadionverboten erlassen habe, so der Stadtmitarbeiter. Und warum gerade der DSC? Die Berliner „tageszeitung“ stellte 2006 in ihrem Bericht „Alte Borussen machen Front in Wanne-Eickel“ neben einem farblichen Bezug zwischen BVB und DSC - schwarz-gelb - auch einen persönlichen Bezug her: Borchardts Partnerin komme aus Wanne-Eickel, hieß es damals.

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