Migration

Brennpunkt-Schule: Wie die Josefschule in Herne es meistert

Schulleiter Robert Faber unterrichtet Mathe in der Klasse 3A an der Josefschule in Herne. Hier haben alle Kinder einen Migrationshintergrund.

Schulleiter Robert Faber unterrichtet Mathe in der Klasse 3A an der Josefschule in Herne. Hier haben alle Kinder einen Migrationshintergrund.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Herne.  80,9 Prozent der Schüler an der Josefschule sind Zuwandererkinder - so viele wie an keiner anderen Schule in Herne. Wie sie den Alltag meistert.

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80,9 Prozent der Kinder an der Josefschule haben eine Zuwanderungsgeschichte. So viele wie an keiner anderen Schule in der Stadt. Diese sowie die Zahlen für alle anderen Herner Schulen im Schuljahr 2018/2019 hat die Landesregierung kürzlich veröffentlicht (siehe Tabelle). Das bringt Probleme mit sich. Aber auch Lösungen – dank hoch motivierter Lehrer und viel Unterstützung. Ein Ortsbesuch.

Ein Klassenzimmer mitten in Herne-Wanne. Schulleiter Robert Faber steht vor der Klasse 3A und unterrichtet Mathe. Seine Schüler stammen etwa aus der Türkei, Albanien, Rumänien, Syrien, Russland, dem Libanon und dem Iran. Jeder Schüler dieser Klasse an der Josefschule hat einen Migrationshintergrund.

Grundschule im sozialen Brennpunkt von Herne

Die von der Landesregierung veröffentlichte Quote von 80,9 Prozent nimmt Schulleiter Robert Faber mit einem Lächeln zur Kenntnis. „In Wirklichkeit sind es wahrscheinlich noch mehr“, sagt er. Ein Problem ist das für ihn nicht – und für die Kinder erst recht: „Den Kindern ist die Herkunft egal.“ Freundschaften oder die Leistung in der Schule hätten erstmal nichts mit der Zuwanderung zu tun.

Die Schule liegt in einem so genannten Brennpunkt. Die Emscherstraße ist um die Ecke, der Wohnraum ist in diesem Teil der Stadt sehr günstig. „Die Probleme, die wir hier haben, hängen weniger mit der Zuwanderung zusammen als damit, dass wir in einem armen Stadtteil liegen. Auch die deutschen Kinder haben zum Teil einen sehr eingeschränkten Wortschatz und bringen viele soziale Probleme mit“, sagt der 46-Jährige, der die Schule seit zwei Jahren leitet.

Kinder müssen grundsätzliche Dinge des Lebens lernen

„Wir haben nicht mehr Probleme als andere Grundschulen, aber andere.“ Der Unterricht müsse anders umgesetzt werden, um den insgesamt 250 Kindern der Schule gerecht zu werden. Neben dem üblichen Lehrplan gehe es vor allem darum, die Kinder auf das Leben vorzubereiten: Wie sieht Hygiene im Alltag aus? Wie geht man einkaufen? Wie lese ich die Uhr, um pünktlich in die Schule zu kommen?

Faber berichtet von einem Kind, das immer in die Schule kam, wenn es hell wurde, weil weder der Schüler noch seine Eltern die Uhr lesen konnten. Einmal habe er ihn im Sommer um kurz nach 7 Uhr getroffen und der Schüler meinte, die Schule sei heute zu, dabei war es einfach zu früh. „Wir haben hier manche so tiefgreifende Probleme, das kann sich keiner vorstellen“, berichtet der Schulleiter.

Kriegserfahrungen und Gewalt in der Familie belasten Kinder

Manche Kinder seien schwer traumatisiert. Diese Kinder handelten nicht rational und ein falscher Blick reiche, damit das Kind zuschlage. Grund seien etwa Kriegserfahrungen oder auch Gewalt in der Familie. Die Schule arbeite eng mit dem Jugendamt zusammen, wenn es um Kindeswohlgefährdungen gehe.

Zwei Sonderpädagoginnen, zwei sozialpädagogische Fachkräfte, eine Schulsozialarbeiterin und eine Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr unterstützen die 15 Lehrkräfte an der Schule. In zwei Auffangklassen können Kinder ihre Sprachkenntnisse verbessern, bevor sie in die Regelklassen wechseln. Zudem werden einzelne Kinder in der Schuleingangsphase auch individuell gefördert.

Stadt unterstützt die Schule mit viel Personal

Ganz konkret: Nicht jedes Kind kann bei der Ankunft an der Schule einen Stift richtig halten. Manche kennen keinen Würfel und müssen üben, wie man würfelt. In den großen Klassen mit rund 30 Kindern sei es nicht möglich, auf diese Förderbedarfe einzugehen, sagt der Rektor. Deshalb sei er umso dankbarer für die zusätzliche personelle Unterstützung, die die Stadt ihnen ermöglicht. Denn auch Schulamtsdirektorin Andrea Christoph-Martini ist sich der „anspruchsvollen Aufgabe“ der Schule bewusst. „Herne hat keinen Dortmunder Süden“, sagt sie. „Wir sind eine Stadt, die total bunt gemischt ist.“ Aber jeder Schüler werde hier genommen, wie er ist.

Und genau so liebt Robert Faber seine Arbeit. Jeden Tag fährt er aus dem Münsterland 65 Kilometer zur Stöckstraße. „Das macht man nicht, wenn es einem nicht gefällt.“ Auch Lehrerkollegen nähmen zum Teil weite Strecken in Kauf, um weiter in Wanne-Eickel zu unterrichten. Natürlich sei es ein gewisser Kulturschock, wenn man aus dem Ländlichen komme, aber er liebe die Herzlichkeit hier.

Hochmotivierte Lehrer, Wertschätzung bei den Kindern

„An einer Schule, an der man mit vielen Problemen konfrontiert ist, ist es existenziell im Team zusammenzuarbeiten“, sagt er und kommt ins Schwärmen – über die motivierten Kollegen aber auch all die Unterstützer. Die Stadt, die alles tue, was man tun könnte, um zu helfen. Mit viel Personal aber auch mentaler Unterstützung und Wertschätzung. Die Arche, mit der die Schule eng zusammenarbeitet, die Kooperation mit Menschen von der Sternwarte, die eine Stunde pro Woche kommen, um mit den Kindern zu experimentieren und dem Kommunalen Integrationszentrum der Stadt.

Zudem gäben die Kinder so viel zurück. „Die emotionale Verhaftung der Kinder an den Lehrern ist viel stärker, weil sie das von zuhause vielleicht nicht so kennen. Weil sie zum Teil schlimme Erfahrungen gemacht haben“, so Faber. „Man hat hier wirklich das Gefühl, dass man gebraucht wird – nicht nur als Lehrer, sondern auch als Begleiter.“

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