Organspende-Entscheidung

Ein Herner berichtet: So lebt es sich mit fremder Niere

Vor 15 Jahren wurde Martin Schade eine Niere transplantiert. Er berichtet über das neue Leben, das ihm dadurch geschenkt wurde.

Vor 15 Jahren wurde Martin Schade eine Niere transplantiert. Er berichtet über das neue Leben, das ihm dadurch geschenkt wurde.

Foto: Rainer Raffalski / FUNKE Foto Services

Herne.  Vor 15 Jahren wurde Martin Schade aus Herne eine Niere transplantiert. Er berichtet über das neue Leben, das ihm dadurch geschenkt wurde.

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Starke Kopfschmerzen sind das Erste, was Martin Schade damals spürt. Er fährt zum Arzt und lässt sich durchchecken. Sein Blutdruck sei nicht in Ordnung und auch seine Nierenwerte lägen nicht im Normbereich, teilt ihm der Arzt mit. Eine Gewebeprobe der Niere liefert dann das ernüchternde Ergebnis: Martin Schade hat eine Autoimmunkrankheit, die die Filterfunktion seiner Nieren angreift.

„Ohne Dialyse wären mir nur wenige Monate geblieben“, erzählt Schade. Eine dicke Narbe an seinem linken Unterarm erzählt von der Zeit, in der er dreimal in der Woche für mindestens vier Stunde an das Gerät muss, das sein Blut reinigt. Eine anstrengende Zeit, denn: Schon damals im Jahr 2000 ist er – genau wie heute – Vollzeit bei der Bogestra beschäftigt. Seine Feierabende verbringt der Wanne-Eickler im Krankenhaus. „Genau zu den Zeiten, wenn andere in dem Alter ausgehen.“ Zu dem Zeitpunkt ist er 34 Jahre alt.

Seltene Blutgruppe bringt Herner auf den ersten Listenplatz

Nur vier Jahre später erhält Schade dann plötzlich einen Anruf. „Es war 23.30 Uhr, wir haben gerade ein Spiel der Fußball-Europameisterschaft geschaut“, erinnert er sich. Das Knappschaftskrankenhaus in Langendreer habe ein passendes Organ für ihn gefunden. „Da musste ich erstmal drei Mal schlucken.“ Denn normalerweise müssten Betroffene mindestens acht bis zehn Jahre auf ein passendes Organ warten, weiß er. Die seltene Blutgruppe „0 negativ“ habe ihn auf den ersten Platz der Warteliste gebracht.

Am nächsten Morgen um acht Uhr liegt er im OP. Drei Stunden später ist es dann soweit: In Martin Schade arbeitet eine neue fremde Niere. „Noch auf dem OP-Tisch hat die Niere angefangen, Urin zu produzieren.“ Nach zwei Wochen darf er nach Hause.

Vorsitzender der „Selbsthilfegruppe der Dialysepatienten & Nierentransplantierten Bochum e.V.“

Heute lebt er mit der Niere, als sei sie seine eigene. Einschränkungen hat er keine. Weder in seiner Freizeit noch beim Essen oder Trinken. „Den Tabletten ist es schließlich egal, mit was sie runtergespült werden“, sagt er und lacht. Auf diese ist er nun dauerhaft angewiesen. Bereits zwei mal nach der Operation zeigte die neue Niere Abstoßungsreaktionen. Beim zweiten Mal dann die erschreckende Nachricht: Seine Grunderkrankung hat auch die neue Niere angegriffen. Mit Medikamenten kann er diese nun allerdings unter Kontrolle halten.

Dass er mit seinem Verlauf der Krankheit trotzdem bisher großes Glück hatte, ist dem heute 53-Jährigen bewusst. Denn nicht alle Transplantierten verkraften den Einsatz eines fremden Organs so gut. In der „Selbsthilfegruppe der Dialysepatienten & Nierentransplantierten Bochum e.V.“ tauschen sich Betroffene aus, geben sich Halt und hören zu. Seit 2003 ist Schade in der Gruppe – seit 2011 ist er der Vorsitzende von etwa 70 Mitgliedern. Die häufigsten Sorgen seien die, die die Existenz gefährden, sagt Schade. „Kann ich weiterarbeiten? Wie geht es nach der Transplantation weiter?“ Auch ihm helfe die Gruppe sehr, mit der Situation und dem neuen Leben klarzukommen.

Leben retten und neues Leben schenken

Dass der Bundestag jetzt gegen den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gestimmt hat, ist für ihn unbegreiflich. „Alle anderen Länder schaffen es doch auch, warum ist es nur in Deutschland so ein Problem?“ Dass es zu wenig Organspender gibt, sei vor allem dem geschuldet, dass sich viele Menschen zu wenig mit dem Thema Tod auseinandersetzten. „Durch den Vorschlag von Herrn Spahn wäre diese Bequemlichkeit weggefallen“, ist sich Schade sicher. Nun hofft er, dass die Diskussion trotzdem etwas angestoßen hat und sich mehr Menschen einen Organspendeausweis zulegen.

Denn dass man damit nicht nur Leben retten, sondern auch neues Leben schenken kann, dafür ist Schade ein gutes Beispiel. „Ich plane gerade eine USA-Reise mit meiner Freundin – 17 Tage von New York bis zu den Niagara-Fällen.“ Vor einer weiteren Abstoßungsreaktion hat er keine Angst: „Ärzte gibt es schließlich auf der ganzen Welt.“

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